Eine Reform gegen Trittbrettfahrer und Donutlöcher

Reportage | Frank Herrmann
26. März 2012, 06:15

Ab Montag wird über Obamas Gesundheitsreform vor dem Obersten Gericht gestritten

In Massachusetts, wo bereits seit 2006 ein ähnliches Gesetz gilt, ist eine große Mehrheit nach wie vor dafür.

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Es war einer dieser Zufälle im Leben, die im Nu alles auf den Kopf stellen können. Beim Stepptanzen rutschte Silvia Romero unglücklich aus und versuchte, den Sturz mit dem rechten Arm abzufedern, ein Reflex, der die Sache noch schlimmer machte. Mit Knochenbruch ging es ins Krankenhaus, wo ihr ein Chirurg eine Metallplatte einsetzte. Ein paar Wochen muss Silvia den Arm noch in einer Binde tragen, dann kann das Leben normal weitergehen.

Trotz des Malheurs spricht die Dolmetscherin von dem unverschämten Glück, das sie hatte. Wäre es ein Jahr früher passiert, der Sturz hätte sie in den Ruin getrieben. Operation, Klinikbett, Nachbehandlung, um die dreißigtausend Dollar hätte sie für alles hinblättern müssen. "Wäre ich nicht versichert, wäre ich pleite", sagt die 57-Jährige.

Früher war die Krankenversicherung kein Thema, über das sie lange nachdachte. Die Betriebswirtschaftlerin, 2000 aus Venezuela in die USA emigriert, weil sie unter Hugo Chávez keine Perspektive mehr sah, hatte eine Stelle bei einer Computerfirma. Der Lohn war nicht üppig, doch der Arbeitgeber zahlte die Krankenversicherung. 2008 wurde Silvia entlassen, ein Jahr später kam für ihren Mann René das böse Erwachen. Er betrieb sechs Schulbusse, ein neuer Bürgermeister kündigte seinen Vertrag. Nun standen die Romeros vor der Wahl: Entweder die Kreditraten fürs Haus abstottern oder die Krankenversicherung bezahlen. Sie entschieden sich für das Dach überm Kopf.

"Mein Rettungsanker"

René beschwor das Prinzip Hoffnung: Sie seien beide gesund, es werde schon nichts passieren. So blieb es, bis Silvia von den billigeren Krankenversicherungen erfuhr, die Massachusetts neuerdings vermittelte. Pro Monat brauchte sie nur noch 116 Dollar zu zahlen, ein Viertel dessen, was es vorher gekostet hätte. Klar, dass sie nichts auf die Gesundheitsreform kommen lässt. "Mein Rettungsanker."

Massachusetts ist so etwas wie das Labor der Nation. Bereits 2006 führte der Ostküstenstaat die allgemeine Pflicht zur Krankenversicherung ein, übrigens unter einem Gouverneur namens Mitt Romney. Dessen Republikaner lassen kein gutes Haar an der Kopie des Romney-Originals, der landesweiten Reform Barack Obamas. Manchmal klingt es, als schwebe die Freiheit in höchster Gefahr, als drohe der Irrweg in den Sozialismus. Es ist ein Glaubenskrieg, der ab heute, Montag, mit einem Verfahren vorm Obersten Gericht sein härtestes Gefecht erlebt. Allerdings, die Schlüsselparagrafen der Obama-Novelle treten erst 2014 in Kraft. Allein in Massachusetts lässt sich bisher ermessen, ob und wie die Reform funktioniert.

Dort kam der Anstoß von einem Geschäftsmann. Thomas Stemberg, Gründer der Schreibwarenkette Staples, hatte die "free riders" als akutes Problem erkannt. Nichtversicherte, die im Krankheitsfall die Notaufnahme der Kliniken aufsuchten, statt sich ins Wartezimmer einer Arztpraxis zu setzen. Im "Emergency Room" liegen die Kosten um das Drei- bis Fünffache über dem, was eine normale Praxis verlangt. Natürlich konnten die Spitäler "free riders" nicht einfach abweisen, die Zeche zahlten am Ende die Versicherten, deren Prämien kräftig stiegen.

2006 machte Massachusetts den Anfang mit einem Prinzip, das Obama 2010 übernahm: Keine Schwarzfahrer mehr, jeder hat versichert zu sein. Wer es ablehnt, wird mit Steueraufschlägen zur Kasse gebeten. Nach einer Studie der Universität Harvard halten fast zwei Drittel der Bürger des Bundesstaats die Korrektur auch im Nachhinein für richtig, mag die Tea Party noch so laut protestieren. Für Glen Shor ist es ein besserer Gradmesser als die dröhnende Debatte in Washington. "Dort kicken sie das Thema nur noch als politischen Fußball übers Feld, während die Fakten in der Versenkung verschwinden."

Der Harvard-Absolvent leitet den Health Connector, das Herzstück der Neuerung in Massachusetts, halb Handelsplatz, halb Ratgeber. Mithilfe des Connectors konnten 215.000 Kunden bezahlbare Policen kaufen. Die Kraft der Masse ermöglicht es Shors Leuten, mit den Versicherungskonzernen niedrige Beiträge auszuhandeln. Nutznießer sind Menschen, die zuvor ins "donut hole" fielen, ins Loch des Zuckerkringels, wie Laien die Lücke salopp umschreiben. Sie verdienen zu viel, als dass sie sich für die Armenfürsorge Medicaid qualifizierten. Für Medicare, das subventionierte Gesundheitsprogramm für Pensionisten, sind sie zu jung. Einen Arbeitgeber, der die Versicherung stellt, haben sie nicht. Silvia Romero, die inzwischen als freiberufliche Spanisch-Übersetzerin in einem Spital arbeitet, wäre ein klassischer Fall fürs "donut hole" gewesen. (Frank Herrmann aus Boston, DER STANDARD, 26.3.2012)

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16 Postings
Rommney hat eindeutig (hier der Beweis) seine Meinungen zum schlechteren geändert.

Meine Meinung zum Gerichtsverfahren wiederhole ich nochmal:
Ich hoffe, das selbst konservative Richter erkennen, dass es im Interesse, das Landes ist die Reform bestehen zu lassen.
Was die Pflichtversicherung angeht: entweder die oder Steuern.
Dass es wirklich Menschen gibt, die der Argumentation der Republikaner folgen "Gott gegeben, die Armen sind selber schuld, lasst sie verrecken" (ich verwende bewusst den Kraftausdruck) beschämt mich immer wieder.

ja ja,

die flipflopper sind natürlich auch unter den reps vorhanden.
ich meine sogar, sie hängen generell ihr fähnchen nach dem wind.

Flip-flopper?
Obama war 2008 vehement gegen ein "Individual Mandate", wie es etwa Hillary Clinton im Wahlkampf 2008 vertreten hat. Und in den 90ern waren es die Republikaner (ich glaube sogar die Heritage Foundation!) die das überhaupt erst erfunden haben.

Ein netter Artikel von Forbes: http://tinyurl.com/87lcw3n

Ihr Blödsinn - ihre haarsträubende Grammatik lasse ich einmal unkommentiert - wird auch nicht besser je öfter Sie ihn wiederholen, Prof. Copy and Paste.

Da ich sehr lieb bin, verzichte ich auf einen Kommentar zur Peinlichkeit fehlerhafter Grammatik-Flames.

Statt diverser "Sob Stories" vielleicht mal Inhalte? (Teil 2)

Fall (b) wäre für Obama eine gewaltige Niederlage und ist ein zweischneidiges Schwert: einerseits wäre Obama dadurch stark angeschlagen, andererseits fehlt den Republikanern ihr Argument um Wähler zu mobilisieren. Dazu kann er noch argumentieren, wie wichtig die Bestellung von Richtern ist.
Fall (c) hingegen wäre - paradoxerweise - mMn am optimalsten für Obama. Der unbeliebteste Teil des Gesetzes fiele, die Vorteile aber blieben, den Republikanern fehlt der Mobilisierungseffekt und am Ende bekommt Obama vielleicht sogar die "public option", weil die Versicherungen ohne Mandate pleite gehen.
Fall (d) würde den Einsatz für 2012 erhöhen - ob alle derzeitigen Höchstrichter noch 2014 im Amt sind, ist mehr als fraglich...

Statt diverser "Sob Stories" vielleicht mal Inhalte? (Teil 1)

Immerhin wird die Entscheidung des SCOTUS die Wahl maßgeblich mitbeeinflussen.
Prinzipiell sind 4 Varianten möglich:

(a) Gesamtes Gesetz verfassungskonform
(b) Gesamtes Gesetz verfassungswidrig
(c) "Individual Mandate" verfassungswidrig
(d) Aufschieben einer Entscheidung bis 2014

Fall (a) wäre für Obama zwar ein großer Sieg, würde aber gleichzeitig wahrscheinlich eine Mobilisierung der Republikaner bedeuten, da dann nur mehr der Weg über die Legislative übrig bleibt. Die Wahl im November wird dann nochmals zur Richtungsentscheidung über Obamacare - wie das das erste Mal (Nov. 2010) ausgegangen ist, weiß man ja...

wie absudr die debatte in den usa ist zeigt ein blick auf die fakten:

die usa mit ihren bishe rein privaten krankenversicherungen haben mit abstand das teuerste gesundheitssystem der welt (kostenpunkt: 14% des bip), das noch dazu unfassbar ineffizient ist, weil ein erheblicher teil der menschen sich keine krankenversicherung leisten kann.

die staatliche krankenfürsorge in europa ist deutlich billiger (8-9% des bip), und schafft es problemlos, zumindest eine grundversorgung für alle bürger (bis auf wenige ausnahmen) sicherzustellen.

so viel dazu, wie viel besser und effizienter die privatwirtschaft in diesem bereich funktioniert. aber komm solchen fundis einmal mit fakten...

Wenn man das Ganze so oberflächlich wie Sie betrachtet würde man wohl auf diese Idee kommen...
In Wahrheit ist alles aber viel komplizierter: Medikamente sind in den USA (obwohl die Pharmafirmen zumeist US Konzerne sind) doppelt so teuer wie in Europa, unnötige (und teure) Tests werden durchgeführt, weil man angst hat, auf Irrsinnssummen verklagt zu werden, echten Wettbewerb gibt es in Wirklichkeit auch nicht - jeder Bundesstaat ist ein eigener Markt und in den meisten Staaten gibt es einen oder zwei dominierende Anbieter.
Übrigens: in dem Bereich, wo Versicherungen kaum involviert sind und Patienten alles selbst bezahlen müssen - nämlich plastische Chirurgie - sinken die Preise...

einerseits andern oberflächlichkeit vorwerfen, aber selber nur oberflächlichkeiten schreiben... oder warum denkst wohl, sind die medikamente in den usa so teuer?

Der Schlüssel dazu liegt in der Definition von "effizient": Sie und wohl die meisten Europäer verstehen darunter die gleiche, gute Versorgung möglichst aller. Viele Amerikaner und vor allem die Gesundheitsindustrie verstehen darunter: Möglichst gut für die, die es sich leisten können; die Gesundheitsindustrie, um möglichst viel Gewinn zu machen und die Privaten, da alles mit "sozial" böse ist und ihre Freiheiten beschränkt.

Ich hoffe doch stark ...

... Obama wird Romney seine eigene Reform vorhalten.

Am besten bedankt er sich in einer TV-Konfrontation für die nette Vorlage und streut im auch noch Blumen für die tollen Ideen, die da in seiner Gesundheitsreform aufgegangen sind.
Noch mehr kann er seinen Gegner nicht bloßstellen.

Finde ich besser Flip Flop at its best

Finde ich besser Flip Flop at its best
http://www.youtube.com/watch?v=rsCmiFcRyIc

Finde ich besser

Flip Flop at its best

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