Eine Reform gegen Trittbrettfahrer und Donutlöcher

Reportage |

Ab Montag wird über Obamas Gesundheitsreform vor dem Obersten Gericht gestritten

In Massachusetts, wo bereits seit 2006 ein ähnliches Gesetz gilt, ist eine große Mehrheit nach wie vor dafür.

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Es war einer dieser Zufälle im Leben, die im Nu alles auf den Kopf stellen können. Beim Stepptanzen rutschte Silvia Romero unglücklich aus und versuchte, den Sturz mit dem rechten Arm abzufedern, ein Reflex, der die Sache noch schlimmer machte. Mit Knochenbruch ging es ins Krankenhaus, wo ihr ein Chirurg eine Metallplatte einsetzte. Ein paar Wochen muss Silvia den Arm noch in einer Binde tragen, dann kann das Leben normal weitergehen.

Trotz des Malheurs spricht die Dolmetscherin von dem unverschämten Glück, das sie hatte. Wäre es ein Jahr früher passiert, der Sturz hätte sie in den Ruin getrieben. Operation, Klinikbett, Nachbehandlung, um die dreißigtausend Dollar hätte sie für alles hinblättern müssen. "Wäre ich nicht versichert, wäre ich pleite", sagt die 57-Jährige.

Früher war die Krankenversicherung kein Thema, über das sie lange nachdachte. Die Betriebswirtschaftlerin, 2000 aus Venezuela in die USA emigriert, weil sie unter Hugo Chávez keine Perspektive mehr sah, hatte eine Stelle bei einer Computerfirma. Der Lohn war nicht üppig, doch der Arbeitgeber zahlte die Krankenversicherung. 2008 wurde Silvia entlassen, ein Jahr später kam für ihren Mann René das böse Erwachen. Er betrieb sechs Schulbusse, ein neuer Bürgermeister kündigte seinen Vertrag. Nun standen die Romeros vor der Wahl: Entweder die Kreditraten fürs Haus abstottern oder die Krankenversicherung bezahlen. Sie entschieden sich für das Dach überm Kopf.

"Mein Rettungsanker"

René beschwor das Prinzip Hoffnung: Sie seien beide gesund, es werde schon nichts passieren. So blieb es, bis Silvia von den billigeren Krankenversicherungen erfuhr, die Massachusetts neuerdings vermittelte. Pro Monat brauchte sie nur noch 116 Dollar zu zahlen, ein Viertel dessen, was es vorher gekostet hätte. Klar, dass sie nichts auf die Gesundheitsreform kommen lässt. "Mein Rettungsanker."

Massachusetts ist so etwas wie das Labor der Nation. Bereits 2006 führte der Ostküstenstaat die allgemeine Pflicht zur Krankenversicherung ein, übrigens unter einem Gouverneur namens Mitt Romney. Dessen Republikaner lassen kein gutes Haar an der Kopie des Romney-Originals, der landesweiten Reform Barack Obamas. Manchmal klingt es, als schwebe die Freiheit in höchster Gefahr, als drohe der Irrweg in den Sozialismus. Es ist ein Glaubenskrieg, der ab heute, Montag, mit einem Verfahren vorm Obersten Gericht sein härtestes Gefecht erlebt. Allerdings, die Schlüsselparagrafen der Obama-Novelle treten erst 2014 in Kraft. Allein in Massachusetts lässt sich bisher ermessen, ob und wie die Reform funktioniert.

Dort kam der Anstoß von einem Geschäftsmann. Thomas Stemberg, Gründer der Schreibwarenkette Staples, hatte die "free riders" als akutes Problem erkannt. Nichtversicherte, die im Krankheitsfall die Notaufnahme der Kliniken aufsuchten, statt sich ins Wartezimmer einer Arztpraxis zu setzen. Im "Emergency Room" liegen die Kosten um das Drei- bis Fünffache über dem, was eine normale Praxis verlangt. Natürlich konnten die Spitäler "free riders" nicht einfach abweisen, die Zeche zahlten am Ende die Versicherten, deren Prämien kräftig stiegen.

2006 machte Massachusetts den Anfang mit einem Prinzip, das Obama 2010 übernahm: Keine Schwarzfahrer mehr, jeder hat versichert zu sein. Wer es ablehnt, wird mit Steueraufschlägen zur Kasse gebeten. Nach einer Studie der Universität Harvard halten fast zwei Drittel der Bürger des Bundesstaats die Korrektur auch im Nachhinein für richtig, mag die Tea Party noch so laut protestieren. Für Glen Shor ist es ein besserer Gradmesser als die dröhnende Debatte in Washington. "Dort kicken sie das Thema nur noch als politischen Fußball übers Feld, während die Fakten in der Versenkung verschwinden."

Der Harvard-Absolvent leitet den Health Connector, das Herzstück der Neuerung in Massachusetts, halb Handelsplatz, halb Ratgeber. Mithilfe des Connectors konnten 215.000 Kunden bezahlbare Policen kaufen. Die Kraft der Masse ermöglicht es Shors Leuten, mit den Versicherungskonzernen niedrige Beiträge auszuhandeln. Nutznießer sind Menschen, die zuvor ins "donut hole" fielen, ins Loch des Zuckerkringels, wie Laien die Lücke salopp umschreiben. Sie verdienen zu viel, als dass sie sich für die Armenfürsorge Medicaid qualifizierten. Für Medicare, das subventionierte Gesundheitsprogramm für Pensionisten, sind sie zu jung. Einen Arbeitgeber, der die Versicherung stellt, haben sie nicht. Silvia Romero, die inzwischen als freiberufliche Spanisch-Übersetzerin in einem Spital arbeitet, wäre ein klassischer Fall fürs "donut hole" gewesen. (Frank Herrmann aus Boston, DER STANDARD, 26.3.2012)

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