Stiftsleitung von Kremsmünster schützte pädophilen Mitbruder

25. März 2012, 18:01
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Man sei schockiert, Konkretes habe man aber nicht gewusst: Die Verteidigungslinie des Stifts Kremsmünster ist klar definiert - Polizeiliche Akten belegen aber gezielte Vertuschung

Linz - "Gerüchte" habe es gegeben, und es sei aus heutiger Sicht "ein großer Fehler" gewesen, diesen nicht nachzugehen. Abt Ambros Ebhart gibt diese Antwort gerne auf die heikle Frage, ob man denn tatsächlich nichts von gewalttätigen Übergriffen und dem sexuellen Missbrauch im Internat des Stiftes Kremsmünster mitbekommen habe.

Vergangene Woche war es wieder einmal Zeit für die bekannte Rechtfertigung. Der 1200 Seiten starke Gerichtsakt der Staatsanwaltschaft Steyr gelangte an die Öffentlichkeit und offenbart ein Bild des Schreckens. Bis in die 1990er-Jahre soll es im Internat des Stiftsgymnasiums Kremsmünster sexuellen Missbrauch und Gewalt gegeben haben.

40 Einvernahmen

40 mutmaßliche Opfer wurden einvernommen, gegen zwölf Personen wurde ermittelt. Elf Verfahren wurden eingestellt, übrig blieb ein Verfahren. Ob gegen den heute 77-jährigen Pater A. Anklage erhoben wird, ist noch offen. Fix ist, dass der Geistliche den Beweis liefert, dass man im Stift bereits 1995 von den Missbrauchsfällen wusste, die heikle Causa aber lieber "intern" regelte.

Dem STANDARD liegt ein Einvernahmeprotokoll (siehe Faksimile links) der Staatsanwaltschaft Steyr aus dem Jahr 2008 vor. Als Beschuldigter wird Pater A. geführt. Ein ehemaliger Schüler belastet den Geistlichen damals in einer Anzeige, die letztlich wegen Verjährung eingestellt wird, schwer. Der Mönch soll in seiner Zeit als Konviktsdirektor (1970 bis 1996) unter anderem regelmäßig Penisse pubertierender Zöglinge betastet haben; ein Zögling wandte sich damals an einen Turnlehrer, dieser an die Schulleitung und den Orden.

Konsequenzen

Die Konsequenzen schildert Pater A. recht freimütig bei der Einvernahme im Jahr 2008: "Auf Anordnung der Stiftsoberen und eigenen Wunsch sollte die Tätigkeit 1995 beendet werden, dies war aber aus organisatorischen Gründen nicht möglich, sodass die Tätigkeit erst mit Ende des Schuljahres 1996 beendet wurde. Auslöser war der Vorfall mit Herrn R. Diese Vorgehensweise wurde gewählt, da auch in diesem Zeitraum die Affäre Groer für Aufsehen gesorgt hat."

Bis 1998 war Pater A. aber weiter als Lehrer und Leiter des Knabenchors tätig. Gefragt nach seiner sexuellen Orientierung gibt Pater A. übrigens bei der Staatsanwaltschaft 2008 zu Protokoll: "Ich würde es als homoerotische Neigung beschreiben. Homosexualität würde ich es aber nicht nennen. Ich würde auch eine pädophile Neigung hier anführen."

Unbehelligt im Kloster

Zusammengefasst lässt sich also sagen: Bereits 1995 hatte die Stiftsleitung offensichtlich genug detaillierte Informationen über sexuelle Übergriffe und Gewalt im Internat, um Pater A. zumindest als Konviktsdirektor abzuziehen. Der Kontakt zu Kindern wurde dem Geistlichen aber weiter ermöglicht. Im April 2008 outet sich Pater A. dann vor den Ermittlungsbehörden als Pädophiler. Seit 2. März 2007 hat die Stiftsleitung bereits Abt Ambros inne. Jener Geistliche, der heute nur von "Gerüchten" gehört haben will. Pater A. darf weiter unbehelligt im Kloster bleiben.

Als dann im Frühjahr 2010 eine ganze Welle von Missbrauchsfällen bekannt wird, ist die heile Welt in der Benediktiner-Abtei nicht mehr aufrecht zu erhalten. Am 10. März 2010 wird Pater A. von einem ehemaligen Zögling des Konvikts erneut mit Vorwürfen von wiederholtem psychischem und sexuellem Missbrauch konfrontiert. In einer ersten Stellungnahme weist dieser die Vorwürfe strikt von sich. Das mutmaßliche Opfer habe sich alles "nach 30 Jahren schön zusammengereimt". Nach weiteren Anschuldigungen relativiert Pater A. sein Dementi in einem offenen Brief: "Ein Sadist wollte ich nie sein."

Pumpgun-Pater

Mit dem Rücken an der Klosterwand sieht man sich vonseiten der Stiftsleitung zum Handeln gezwungen. Erst jetzt wird Pater A. von allen offiziellen Funktionen im Kloster suspendiert. Die Staatsanwaltschaft Steyr leitet Ermittlungen gegen zwölf Beschuldigte ein.

Übrig geblieben ist ausgerechnet Pater A. Dem übrigens auch ein Verstoß gegen das Waffengesetz angelastet wird. Denn der scheinbar fromme Mönch liebt nicht nur Kinder, sondern auch Waffen. Eine Pistole und eine illegale Pumpgun wurden beschlagnahmt. Vonseiten des Stiftes konnte, trotz mehrmaliger Versuche, niemand für eine Stellungnahme erreicht werden. (Markus Rohrhofer, DER STANDARD, 26.3.2012)

  • Lange blieb vieles im Stift Kremsmünster im Verborgenen, jetzt blickt die Staatsanwaltschaft hinter die Klostermauern.
    foto: apa/rubra

    Lange blieb vieles im Stift Kremsmünster im Verborgenen, jetzt blickt die Staatsanwaltschaft hinter die Klostermauern.

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