Der Faustkampf und das Anglerlatein

  • Harald Geier jubelt. Bei 37 Anlässen konnte er das 33-mal tun. Dreimal 
verlor er, einmal bekam er richtige Watschen.
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    Harald Geier jubelt. Bei 37 Anlässen konnte er das 33-mal tun. Dreimal verlor er, einmal bekam er richtige Watschen.

  • Harald Geier mit dem Prügel in der Hand in seinem Fischerladen. Das 
Angeln, sagt er, solle man nicht unterschätzen, das sei durchaus eine 
sportliche Angelegenheit.
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    Harald Geier mit dem Prügel in der Hand in seinem Fischerladen. Das Angeln, sagt er, solle man nicht unterschätzen, das sei durchaus eine sportliche Angelegenheit.

Harry Geier war einst ein Bantam-Boxer. Trotz positiver Kampfbilanz blieb er vor allem durch ein spekta­kuläres K. o. in Erinnerung

Wiener Neustadt - Es war 1998, am 13. Juni. Für die eben angelaufene Fußballweltmeisterschaft in Frankreich hatte sich auch das kleine Österreich qualifizieren können. Und deshalb ist es hierzulande wohl ein bisschen aus dem Fokus der Aufmerksamkeit gerückt, dass an diesem Tag, an dem Spanien in Nantes Nigeria 2:3 unterlag, Harald Geier seine Karriere beendete.

In seinem 37. Profikampf schlug der damals 26-Jährige den Mexikaner Juan Camero durch technisches K. o. "Das war am Samstag. Und am Montag hab ich schon zum Arbeiten angefangen."

Das war so abgesprochen. Ein Freund betrieb in Wien vier Anglergeschäfte, "der hat gesagt, komm zu mir". Aber für Harry Geier war klar, "ich will mich selbstständig machen". Also ließ er sich vom Freund die Fährnisse des Fischereigeschäfts lehren. Und nun betreibt er im Wiener Neustädter Zehnerviertel, gleich hinterm Bahnhof, Harry's Angelsportzentrale, von der er wohl mit einigem Recht sagt, dass er im südlichen Niederösterreich und der angrenzenden Steiermark ein einschlägiger Platzhirsch sei. Das Geschäft rennt also gewissermaßen.

In der Historie

Am Samstag, bevor er Angler wurde, beendete Harald Geier eine durchaus erfolgreiche Karriere als Profiboxer in der Gewichtsklasse Superbantam, also bis 55,225 Kilogramm. Man muss das, will man von Harald Geier erzählen, immer dazusagen, denn im allgemeinen Bewusstsein ist er als jener verankert, der am 3. September 1994 auf dem Wiener Neustädter Domplatz gegen den Puerto-Ricaner Daniel Jiminez nach 17 Sekunden zu Boden ging. Es war, sagen die Boxhistoriker, der kürzeste WM-Kampf der Geschichte.

Für Geier war der schnelle Niederschlag eine Ausnahme. Von seinen 37 Profikämpfen hat er 33 gewonnen, wenngleich die meisten seiner Gegner sogenannte Watschenbäume gewesen sein mögen, Aufbaugegner, um irgendwann einmal ins Geschäft eines großen Verbandes zu kommen. Es reichte allerdings nur zum Weltmeister der Universal Boxing Federation, eines Verbandes, von dem man sagt, er sei extra für ihn ins Leben gerufen worden.

Ausweichen

Mag sein, Harald Geier hätte sich den Weg ins große Geschäft doch noch freischlagen können. "Aber ohne Hilfsmittel wäre das nicht gegangen, das ist mir klar gewesen." Die mögliche Karriere war ihm das Doping aber nicht wert, und so ließ er es halt bleiben.

Mit 26, da hätte er noch ein paar Jahre vor sich gehabt im besten Boxeralter. Zu ungestüm sei er zuweilen gewesen, obwohl er als seine größte Stärke bis heute "das Ausweichen" sieht. Bei seinen großen Kämpfen haben ihn die Trainer allerdings richtiggehend aufgeganserlt. "Du bist der Herausforderer, haben sie gesagt. Und die haben mich dann mit meiner eigenen Taktik gebremst."

Am schlimmsten erwischt hat es ihn am 30. November 1996 gegen den Dänen Johnny Bredahl. Da ging es um den EM-Titel der EBU, Geier allerdings in Runde fünf schon zu Boden. "Das war der einzige Kampf, in dem ich wirklich Watschen gekriegt habe." Danach hat er nur noch vier Kämpfe bestritten.

Mann gegen Mann

Ins neue Leben hat er vom Boxen einiges mitnehmen können. Im Geschäftsleben, sagt er, "geht es ja auch Mann gegen Mann". Und das Angeln solle man nicht unterschätzen, das sei durchaus eine sportliche Angelegenheit. Für ihn, den Harry von der Neustädter Angelsportzentrale, sowieso. "Bei Wettbewerben steh ich schon unter Druck." Schnell nämlich könne so ein guter Ruf - und den hat er - ruiniert sein. Wenn er nichts fängt beim Wettfischen, "heißt es gleich, der hat keine gscheiten Köder oder kennt sich nicht aus".

Wer Harald Geiers Geschäft - Was heißt Geschäft? Ein Supermarkt ist das, wo es von Haken bis Karpfenfutter alles gibt, was des Anglers Herz begehrt! - betritt, merkt bald, dass es mehr ist als ein bloßer Einkaufsort. Es ist ein Treffpunkt, an dem sich Männer austauschen beim Bier und auf Anglerlatein, in dem Rute zum Beispiel Prügel heißt.

Kein Fußstapfen

Der STANDARD ist angelbezüglich so sehr Laie, dass er gerade einmal weiß, dass Fische im Wasser leben. Deshalb war er bis zum Besuch bei Harry Geier der Meinung, der Erfolg des Anglers, der Fang also, sei hauptsächlich eine Frage von Glück und Zufall. Weit gefehlt: "Man muss ins Kleinhirn des Karpfens eindringen, denken wie der Fisch." Stehe der Hecht etwa so - Harry Geier zeigt das mit dem Arm -, "dann verdaut er und wird sicher nicht beißen". Angeln ist also Kunst. Und Sport. Manche Bewerbe dauern drei Tage, "da merke ich schon das Alter".

40 wird er im November. Der Sohn ist zwei, und "wegen mir muss er nicht Boxer werden". Vielleicht Fußballer, wenn er möchte, "die verdienen wenigstens was". Ihm selber habe das Boxen nichts eingebracht. "Ich hab zwar leben können, hab gute Sponsoren gehabt wie den Ronnie Seunig." Erspart hätte er sich allerdings nichts, nicht einmal das Geschäft, "das hab ich schon damit aufgebaut". Harry Geier hält die beiden Hände hoch, mit denen er auch im vorigen Leben gewerkt hat.

Vom Boxen hat er nur die Lebensweisheit - "Mann gegen Mann" - mitgenommen in die neue Zeit, die ihm auch den Computer und das Netz beschert hat. "Wir haben eine Homepage. Und auf Facebook bin ich auch." (Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 25.3.2012)

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