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"Die Unsicherheit, das ist eine Bank, auf die kann ich mich verlassen": Gerhard Polt im Gespräch mit Herlinde Koelbl.
Koelbl: Geschichte basiert auf Geschichten. Sie ist der Erfahrungsschatz einer Epoche. Ich würde mit dir gerne darüber reden, was vergangene Völker und Kulturen dir heute noch sagen könnten. Die Griechen zum Beispiel.
Polt: Jetzt hast du mich erwischt. Was soll ich da sagen. Lass mich anders beginnen. Es gibt da so eine schöne Parabel mit Buddhisten. Wie die so dasitzen mit ihren Bäuchen und meditieren. Und der kleine Buddhisten-Lehrling, der auch schon einen kleinen Bauch hat, sitzt daneben. Irgendwann wird es ihm fad, irgendwann bricht er aus, der kleine Buddhist. Und dann fragt er: "Was ist das jetzt eigentlich, das Sein?" Und dann kriegt er eine Ohrfeige, und man sagt ihm: "Meditier weiter."
Koelbl: Und dann?
Polt: Na ja, ich versuche, den Faden aufzunehmen. Ich denke mir, dass alles, dass jede Geschichte, also, auch die Geschichte der Völker, mit Fragen beginnt. Es sind Fragen, wo die Menschen, bevor sie die Frage verstehen, einen Schweinsbraten essen und irgend was trinken - vor Verzweiflung. Und es sind Fragen, die Menschen zu ungeahnten Höhenflügen erheben, geistig, aber auch verbal, und ihre Antworten sind oft überraschend. Da funkeln die Geistesblitze, und die Leute sagen, das gibt's doch nicht, was der alles draufhat. Ohne Fragen gibt's nichts. Auch keine Geschichte.
Koelbl: Und deine Antworten? Enden die beim Schweinsbraten oder eher als Geistesblitz?
Polt: Weißt du, bei mir beginnt es schon damit, dass ich die Frage relativiere. Warum will wer was wissen? Warum von mir? Was veranlasst ihn, was steckt dahinter? Das ist schwierig.
Koelbl: Vielleicht ist es doch leichter, bei den Griechen zu beginnen?
Polt: Die Griechen, die kenne ich nicht. Die gibt es nicht. Genauso wenig, wie es die Deutschen gibt, die Franzosen. Wir wissen etwas von einzelnen Menschen, die Griechen waren, oder Römer, Deutsche, berühmte Künstler, Philosophen, Mathematiker der Antike. Das waren Menschen, die nach Orientierung suchten, die sich fragten, wer bin ich, wo und wann bin ich, und bin ich überhaupt. Aber wir wissen ja auch, dass "die Griechen" ein Sklavenhalterstaat waren, und es gab viele - nennen wir sie "Untergriechen" - die in der Früh schon "Scheiße" gesagt haben, und vor dem Ins-Bett-Gehen wieder. Die Gesellschaft, die sich mit existenziellen Fragen beschäftigen konnte, war nur eine kleine Minderheit. Ein Großteil der Menschen damals lebte in grauenhaften Verhältnissen. Ein eitriger Zahn, und sie waren weg - auch die Philosophen. Das Vage des Lebens war ihnen sehr, sehr bewusst.
Koelbl: Gibt es denn Epochen oder Menschen, die dich beeinflusst haben, die du bewunderst?
Polt: Ich bewundere bestimmte Leute, große Humoristen, wie Busch, Loriot oder Valentin. Sie alle haben mir eine andere Per-spektive des Sehens gezeigt. Du kennst bestimmt den berühmten Satz ... der Gajus Julius Cäsar hat Gallien erobert, und dann sagt der Brecht: "War da der Koch nicht auch dabei?" Das finde ich toll, diese Sicht auf das Marginale, ohne das es keine Größe gibt. Das bringt mich den Menschen näher als die Information, dieser oder jener hätte die Schlacht bei Sowieso gewonnen. Die kleinen Leute mit ihren Schwächen, die sind mir nahe, und über sie kann ich auch lachen. Der Mensch ist ein Tier, das lacht.
Koelbl: Wer hat das gesagt?
Polt: Aristoteles, glaub ich. Lachen können sie alle. Die Chinesen, die Japaner, die Indianer am Orinoko und die Menschenfresser früher in Papua, die haben auch über was gelacht. Weißt, was ich meine?
Koelbl: Hmmm.
Polt: Natürlich lachen die nicht alle gleich. Es gibt bitteres und furchtbares Lachen. Als der Hitler voller Hohn über die Kapitulation seiner Sechsten Armee geredet hat, nach der Schlacht in Stalingrad, und die Offiziere um ihn herum lachen dieses devote Gelächter, das ist grauenhaft. Das ist unglaublich. Der Valentin hat mal gesagt, vor der Revolution hätte er so "hahaha ha ha" gelacht. Aber seit der Revolution lache er nicht mehr so gedehnt, sondern eher so "he-he-he-he". Ja, dass man den Ton hört! Der Klang, das ist wichtig. Wir sind klingende Körper.
Koelbl: Aber diese Erfahrungen verändern dich doch und deine Sicht auf die Welt.
Polt: Ich weiß es nicht, Herlinde.
Koelbl: Ich behaupte es einfach mal.
Polt: Das mag ja sein, aber es führt wieder zu der alten Frage: Wie weit denke ich über mich selber nach, und wie weit werde ich ge- dacht? Das Zusammenzufädeln ist schwer. Es gibt Menschen, von denen ich sage, die haben dies oder das toll gemacht. Inwieweit sich das in einem selbst mengt, kann ich nicht sagen. Wissen ist nichts anderes als eine Ansammlung von Informationen und eigenen Erfahrungen. Natürlich gibt es bei mir auch Situationen, wo ich mir sage, das ist ja fast wie beim Valentin. Du hast ein Instrument, um mit dieser Situation umzugehen. Insofern hast du recht.
Koelbl: Du hast ein Instrument, um damit umzugehen. Das ist doch, was Erfahrung bedeutet.
Polt: Ich würde Jein sagen. Kommt darauf an, in welcher Welt du lebst. Meine, das ist so was Zusammengefügtes, eine winzig kleine Welt. Also, wenn dir das Zahnbürschterl runterfällt, da hilft Konfuzius erst einmal weniger.
Koelbl: Und dann? Nach dem "erst einmal"?
Polt: Also, das Zahnbürschterl liegt auf dem Boden, und ich ärger mich erstmal. Und dann fällt mir eventuell der Konfuzius ein, und der sagt mir, wie ein suchender Mensch sich verhalten kann. Und vielleicht auch der Marcus Aurelius mit seinen Wegen zu sich selbst, und dass man dazu Gelassenheit braucht. Aber ob ich, wenn das Zahnbürschterl unten liegt, in der Lage bin, das Gespeicherte abzurufen, da habe ich meine Bedenken. (...)
Koelbl: Gemessen an deinen Stücken bist du ein Menschenkenner.
Polt: Wir haben mal in einem Gefängnis gespielt, die Biermösl und ich. Und da hab ich mit einem geredet und ihm gesagt: "Wenn du mal wieder heraus bist, dann komm in unser Programm." Und der hat gesagt, dass er nie wieder rauskommt. Ein netter Kerl war das, unglaublich sympathisch. Später hat mir der Wächter erzählt, das sei einer der Schlimmsten hier, der mehrere Menschen zu Tode getreten hat. Das hätte ich nie, nie, nie vermutet. Ich sage das wegen der sogenannten Menschenkenntnis und Erfahrung, auf die man sich immer verlässt.
Koelbl: Womit wir wieder bei den Griechen sind und ihrer Erkenntnis, dass es nichts Sicheres gibt.
Polt: Der Satz "Nix Gwieß woaß ma ned", also in etwa "Nichts Gewisses weiß man nicht", das ist ein wunderbarer Satz. Ich kenne keinen besseren.
Koelbl: Hast du oft das Gefühl der Unsicherheit?
Polt: Nein, weil ich weiß, sie ist das Stabilste. Unsicherheit, das ist eine Bank, auf die kann ich mich verlassen. Nur die Unwägbarkeiten sind sicher. Das macht wirklich frei. Verstehst du? Das hat auch schon der Konfuzius gesagt. Wahrscheinlich. (Herlinde Koelbl, Album, DER STANDARD, 24./25.2012)
Es handelt sich bei diesem Text um den gekürzten Vorabdruck eines Interviews aus Herlinde Koelbls Gesprächsband "Gerhard Polt und auch sonst" (€ 20,50), der am 2. April im Verlag Kein & Aber erscheint. Im selben Verlag erscheinen auch die Werkausgabe "Bibliothek Gerhard Polt" und die CD-Box "Opus Magnum".
Herlinde Koelbl zählt zu den renommiertesten deutschen Fotografinnen. Sie arbeitete für Magazine wie den "Stern" und für die "New York Times". Sie lebt in München.
Gerhard Polt, geboren in München, auf-gewachsen im Wallfahrtsort Altötting, studierte in Göteborg und München Skandinavistik. Seit 1975 brilliert er als Kabarettist, Schauspieler, Poet und Philosoph auf deutschen und internationalen Bühnen. 2001 wurde er mit dem Bayrischen Staatspreis für Literatur (Jean-Paul-Preis) ausgezeichnet. Er lebt in Schliersee, München und Terracina.
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Quanto Costa:
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Fast wia im richtigen Leben
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zwar wenige aber durchgängig positive Kommentare und nicht ein einziger Rotstrichler.
Polt hat mir mit seiner Kunst wunderbare Stunden bereitet, selbst wenn oder auch weil er es versteht, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten.
der Polt is Klasse! http://www.youtube.com/watch?v=D6Oa7lRslbQ
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