"Man hört alle fünf Minuten Schüsse"

  • Meuternde Soldaten plünderten am Donnerstag den Präsidentenpalast
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    Meuternde Soldaten plünderten am Donnerstag den Präsidentenpalast

  • Putschistenführer Amadou Haya Sanogo
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    Putschistenführer Amadou Haya Sanogo

Nach dem Staatsstreich: Putschisten kontrollieren Radio und Fernsehen - Scharfe Kritik an Sturz von Präsident Touré

New York/Addis Abeba - Der Putsch meuternder Soldaten im westafrikanischen Staat Mali ist international verurteilt worden. Die Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats in New York erklärten am Donnerstag, die Soldaten sollten in ihre Kasernen zurückkehren und die Sicherheit Präsident Amadou Toumani Tourés gewährleisten. Die verfassungsmäßige Ordnung müsse wiederhergestellt und die demokratisch gewählte Regierung wieder ins Amt gesetzt werden.

Der Außenminister von Malis ehemaliger Kolonialmacht Frankreich, Alain Juppé, betonte: "Wir haben diesen Militärputsch verurteilt, weil wir uns der Achtung demokratischer und verfassungsmäßiger Normen verpflichtet fühlen." Er forderte die Wiederherstellung der Ordnung und die planmäßige Durchführung der Wahlen. Auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, Jean Ping, und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton kritisierten die Putschisten scharf.

Präsident geflohen

Soldaten unter dem Kommando Amadou Senogos hatten den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Bamako in der Nacht auf Donnerstag gestürmt. Touré konnte offenbar fliehen. In einer Fernsehansprache sagten die Rebellen, das "Klima der Unsicherheit" im Land und die "Unfähigkeit des Regimes, den Terrorismus zu bekämpfen", hätten sie zu dem Putsch bewogen. Mehrere Minister seien festgenommen worden, berichtete Radio France International (RFI).

Mamadou Kone, Präsident der Österreich-Mali-Gesellschaft, der derzeit mit zwei österreichischen Ärzten in Bamako weilt, beschreibt für derStandard.at die Stimmung in der Hauptstadt: "Die Straßen sind fast leer. Man hört circa alle fünf Minuten Schüsse." Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge kamen am Donnerstag in Bamako drei Zivilisten durch Schüsse ums Leben, etwa 28 Menschen wurden verletzt.

Die lokalen Medien bringen laut dem Universitätslektor, der sich für die Behandlung an Klumpfüßen leidender Kinder engagiert (derStandard.at berichtete), keine Meldungen über den Putsch: Der Staatssender ORTM steht unter Kontrolle der meuternden Soldaten, und private Radios sind geschlossen oder berichten nicht. Die Bevölkerung verhalte sich sehr passiv und abwartend, die Straßen Bamakos seien fast leer.

Ausgangssperre

Die Verfassung sei bis auf weiteres aufgehoben und es sei eine Ausgangssperre verhängt worden, sagte der Sprecher des neu gegründeten "Nationalkomitees für die Wiederherstellung der Demokratie und des Staates", Leutnant Amadou Konare. Touré sei wegen "seines Unvermögens, die Krise im Norden von Mali zu bewältigen" abgesetzt worden, fügte er hinzu.

Einige Politiker haben dem Putschisten Sanogo bereits gratuliert, berichtet Kone. Die Aufständischen wollten nun mit den Nachbarländern und internationalen Organisationen über das weitere Vorgehen beraten, für Freitag 16 Uhr ist ein Treffen mit Vertretern der Parteien angekündigt. 

Seit 2002 an der Macht

Toure war seit 2002 an der Macht. Zusammen mit einigen loyalen Soldaten soll er in eine Militärbasis gebracht worden sein. Nach zwei Amtszeiten hatte Touré bereits angekündigt, bei den bevorstehenden Wahlen am 29. April nicht mehr als Kandidat antreten zu wollen.

Die Verfassung in Mali sieht maximal zwei Amtszeiten für den Staatschef vor. Der Putsch so kurz vor der Wahl überraschte viele Beobachter.

Hintergrund des Staatstreichs sind die Kämpfe zwischen der malischen Unabhängigkeitsbewegung MNLA und Regierungstruppen in Nordmali seit Jänner. Mamadou Kone berichtet: "Seit einiger Zeit ist der Norden von Mali ein Spielfeld von Bandenwesen, Drogen, Menschenhandel und islamischen Aktivisten geworden." Er befürchtet, dass der Norden in die Hände dieser "Kidnapper und Extremisten" fallen könnte, was eine große Bedrohung, nicht nur für Mali, darstelle.

Soldaten fordern bessere Waffen

Die meuternden Soldaten sind sind unzufrieden mit der Handhabung des Konflikts mit den Tuareg-Rebellen. Sie werfen der Regierung vor, dass sie nicht genug Waffen zur Verfügung stelle.

Nach UNO-Angaben mussten bereits fast 200.000 Menschen ihre Häuser verlassen, um sich vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen. Etwa die Hälfte sind Binnenvertriebene. Die anderen suchten Zuflucht in den Nachbarländern Mauretanien, Burkina Faso und Niger. Die ganze Region wird derzeit von einer schweren Hungerkrise heimgesucht.

Die Tuareg kämpfen für Autonomie im Norden des Landes. Zu ihnen gehören neben der MLNA auch Kämpfer, die in Libyen den im Oktober getöteten Machthaber Muammar al-Gaddafi unterstützt hatten und jetzt nach Mali zurückgekehrt sind. Dem Nomadenvolk gehören rund 1,5 Millionen Menschen an, die in mehreren westafrikanischen Ländern beheimatet sind.

Alle Flüge aus Bamako wurden gestrichen, und auch die Landgrenzen sind geschlossen. Mehrere europäische Länder, darunter Österreich, sprachen Reisewarnungen für Mali aus.

Putschisten in Mali: Gerüchte über Gegenputsch sind falsch

Der Anführer der Putschisten hat am Samstag Gerüchten widersprochen, es habe einen Gegenputsch von Anhängern des gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Toure gegeben. Hauptmann Amadou Sanogo zeigte sich im Fernsehen und erklärte, er sei gesund, und alles sei in Ordnung. Danach sagte ein Sprecher der Putschisten, die gesamte Armee stehe hinter ihnen. Zuvor hatte es in der Hauptstadt Bamako Gerüchte gegeben, Sanogo sei bei einem Gegenputsch getötet worden. Der Offizier ist Vorsitzender des von den Putschisten geschaffenen Komitees zur Wiederherstellung von Demokratie und Staat (CNRDR). (red/APA, derStandard.at, 23.3.2012)

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