"Man hört alle fünf Minuten Schüsse"

24. März 2012, 14:46
  • Meuternde Soldaten plünderten am Donnerstag den Präsidentenpalast
    vergrößern 800x512
    foto: ap/dapd/harouna traore

    Meuternde Soldaten plünderten am Donnerstag den Präsidentenpalast

  • Putschistenführer Amadou Haya Sanogo
    foto: ap/dapd/aliou sissoko

    Putschistenführer Amadou Haya Sanogo

Nach dem Staatsstreich: Putschisten kontrollieren Radio und Fernsehen - Scharfe Kritik an Sturz von Präsident Touré

New York/Addis Abeba - Der Putsch meuternder Soldaten im westafrikanischen Staat Mali ist international verurteilt worden. Die Mitglieder des UNO-Sicherheitsrats in New York erklärten am Donnerstag, die Soldaten sollten in ihre Kasernen zurückkehren und die Sicherheit Präsident Amadou Toumani Tourés gewährleisten. Die verfassungsmäßige Ordnung müsse wiederhergestellt und die demokratisch gewählte Regierung wieder ins Amt gesetzt werden.

Der Außenminister von Malis ehemaliger Kolonialmacht Frankreich, Alain Juppé, betonte: "Wir haben diesen Militärputsch verurteilt, weil wir uns der Achtung demokratischer und verfassungsmäßiger Normen verpflichtet fühlen." Er forderte die Wiederherstellung der Ordnung und die planmäßige Durchführung der Wahlen. Auch UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, Jean Ping, und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton kritisierten die Putschisten scharf.

Präsident geflohen

Soldaten unter dem Kommando Amadou Senogos hatten den Präsidentenpalast in der Hauptstadt Bamako in der Nacht auf Donnerstag gestürmt. Touré konnte offenbar fliehen. In einer Fernsehansprache sagten die Rebellen, das "Klima der Unsicherheit" im Land und die "Unfähigkeit des Regimes, den Terrorismus zu bekämpfen", hätten sie zu dem Putsch bewogen. Mehrere Minister seien festgenommen worden, berichtete Radio France International (RFI).

Mamadou Kone, Präsident der Österreich-Mali-Gesellschaft, der derzeit mit zwei österreichischen Ärzten in Bamako weilt, beschreibt für derStandard.at die Stimmung in der Hauptstadt: "Die Straßen sind fast leer. Man hört circa alle fünf Minuten Schüsse." Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International zufolge kamen am Donnerstag in Bamako drei Zivilisten durch Schüsse ums Leben, etwa 28 Menschen wurden verletzt.

Die lokalen Medien bringen laut dem Universitätslektor, der sich für die Behandlung an Klumpfüßen leidender Kinder engagiert (derStandard.at berichtete), keine Meldungen über den Putsch: Der Staatssender ORTM steht unter Kontrolle der meuternden Soldaten, und private Radios sind geschlossen oder berichten nicht. Die Bevölkerung verhalte sich sehr passiv und abwartend, die Straßen Bamakos seien fast leer.

Ausgangssperre

Die Verfassung sei bis auf weiteres aufgehoben und es sei eine Ausgangssperre verhängt worden, sagte der Sprecher des neu gegründeten "Nationalkomitees für die Wiederherstellung der Demokratie und des Staates", Leutnant Amadou Konare. Touré sei wegen "seines Unvermögens, die Krise im Norden von Mali zu bewältigen" abgesetzt worden, fügte er hinzu.

Einige Politiker haben dem Putschisten Sanogo bereits gratuliert, berichtet Kone. Die Aufständischen wollten nun mit den Nachbarländern und internationalen Organisationen über das weitere Vorgehen beraten, für Freitag 16 Uhr ist ein Treffen mit Vertretern der Parteien angekündigt. 

Seit 2002 an der Macht

Toure war seit 2002 an der Macht. Zusammen mit einigen loyalen Soldaten soll er in eine Militärbasis gebracht worden sein. Nach zwei Amtszeiten hatte Touré bereits angekündigt, bei den bevorstehenden Wahlen am 29. April nicht mehr als Kandidat antreten zu wollen.

Die Verfassung in Mali sieht maximal zwei Amtszeiten für den Staatschef vor. Der Putsch so kurz vor der Wahl überraschte viele Beobachter.

Hintergrund des Staatstreichs sind die Kämpfe zwischen der malischen Unabhängigkeitsbewegung MNLA und Regierungstruppen in Nordmali seit Jänner. Mamadou Kone berichtet: "Seit einiger Zeit ist der Norden von Mali ein Spielfeld von Bandenwesen, Drogen, Menschenhandel und islamischen Aktivisten geworden." Er befürchtet, dass der Norden in die Hände dieser "Kidnapper und Extremisten" fallen könnte, was eine große Bedrohung, nicht nur für Mali, darstelle.

Soldaten fordern bessere Waffen

Die meuternden Soldaten sind sind unzufrieden mit der Handhabung des Konflikts mit den Tuareg-Rebellen. Sie werfen der Regierung vor, dass sie nicht genug Waffen zur Verfügung stelle.

Nach UNO-Angaben mussten bereits fast 200.000 Menschen ihre Häuser verlassen, um sich vor den Kämpfen in Sicherheit zu bringen. Etwa die Hälfte sind Binnenvertriebene. Die anderen suchten Zuflucht in den Nachbarländern Mauretanien, Burkina Faso und Niger. Die ganze Region wird derzeit von einer schweren Hungerkrise heimgesucht.

Die Tuareg kämpfen für Autonomie im Norden des Landes. Zu ihnen gehören neben der MLNA auch Kämpfer, die in Libyen den im Oktober getöteten Machthaber Muammar al-Gaddafi unterstützt hatten und jetzt nach Mali zurückgekehrt sind. Dem Nomadenvolk gehören rund 1,5 Millionen Menschen an, die in mehreren westafrikanischen Ländern beheimatet sind.

Alle Flüge aus Bamako wurden gestrichen, und auch die Landgrenzen sind geschlossen. Mehrere europäische Länder, darunter Österreich, sprachen Reisewarnungen für Mali aus.

Putschisten in Mali: Gerüchte über Gegenputsch sind falsch

Der Anführer der Putschisten hat am Samstag Gerüchten widersprochen, es habe einen Gegenputsch von Anhängern des gestürzten Präsidenten Amadou Toumani Toure gegeben. Hauptmann Amadou Sanogo zeigte sich im Fernsehen und erklärte, er sei gesund, und alles sei in Ordnung. Danach sagte ein Sprecher der Putschisten, die gesamte Armee stehe hinter ihnen. Zuvor hatte es in der Hauptstadt Bamako Gerüchte gegeben, Sanogo sei bei einem Gegenputsch getötet worden. Der Offizier ist Vorsitzender des von den Putschisten geschaffenen Komitees zur Wiederherstellung von Demokratie und Staat (CNRDR). (red/APA, derStandard.at, 23.3.2012)

Share if you care
14 Postings
angeblich hat der gewählte präsident vor einigen stunden zurückgeschlagen.

Doch jedenfalls lebt der Anführer der Putschisten noch.

Foto: DA VERSTAUT EINER EINEN VOGELKÄFIG

Mali hat kein Erdöl, für NATO völlig uninteressant

eine Guerilla-Spedition?

oder die Klima im Auto ist kaputt...

in ländern wie Syrien oder Iran wäre das eine willkommene sache für die UN sicherheitsrat,bei anderen länder ist das weniger interessant,ist ja nicht in unsere interesse nicht wahr.

Die Erklärung des UN-Sicherheitsrates wird die Putschisten, die anscheinend nicht mal wirklich wissen, was sie wollen, abgesehen von besseren Mitteln im Kampf gegen die Rebellen und Terroristen, wird sicher Welten bewegen. Es stellt sich eher die Frage, ob die Putschisten überhaupt wissen, was der UN-Sicherheitsrat ist.

Interessanter wäre wohl wenn die UN-Vollversammlung ein totales Waffenembargo (inkl. Munition und "zivilen" Waffen) gegen Mali ausgesprochen hätten, das solange gilt, bis die legitime Regierung wieder an der Macht ist.

ja, sehr lustig. wie wäre es, in zukunft nicht länder wie libyen zu bombardieren und danach zusehen, wie sich alles munter an waffenlagern vom diktator bedient, was irgendwie fanatisch ist, und dann eine ganze region destabilisiert? aber nein, die bösen bösen malischen militärs.

fällt nur mir auf, dass bisher jeder nato-einsatz reihenweise sog failed states produziert hat und mali ist jetzt dran?

Alles was nicht US/EU-hörig ist gilt als instabil oder heißt Russland, China oder Indien

In diesem Sinne wurde Afghanistan, der Irak, Libyen wirtschaftlich stabilisiert. Um die Stabilität Syriens bemüht man sich gerade und die wirtschaftliche Stabilisierung des Iran ist in Vorbereitung.

Aus Sicht der USA war die EU Anfang des Jahrtausends auch etwas instabil, konnte aber mit einigem Aufwand wieder völlig stabilisiert werden, sodass auch alle frankophonen Staaten Westafrikas als völlig stabil und auch wirtschaftlich als absolut nicht destabilisierbar zu betrachten sind.

Allein die Tuareg sind in diesem Sinne etwas instabil. Deswegen haben sie auch keinen eigenen Staat und sind jederzeit über die AQIM erreichbar.

Failed States sind in diesem Sinne eher die UdSSR, aber auch die USA/EU zeigen bereits Tendenzen in diese Richtung.

Ein wirklich armes land...

wenn die am praesidentensitz noch window-type aircons benuetzen anstatt split-type. Und mit der gepluenderten aircon u8nit wird der marodeur sicherlich wenig freude haben, da er mit seinem bescheidenen sold sich nicht den strom wird leisten koennen.

ja, den COP könnens bei den Monoblocks wirklich vergessen..

Sagens einmal, fällt Ihnen zu dem Thema wirklich nichts besseres ein, als über gestohlene Klimaanlagen zu stänkern? Die Menschen dort leiden! Und außerdem ist das auf dem Bild ein Kühlschrank und keine Klimaanlage.

Schauen Sie sich das bild nochmals genau an. Das ist ein typischer window type aircon , aber kein kuehlschrank. Ich lebte lange genaug in den tropen um zwischen kuehlschrank und aircon unterscheiden zu koennen.
Die menschen leiden ueberall auf der welt. Aber das ist noch lange kein grund um das pluendern zu rechtfertigen. Ich habe noch nie verstaendnis fuer pluenderer gehabt.
Und wenn Ihnen die menschen dort so leid tun, dann fliegen Sie doch dorthin um denen zu helfen.

Sorry, ist definitiv ein Kühlschrank

hat natürlich nichts mit dem Artikel zu tun...

Mali(eb), ein Putsch.

Der eine Soldat freut sich sicher, er hat einen Kühlschrank erputscht!

Etwas klein für einen Kühlschrank, sieht eher nach einer Klimaanlage aus.

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.