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Filmemacher Michael Haneke wird heute 70.
Wien - "Die Zeitung müssen wir auch noch abbestellen." Dieser Satz, der beiläufig in Michael Hanekes Film Der siebente Kontinent fällt, hat doch Bedeutung über den konkreten Film hinaus. Dort ist er nur ein Puzzlestück in den methodischen Vorbereitungen einer Linzer Mittelklassefamilie (Vater, Mutter, Tochter), die ihren Abgang vorbereitet. Am Ende plärrt der Fernseher, die Tanzers sind tot.
Sie wollten dieses Leben zwischen Konsum und Routine nicht mehr weiterführen. Ihre Entscheidung liegt nicht zuletzt in einem Wechsel im Regime der Medien begründet. Denn das, wofür früher noch die Zeitung stand (Aufklärung, bürgerliche Öffentlichkeit, Struktur), ist abgelöst worden durch die neueren Medien, die vielfach für das Gegenteil stehen: Verblödung, Unterschichtfernsehen, Einerlei.
Michael Haneke, der mit Der siebente Kontinent 1989 im Kino debütierte, fand in der zunehmenden Mediensättigung des modernen Lebens ein erstes großes Thema. Er widmete zwei weitere Filme seiner Trilogie der Vergletscherung diesem Phänomen (Benny's Video und 71 Fragmente einer Chronologie des Zufalls) und etablierte sich schnell als der wichtigste österreichische Filmemacher seiner Generation.
Haneke ist ein Kriegskind, geboren 1942, aufgewachsen in Wiener Neustadt als Sohn aus einer Künstlerbeziehung (Fritz Haneke und Beatrix von Degenschild). In den 1970er-Jahren arbeitete er vor allem beim Fernsehen, bis 1989 entstand ein beachtliches Werk, das allerdings erst nach seinem internationalen Durchbruch stärker rezipiert wurde - die Kontinuitäten etwa zwischen einem TV-Zweiteiler wie Lemminge (1979) und seiner Jelinek-Adaption Die Klavierspielerin sind augenfällig.
Isabelle Huppert spielte 2001 die Hauptrolle der Erika Kohut in Die Klavierspielerin. Für Michael Haneke bedeutete dieser Film den internationalen Durchbruch, in der Dekade seither konnte er sich im Weltkino einen festen Platz erarbeiten.
Stars wie Huppert oder Juliette Binoche verehren ihn, Paris wurde seine zweite Heimat, dort entstand 2007 auch Caché, sein vielleicht bester Film, in dem er seine Medien- und Zivilisationskritik auf zeitgeschichtliche Momente hin öffnete.
Der Welterfolg Das weiße Band (2009) lässt sich als Quintessenz des neueren Arthouse-Kinos begreifen, ein Ausstattungsdrama als Suchbild nach den historischen Triebkräften.
In Österreich, wo er an der Filmakademie in Wien als Lehrer tätig ist, ist seine Bedeutung auch ganz konkret unübersehbar: Eine ganze Generation arbeitet sich hier an Hanekes kaltem Blick auf die Welt ab.
Arbeiten wie Atmen von Karl Markovics oder Michael von Markus Schleinzer sind nicht denkbar ohne ihn und gewinnen jeweils unterschiedliche Formen von Autonomie gegenüber dem Vorbild.
Abgründe der Subjektivität
An diesem Freitag wird Michael Haneke 70 Jahre alt. Seinen großen Tag aber
hat der Mann mit dem weißen Vollbart wie so oft in den vergangenen Jahren erst
im Mai. Dann wird in Cannes sein neuer Film Amour Premiere haben, mit dem
er sich auf ein für seine Verhältnisse bisher relativ unbekanntes Terrain begibt
- mit Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva in den Hauptrollen erzählt er
erstmals von der Macht der Gefühle und von den Abgründen der Subjektivität. (Bert Rebhandl, DER STANDARD, 23.3.2012)
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1. es hat halt nicht jeder zwei (welt)berühmte elternteile.
2. sie haben ja das poltern und pöbeln ("erfrechen") im großen stil z.t. auch erst salonfähig gemacht.
3. es geht bei den postings nur sekundär um den artikel als ausgangspunkt; letztendlich heißt es: klein-affengesicht haut ebensolches.
daß sich ein groß-affengesicht einmischt, ist erstaunlich. oder kommentieren sie auch jedes häusl-graffiti?
MMn allerdings an und gegenüber den richtigen Stellen. Und auf der Basis, daß er einige großartige Sachen als Schauspieler und als Theatermacher geleistet hat.
Das "Normale" (i. e. der Durchschnitt der allgemeinen Dumpfheit) ist uninteressant und hat mit Kunst nix zu tun.
hab' mir bei "der siebente kontinent", "benny's video", "funny games" etc. gedacht: hätt' ja was werden können...
"die klavierspielerin" war - dank der huppert - okay; ist allerdings auch die verfilmung des letzten jelinek-romans mit nacherzählbarer handlung.
trotzdem die frage: nachdem er kein originärer filmemacher ist, wen ahmt er nach?
bei allem was haneke für das österreichische kino erreicht hat, muß man ihn doch differenzierter sehen. höhepunkten wie der "klavierspielerin" und "das weiße band" stehen auch eine menge schwächerer filme gegenüber. bei aller präzision und schauspielkunst wirkt sein pädagogisch-moralisierender ansatz doch oft sehr aufgesetzt, die medienkritik seiner filme aus den 80ern heute ziemlich altbacken.
zudem müssen sich österreichs regisseure endlich einmal von dieser überfigur emanzipieren. das "triste ösi-kino" ist mit filmen wie "atmen" oder "michael" schon zu einem klischee seiner selbst geworden, frische ideen sucht man vergeblich.
Und in welchen "Filmen aus den 80ern" übt er Medienkritik?
Und was das "triste Ösi-Kino" betrifft: "Ösi" an sich ist ein dämlicher Begriff, dass eine so formulierte "Kritik" völlig irrelevant ist. Die Franzosen kennen den Ausdruck "Ösi" nicht, und sie schätzen Haneke zu recht ganz enorm.
ach geh, ich wollte in einem satz nicht zweimal "österreicher" zweimal ausgeschrieben drinhaben, das ist alles. wenn das allein meine kritik schon delegitimieren soll...?!
schwächere filme von ihm sind meiner meinung nach: das schloss, code inconnu, wolfzeit, sowie die erwähnte "trilogie der vergletscherung" aus den 80ern. über funny games kann man streiten, mein fall ist er auch eher nicht.
in der Kritik zum Tragen kommt.
Niemand in Österreich hat Probleme mit Filmen aus Europa, Russland, den USA, aus Lateinamerika, aus Asien usw., die ernst und ohne Augenzwinkern daherkommen. Niemand mosert über "Tristesse". Nur bei den Eigenprodukten taucht das plötzlich auf.
Von außen merkt man leider, wie stark Österreich dauernd auf der Ironieschiene unterwegs ist. Überall, sogar in Krimis, herrscht permanenter Villacher Fasching. Dauernd geht es darum, Wuchteln zu servieren. Über das Motiv für dieses permanente Schmähtandeln muss anderswo nachgedacht werden (ich halte das für Konfliktsublimierung) - aber deshalb etwas abzuwerten, ist bizarr. Wie gesagt, in anderen Ländern stört sich niemand an der angeblichen Austro(!!!)-"Tristesse".
Ich erinnere mich noch an Zeiten, als er sich mit dem Rudolf John - in die ORF-Kunststücken als Gast geladen -kleinkarierte Gefechte liefern mußte.
Schön, dass dieser so talentierte Mann noch Weltkarriere gemacht hat und die Möglichkeit bekommen hat seine Visionen umzusetzen.
Gratulation und hoffentlich noch viele tolle Filme.
"der kalte blick auf die welt" ist eine treffende überschrift.
ich kenne von haneke nur "caché" und "die klavierspielerin"; beide filme gefiehlen mir nicht.
haneke macht filme, wie ein gerichtsmediziner eine leiche obduziert; nun, wer's mag... meine art von kino ist das nicht.
beim frühen Bergman ists nicht viel anders ("das Lächeln einer Sommernacht" ist dabei ein sympathischer und gekonnter "Ausrutscher").
Wenigstens könnte man Haneke "vorwerfen", er irre mit den Besten.
Aber wieso sollte er nicht diesen Stil verfolgen, der ihm offensichtlich handwerklich und persönlich paßt, also authetisch ist? Mir gefällt er und einer überraschend großen Zahl anderer, unter ihnen viele nachgewiesene Auskenner, auch.
Du kannst also gerne Minderheitenstatus für Dich in Anspruch nehmen.
aber der zit. "kalte" Blick (der ja keinswegs verächtlich oder herabsetzenden oder arrogant ist, sondern eben nur glasklar, analytisch und vorerst einmal emotionslos - die Emotionen gibt der Film nicht vor, sondern soll sie im Zuseher induzieren!) ist allen dreien mMn zu eigen.
Das führt oft mals zu quälend intensiven Situationsdarstellungen. Bringen nur wenige zusammen.
Oder: Trauen sich nur wenige?
Oder: Dürfen nur wenige seitens Produzent und marketing?
wenn 'kalt' mit 'analytisch' übersetzt wird, stimme ich zu, aber 'gefühlskalt' ist dann doch etwas anderes. mein gegenbeispiel: eric rohmer, immer gefühlvoll und doch analytischer beobachter experimenteller versuchsanordnungen im reich der liebe. daran kommt haneke bisweilen heran, nur dass sein leibthema eben nicht die dinge des herzens, sondern des gewissens sind. wer das interesse an moralischen fragen nicht teilt, wird seine filme zu recht langatmig und unnatürlich finden.
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