Die Grammatik des Schnurrens

1. April 2012, 16:43
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Seit 9.000 Jahren domestiziert und trotzdem oft unverstanden: Die Basics der Katzensprache erklärt Verhaltensmedizinerin Sabine Schroll

Das Licht wird gedimmt, der Projektor angeworfen, es ist nur noch das Rascheln von Notizblöcken zu hören. Rund 90 Menschen haben sich an einem Dienstagabend auf harten Holzsesseln versammelt, um wissbegierig eine Fremdsprache zu lernen. Die Veranstaltung musste von der Kleintierklinik Breitensee in das benachbarte Gasthaus verlegt werden, denn die Zahl der Anmeldungen sprengte sämtliche räumliche Rahmen. Verhaltensmedizinerin Sabine Schroll lehrt hier über das Ausdrucksverhalten der großen Unbekannten im Wohnzimmer: der Katze.

"Obwohl Katzen seit rund 9.000 Jahren domestiziert sind und mit dem Menschen zusammenleben, ist das Verständnis für die Katzensprache oft deutlich schlechter als das für die Hundesprache", sagt die Tierärztin einleitend. Das könne daran liegen, dass deren Ausdrucksverhalten oft subtiler und leiser ist. Um die Samtpfote überhaupt verstehen zu können, müsse man sich aber zunächst einmal klar machen, dass sie anders wahrnimmt und ihr andere Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stehen.

Grammatik ist grundlegend

Parallelen sind trotzdem vorhanden. In Sachen Katzensprache gilt wie bei Menschensprachen: Zunächst muss man sich die grundlegende Grammatik aneignen und diese Struktur dann mit Vokabeln füllen. Falls völlig unklar ist, was das Tier gerade will, helfe es, sich an folgendes Grundgerüst zu halten: Körperhaltung, Mimik, Bewegung, vegetative Signale und Kontext. Wenn eine Katze zum Beispiel vor einer anderen Katze die Pfote hebt, kann es eine Drohung sein. Bei einer Katze, die alleine ist, kann die gleiche Bewegung Unschlüssigkeit oder Zweifel ausdrücken. 

Die Katze kommuniziert über unterschiedliche Kanäle, manche können "Zeit und Raum überbrücken" und wirken noch nach, wenn der Sender nicht mehr anwesend ist. Hier kommt es zu den meisten Missverständnissen und Unstimmigkeiten zwischen Mensch und Tier. Denn viele dieser zeitlosen Signale sind vom Tierhalter eher ungern gesehen, vor allem was Geruch und Pheromone anbelangt. Bei optischen Signalen werden neben Mimik und Körpersprache auch Kratzspuren eingesetzt.

Dezente Schnurrer und laute Bettler

Weniger bekannt ist, dass Katzen untereinander relativ wenig über Lautäußerungen kommunizieren. Wichtig ist das nur zwischen Mutter und Jungtieren, zur Paarungszeit und zur Selbstverteidigung. "Im Umgang mit dem Menschen erweitern Katzen ihr Lautrepertoire jedoch enorm", berichtet Schroll. Denn bald merkt die Katze, dass der Mensch subtile Zeichen nur selten sofort versteht. Viele Katzen gewöhnen sich daher an, den Mensch durch Schnurren oder Gurren zu begrüßen.

Doch in dem Bereich gebe es individuelle Unterschiede. "Meine Katze schnurrt gar nicht", beklagt sich eine Dame aus dem Publikum. Das sei ganz normal, meint die Tierärztin. Wenn man beim Kraulen einen Finger auf den Kehlkopf legt, sei jedoch in den meisten Fällen eine Vibration spürbar, auch wenn das Schnurren an sich nicht hörbar ist.

Unerwünschtes Streicheln

Für manche Menschen kommt ein Pfotenschlag oder ein Schnappen überraschend: In der einen Sekunde lässt sich die Katze noch streicheln, in der nächsten hat sie keine Lust mehr. Wenn man weiß, worauf man achten muss, lässt sich so etwas meist vermeiden, sagt Schroll: "Die Katze hält den Kopf hin, und wenn es nicht mehr passt, hebt sie ihn, sieht direkt ins Gesicht und spannt sich an." Hier gilt es auch die individuellen Eigenheiten des Stubentigers interpretieren zu lernen.

Die schlanke Silhouette

Die Körpersprache ist ein weiteres wesentliches Ausdruckselement. "Schlanke Silhouette, eingezogener Hals und Kopf, eingezogener Schwanz, eingeknickte Beine zeigen Angst und Unsicherheit. Eine große Silhouette mit durchgestreckten Beinen, gesträubtem Fell zeigt Selbstbewusstsein und auch Aggressivität", gibt Schroll Beispiele. Typisch für eine Spielaufforderung oder Werbeverhalten ist das Wälzen am Rücken.

Jumboohren

Die Katze hat 32 Muskeln im Ohr, demnach lassen sich auch die Gefühlsregungen bei ihr nicht an der Nase, sondern an der Ohrspitze ablesen. Offensiv aggressiv ist sie mit "Jumboohren", wie die Tierärztin sie bezeichnet. Dabei werden die Ohren seitlich am Kopf angelegt, von hinten könnte man in die Ohrmuschel schauen. Wenn sie eher defensiv-aggressiv ist, kann sie die Ohren so knapp anlegen, dass sie fast unsichtbar werden.

Die Pupillengröße hängt zwar wesentlich vom Lichteinfall ab, kann aber ebenfalls aufschlussreich sein. Bei Angst und unmittelbar vor einem Angriff bei der Jagd weitet sie die Pupillen maximal. Der Schnurrbart wird bei Jagd, Spiel, Aggressivität, aber auch Blindheit nach vorne gespreizt.

Abschließend gibt Schroll ihren Zuhörern noch einen Rat mit auf den Weg: "Eine der wichtigsten Grundregeln ist die Satzanalyse: Vor der Interpretation eines Ausdrucks kommt die Beschreibung mit den einzelnen Elementen: Körperhaltung, Mimik, Bewegung und Kontext." (jus, derStandard.at, 28.3.2012)

Buchtipp

Sabine Schroll: Wenn Katzen Kummer machen. Verhaltensprobleme verstehen und lösen. Cadmos Verlag 2009, 96 Seiten, 12,90 Euro.

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    Leicht aufgestellter Schnurrbart, erhobene Pfote: Spielbereit.

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    Angelegte Ohren, stark vorgestreckter Schnurrbart: In Angriffslaune.

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    Nicht schwierig zu interpretieren: Pure Entspannung.

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    Erweiterte Pupillen, hängender Schnurrbart: Diese Katze hat Angst oder ist verunsichert.

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    Buschiger Schwanz, große Pupillen, vorgestreckter Schnurrbart: Auf der Jagd.

  • Leicht geschlossene Augen, entspannte Gesichtszüge: Zufrieden und entspannt.
    foto: derstandard.at

    Leicht geschlossene Augen, entspannte Gesichtszüge: Zufrieden und entspannt.

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    Erhobene Pfote, angelegte Jumboohren: Diese zwei Katzen sind sich nicht grün.

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