Wie der Wahrsagesalbei funktioniert

Forscher haben zwei Rezeptoren für Rauschdrogen entschlüsselt - Der hochpsychoaktive Wirkstoff Salvinorin A macht Hoffnung auf neue Schmerzmittel

London/Wien - Es gilt als das potenteste natürlich vorkommende Halluzinogen. Und dennoch ist die Pflanze, die den hochpsychoaktiven Wirkstoff namens Salvinorin A enthält, in Österreich (noch) nicht verboten - in einigen anderen Ländern hingegen schon.

Die Rede ist vom Azteken-Salbei, dessen wissenschaftlicher Name Salvia divinorum eigentlich Göttersalbei bedeutet und auf Deutsch auch als Wahrsagesalbei bekannt ist. Das sind freilich nur einige der Kosenamen der halluzinogenen Salbeiart, die bei ihren mittelamerikanischen Entdeckern und Erstanwendern, den Mazateken, unter der Bezeichnung "Blätter der Schäferin Maria" läuft.

Rausch mit Visionen

Die sogenannten Curanderos, die mazatekischen Heiler, setzen die Pflanze auf zwei Arten ein. Niedrig dosiert werden damit diverse körperliche Beschwerden kuriert. In höheren Dosen verabreicht stellen sich Rauschzustände mit lebhaften Visionen ein.

Über die Funktionsweise des Rauschmittels, das nicht süchtig macht, wusste die Wissenschaft bisher nur, dass Salvinorin A im Gehirn exklusiv auf einen der vier wichtigsten Subtypen von Opioid-Rezeptoren zielt, nämlich den Kappa-Opioid-Rezeptor (KOR). Einem US-amerikanischen Forscherteam gelangen nun genauere Einsichten in den Wirkmechanismus des Halluzinogens: Sie klärten nämlich die komplexe dreidimensionale Struktur des Rezeptors auf, der nicht nur diesen, sondern noch etliche andere süchtig machende Wirkstoffe binden kann.

Das wiederum erleichtere es, Medikamente zu entwickeln, die ebenfalls an dem Rezeptor binden, aber medizinisch nützlich sind, sagt Brian Roth, Pharmakologe an der Universität von North Carolina und einer der Koautoren der Studie, die gerade im Fachblatt "Nature" (online vorab) erschien. "Wirkstoffe, die diesen Rezeptor besetzen, könnten etwa gegen chronische Schmerzen aber auch gegen Kokainsucht und andere Krankheiten helfen."

Ein Wirkstoff, der gegen Kokain- und Nikotinsucht getestet wird, half den Forschern bei der Strukturaufklärung: JDTic verhindert eine Aktivierung von KOR und blockiert die Rauschzustände durch Salvinorin A. Das Problem von JDTic ist allerdings, dass seine Wirkung über Wochen anhält.

Zweite Strukturaufklärung

Doch auch noch für eine weitere wichtige Andockstelle vermeldet ein anderes Wissenschafterteam in der gleichen Ausgabe von "Nature" einen Durchbruch bei der Strukturaufklärung: Forscher um Brian Koblika entschlüsselten die dreidimensionale Gestalt des µ-Opioid-Rezeptors, auf den Morphin, Codein und Heroin zielen. Auch in diesem Fall erhoffen die Forscher, dass es durch die Entschlüsselung möglich wird, neue Medikamente zu entwickeln, die etwa schmerzstillend wirken, ohne süchtig zu machen. (tasch, DER STANDARD, 22.3.2012)

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