In "ständiger Wechselwirkung mit dem anderen"

Interview | Antonia Reiss, Bath-Sahaw Baranow, 21. März 2012, 10:58

Karl Markovics ist das Gesicht des karitativen Schülerprojekts Theaterhotel

SCHÜLERSTANDARD: Wie war es für Sie, im Zuge von "Atmen" mit dem 17-jährigen Thomas Schubert zusammenzuarbeiten?

Karl Markovics: Die Erfahrung war sehr schön, weil im Grunde genommen alles aufgegangen ist, was ich mir gewünscht habe. Nachträglich gesehen hätte ich mir viel größere Sorgen machen können. Ich war aber überzeugt davon, dass ich den richtigen Menschen für diese Rolle finden werde. Nachdem die Entscheidung für Thomas Schubert gefallen war, war überhaupt kein Zweifel da, nicht einen Moment lang, dass er das nicht hinbekommen würde. Es war auch nie mehr Thema, dass er zuvor noch nie gedreht hatte oder wie ungewohnt das alles für ihn sein muss. Er hat einfach so eine Art innere Sicherheit mitgebracht, die mich sehr erstaunt hat für einen Menschen in diesem Alter.

SCHÜLERSTANDARD: Wenn man über Sie oder Interviews mit Ihnen liest, fällt immer wieder das Wort Perfektionismus. Wie wichtig ist diese Eigenschaft für einen Regisseur?

Markovics: Das ist das alles Entscheidende. Und zwar nicht nur beim Regieführen. Das fängt schon beim Schreiben des Drehbuches an. Alles, was ich in meinem Buch an Halbherzigkeiten nicht zu einer Ganzheit bringe, kann ich beim Drehen nicht mehr wettmachen. Dieses Bewusstsein, die Dinge auf den Punkt zu bringen, ist essenziell wichtig, um für sich eine Erfüllung zu finden. Das ist vollkommen unabhängig vom Metier und vom Genre. Wenn ich nicht das Gefühl habe, ich unternehme zumindest den Versuch, alles getan zu haben, um auf den Kern von etwas zu kommen, ist es Dutzendware und deswegen unerheblich.

SCHÜLERSTANDARD: Wollten Sie mit Ihrem Film "Atmen" vor allem Jugendliche ansprechen?

Markovics: Ich habe nicht konkret die Idee gehabt, speziell Jugendliche anzusprechen. Worum es mir aber natürlich geht, ist Menschen anzusprechen. Darum geht es im Grund genommen auch in dem Film, um die Erkenntnis, dass wir im Leben umgeben sind von anderen und dass es eine ständige Wechselwirkung gibt, zwischen mir und meinem Inneren und dem Inneren des anderen. Ob wir es wollen oder nicht: Wir können uns von diesen Verhältnissen nie befreien. Wir müssen in irgendeiner Art damit umgehen, weil es uns umgibt. Unser Leben ist nicht vom Ich umgeben, sondern von den anderen. Und das betrifft natürlich junge Menschen in einer besonderen Form, die ihre ersten Schritte ins Leben tun.

SCHÜLERSTANDARD: Wie wichtig ist Ihnen Anerkennung der anderen?

Markovics: Man kann es drehen und wenden, wie man will: Es ist etwas sehr, sehr Wichtiges. Man macht eigentlich gar nichts für sich. Das hat nicht einmal was mit Kunst zu tun. Außer den Grundbedürfnissen, gibt es ganz wenige menschliche Äußerungen, die für sich selbst da sind. Es ist einfach wichtig, eine positive Empathie zu erfahren in unserem Glauben, dass unsere Existenz einen Sinn hat. Wir sind ausgeliefert, was das betrifft und abhängig von den anderen. Das kann etwas sehr Schönes, aber auch etwas unglaublich Entsetzliches, wie wir wissen.

SCHÜLERSTANDARD: Welche Wichtigkeit haben Publikumsgespräche in dieser Hinsicht?

Markovics: Eine ganz große. Ich habe das im Zuge der verschiedenen Premieren, die wir im ganzen Land und auch darüber hinaus hatten, zu schätzen gelernt. Man erfährt wahnsinnig viel über seinen eigenen Film. Es ist eine beglückende Erkenntnis festzustellen, auf welche Art andere Menschen die Geschichte wahrnehmen, und zwar auf eine Art, wie man sie gar nicht bewusst geplant gehabt hat. Welche Deutungen sie anstellen, welche Fragen sie sich stellen, was der Film - aufgrund ihrer persönlichen Geschichte - in ihnen ausgelöst hat. Das ist schon erstaunlich, wenn man feststellt, wozu so ein Film imstande ist. (Antonia Reiss und Bath-Sahaw Baranow, DER STANDARD, 21.3.2012)

KARL MARKOVICS (48) ist Wiener Schauspieler und Regisseur. Die Hauptrolle im Oscar-Film "Die Fälscher" machte ihn international bekannt. 2011 feierte er mit seinem Regiedebüt "Atmen" große Erfolge.

Kommentar posten
Posten Sie als Erste(r) Ihre Meinung

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.