Grass: "Deutschland ist vergreist"

17. Juni 2003, 20:01
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Nach Reise des Schriftstellers in osteuropäische Länder: Nachfolgende Generation für Einlösung des Generationenvertrag ist zu klein

Hamburg - Als besonders auffälligen Eindruck seiner jüngsten Reise in osteuropäische Länder hat der Schriftsteller Günter Grass die Dominanz der vielen jungen Leute hervorgehoben. "Ob in Polen, Kaliningrad oder Litauen: das Straßenbild ist von jungen Menschen bestimmt. Gemessen daran wirkt Deutschland vergreist", sagte der Literaturnobelpreisträger am Sonntag.

Nachfolgende Generation ist zu klein

Dieser gravierende Unterschied werde sich in Zukunft bemerkbar machen. "Viele Probleme und Problemchen, mit denen wir uns tagtäglich herumschlagen, ohne zu grundlegenden Reformen zu kommen, liegen daran, dass wir zwar einen Generationenvertrag haben, aber die nachfolgende Generation, die in diesen Ländern präsent ist, hier in hinreichender Zahl fehlt."

Deutsche Geschichte wird in Kaliningrad - "Königsberg" - tabuisiert

Grass hatte Krakau, seine Heimatstadt Gdansk (Danzig), erstmals Kaliningrad (Königsberg) und anschließend Litauen besucht. In Kaliningrad kritisierte er, dass die bevorstehende 750-Jahrfeier für Königsberg nicht in der von Kaliningrads Stadtvätern gewünschten Form stattfinden könne - wegen Einspruchs aus Moskau: das Wort "Königsberg" dürfe gar nicht fallen. "Das heißt also, dass die deutsche Geschichte tabuisiert wird. Dem habe ich widersprochen mit dem Argument, dass die junge Generation, die in Kaliningrad geboren ist, ein Recht auf die Geschichte ihrer Stadt hat." Grass schlug vor, zum Stadtjubiläum in Zusammenarbeit mit deutschen Museen eine Lovis-Corinth-Ausstellung nach Kaliningrad zu holen, da der Maler aus der Nähe von Königsberg stammte.

Protest gegen Denkmalaufstellung in Kaliningrad

In Kaliningrad gab Grass drei Lesungen, unter anderem aus seiner Novelle "Im Krebsgang". Der deutsche Schriftsteller kritisierte, dass in Sankt Petersburg und jetzt auch in Kaliningrad ein Denkmal für den U-Boot-Kommandanten Alexander Marinesko errichtet worden ist. Dieser hatte 1945 das deutsche Schiff "Wilhelm Gustloff" mit tausenden Flüchtlingen, aber auch Marine-Rekruten an Bord versenkt. "Es war kein Kriegsverbrechen, aber es war auch keine Heldentat." Die Errichtung eines Denkmals für Marinesko sei nicht angemessen. "Ich habe auch gesagt, dass ich nicht bereit bin, mir das Denkmal anzusehen." Der Großteil der überwiegend russischen Zuhörer der Lesung hätte seine Position geteilt, sagte Grass.

"Im Krebsgang" ist in einer russischen Literaturzeitschrift vollständig abgedruckt worden. Die Novelle habe "ein breites, allerdings kontroverses Presseecho" sagte Grass und verwies darauf, dass er nicht Russisch spreche und daher die Debatten nicht direkt verfolgen könne. Wann aber die russische Übersetzung in Buchform erscheine, "hat noch nicht einmal mein Verlag herausbekommen". Die polnische Ausgabe habe ein weitgehend interessiertes und positives Echo gefunden. Der Verkaufserfolg sei mit bisher 10.000 Exemplaren beachtlich. (APA/dpa)

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    Nobelpreisträger Grass: Deutsche Geschichte wird in Kaliningrad - "Königsberg" - tabuisiert.

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