In der Panik Mord

17. Juni 2003, 10:05
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Jürgen kommt aus dem Gefängnis und geht dort wieder hin. Er hat Thomas (14) sexuell missbraucht und mit 20 Messerstichen getötet. Dafür kriegt er die Höchststrafe.

Wien - Jürgen ist 20, doch er wirkt jünger. Er lässt zwar die Schultern hängen, und die Haare fallen zufällig, aber die Verwahrlosung sieht man ihm nicht an, die ist innerlich, erklärt die Psychiaterin. Er spricht schön, verschluckt nur gern Silben, wie das üblich ist in diesem Alter. Zum Beispiel sagt er: "Da bin ich grad aus 'm G'fängnis kommen." - Der Inhalt seiner Sätze weicht von der Norm ab. Jürgen kommt aus dem Gefängnis und geht dort wieder hin. Er hat Thomas (14) sexuell missbraucht und mit 20 Messerstichen getötet. Dafür kriegt er die Höchststrafe. Er wird zu 15 Jahren Haft verurteilt und in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen.

Jürgen ist der mittlere von drei Brüdern. Alle im Heim. Die Mutter? - Taucht nur im Akt unter "triste Verhältnisse" auf. Der Vater? - Sitzt in der vorletzten Reihe, hört zu, kann nicht einmal weinen, verschwindet wieder.

Eine Heimerzieherin hat versucht, Jürgen die Mutter zu ersetzen. Man weiß nicht, ob das gut oder schlecht für ihn war. Es gab Küsse, Zärtlichkeiten, sie kuschelten gemeinsam im Dienstzimmer. "Die Kollegin hat sich vom Kind geholt, was sie gebraucht hat", merkt ein Heimpädagoge zynisch an. "Aber körperliche Zuneigung kann so einem Kind doch nicht schaden", glaubt die beisitzende Richterin.

Nach dem Gefängnis (Einbruch, Körperverletzung) durfte Jürgen bei der Erzieherin wohnen. Sie hatte damals auch Thomas betreut. Der 14-Jährige war, wie Jürgen, als Kind sexuell missbraucht worden. Ende November 2002 nahm ihn der Ältere mit in die Wohnung, die Betreuerin war nicht daheim. Erst beschäftigten sie sich mit dem Computer, dann zwang Jürgen dem Jüngeren sexuelle Spiele auf. Als dieser vor Schmerzen schrie, ließ er ab. "Dann hab' ich die Panik 'kriegt, dass ich wieder ins G'fängnis muss", sagt der Angeklagte: "Da hab' ich ihn in einem Blackout erstochen." - "Hat er geschrien?", fragt die Richterin. "Wahrscheinlich", sagt Jürgen. Den Toten wickelte er in ein Leintuch, stopfte ihn in einen Müllsack, zerrte ihn durchs Stiegenhaus und warf ihn im Hof in einen Container. Die Leiche wurde nie gefunden.

"Ich hätt' mich eh auch gleich umbringen können", sagt Jürgen, aber er wollte seiner Erzieherin, "den Anblick von zwei Leichen ersparen". (DER STANDARD, Printausgabe, 17.06.2003)

Von Daniel Glattauer
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