Die Hauskante im Verhältnis zur Welt

15. Juni 2003, 20:33
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Kulturhauptstadt reloaded: Ab August kann man zu einem virtuellen Rundgang durch Graz aufbrechen - Wien wird folgen

Urlaub heißt, von Zeit zu Zeit einfach zu verschwinden. Dass man das wörtlich nimmt und samt seinem Ferienziel gleich im Wohnzimmer hängen bleibt, um sich im Computer zu verlieren, kann auch vorkommen. Im Disney Center in Florida etwa sind virtuelle Reisen nach Italien im Datenanzug und mit Monitorbrille längst möglich. Die viel gesuchte "authentische" Erfahrung weicht im postmodernen Tourismus mit seinen künstlichen Ferienwelten (überdachte Skigebiete, künstliche Strände) ohnehin der Erlebnissucht.

Virtueller Tourismus bedeutet aber auch, Probeerfahrungen zu machen bzw. so den echten Urlaub zu planen. Was Pionierarbeit im Bereich der Museen war, nämlich virtuelle Rundgänge im Internet anzubieten, macht Schule. Viele (moderne) Städte, vornehmlich ihre touristischen Knotenpunkte, lassen sich immer öfter virtuell besuchen. Seit drei Jahren wird nun auch die Stadt Graz digitalisiert und kommt dergestalt - rechtzeitig zum touristischen Höhepunkt des Kulturhauptstadtjahres - diesen Sommer ins Netz. Das Unternehmen "Geodata Ziviltechnik" und seine Tochtergesellschaft "No Limits" sowie das Wiener Zentrum für Virtual Reality und Visualisierung (VrVis) erstellen in Kooperation mit dem Joanneum Research eine dreidimensionale Kopie der Stadt.

Von Briefkästen und Hydranten bis zur letzten Bodenunebenheiterfasst der Laserscanner alle geometrischen und optischen Daten. "Eine Hauskante kann dabei im Verhältnis zur Welt bis auf fünf Zentimeter exakt vermessen werden", erzählt Martin Mudri von Geodata. Eine Laterne im Verhältnis zum Bezirk ist also quasi punktgenau zu orten. Der dabei verwendete Laserscanner stammt übrigens von der international angesehenen Firma Riegl aus Horn, die auch Niederlassungen in Schweden, England, Japan und den USA hat. Ein so genannter City-Scanner geht schließlich auf Datensuche. Das ist ein Geländefahrzeug, das sich mit flotten fünf bis sieben Stundenkilometern durch die Gassen bewegt und via Digitalkameras auf einer Multi-Sensorik-Plattform Daten aufnimmt. In einer Nachbearbeitung des Bildmaterials werden nicht benötigte Informationen (Fußgänger, parkende Autos) wieder gelöscht - es braucht sich also niemand fürchten, plötzlich in der virtuellen Stadt aufzutauchen. Die Grundlage der Arbeit: Die Ergebnisse der Stadtvermessung.

Viele Interessenten

Graz im Internet hat viele Interessenten - ihre Bedürfnisse könnten unterschiedlicher nicht sein, sagt Mudri: Die Feuerwehr will wissen, wie hoch Fenster sind. Das Stadtgartenamt braucht Daten über den Grünraum. Die Stadtplanung schließlich benötigt wiederum Messungen größerer Stadtflächen, um etwa die Lärmausbreitung zu berechnen oder um Architekturmodelle zu platzieren.

Dass man auch als Tourist seinen Nutzen daraus ziehen kann, hält Mudri für wichtig. Doch ist der Tourismus seinem persönlichen Empfinden nach eher ein "Motörchen" des Projekts. Und die Nutzung in diesem Zusammenhang eher ein "Abfallprodukt". Die Verbreitung des Internet in der Öffentlichkeit und die Nutzung für virtuelle Stadtspaziergänge zum Beispiel werde überschätzt, meint Mudri. Aber ein erster Schritt sei immerhin getan.

Das Unternehmen wird jedenfalls mehrere Städte virtuell zugänglich machen: Neben anderen Metropolen hat man auch Teile Wiens schon "im Kasten": den Wiener Graben, den Kohlmarkt und bald auch das Rathaus. (Margarete Affenzeller/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16 .6. 2003)

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