Großer Messias, kleiner Satan - Von Johann Skocek

16. Juni 2003, 21:15
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Was Karl-Heinz Grasser, Mick Jagger und der Kamillentee gemeinsam haben

Es ist leicht, sich in diesen Tagen, da viele Menschen von einer Pensionssicherungsreform an oder über den Rand der Armut gedrückt werden, einsam und unverstanden und missbraucht vorzukommen. Es ist daher wohltuend, dass die Rolling Stones am Mittwoch endlich wieder im Wiener Stadion spielen und für drei schwüle Stunden die Diktatur der Moral hinter der Lust am Slogan verschwindet. Eines der größten kulturellen Missverständnisse besteht ja seit Jahrzehnten darin, die Evozierung des "Street Fighting Man" ernst genommen und das Bekenntnis zur "Sympathy for the Devil" als Glaubenssatz diskutiert zu haben.

Glatt, lukrativ, ...

Die Stones haben nie zur Revolte oder zum Satanismus aufgerufen, sie haben bloß so getan - ihre Spielintelligenz zerlegte die Bilder des Nachkriegsestablishments und setzte sie in einer Art Kubismus des kleinen Mannes neu zusammen. Die Bastelwut der Kunststudenten Keith Richards und Mick Jagger, die ihre Triebkraft vom Blues der unterdrückten, schwarzamerikanischen Proletarier borgte, erschuf eine Weltmarke. Glatt, lukrativ, nonverbal verständlich, für alle Altersstufen und Bekenntnisse verträglich, wie das aus der süchtig machenden Kokapflanze zum Zuckerwasser denaturierte Coca-Cola.

Die Stones nahmen die Globalisierung ("Get Off Of My Cloud") und die Emanzipation ("Under My Thumb") vorweg, praktizierten die Optimierung des Steuerwohnsitzes (derzeit Niederlande), definierten sich als die ersten Ich-Aktien der Welt ("I'm A King Bee"), ja, sie wiesen der ältesten Popkultur, der Politik, neue Wege der Selbstdarstellung.

Aufstiegswütiger Mittelklassesohn

So trägt Karl-Heinz Grasser, die Spiegelung des alternden Künstlers Mick Jagger als junger Mann, ebenfalls eine lüsterne Zunge - angeblich stilisierte Andy Warhol Albert Einsteins Zunge zum Etikett, nach einer anderen Version gehört sie einer indischen Liebesgöttin - als Zeichen des Selbstverständnisses am Revers. Bei Grasser ist es halt keine Zeichnung, sondern der Schriftzug KHG.

Der aufstiegswütige Mittelklassesohn Jagger stieg nach dem Urteil des Pop-Eschatologen (und - dem Diktat der Jahre gehorchend - Museumsdirektors) Wolfgang Kos quasi zum Diplomingenieur auf, verkörpert das Ideal der Vätergeneration. Im Nachkriegsösterreich galt das Ingenieurswunderwerk Kaprun als inoffizielles Staatssymbol.

Der Unternehmersohn Grasser steigt dank seines gewinnenden Äußeren zum Finanzminister auf, solcherart die ehrgeizigen Träume der Reichen von der Macht auslebend. Wie dem Kasperl Jagger gilt dem Machtmenschen Grasser freilich, frei nach "Monkey Man" (Jagger/Richards, nicht KHG): "Nur nicht zu messianisch, kein bisschen zu satanisch." Drei Akkorde hat der Blues, drei Punkte hat Grassers Politik: Viel reden, viel sehen, nichts verantworten.

Slogans mit ernstem Lächeln

Wenn die Stones die Bühne für unernste politische Phrasen ("Summer's here and the time is right für fighting in the street") missbrauchten, so lieferte Grasser im Parlament mit ernstem Lächeln Slogans ab, vom "Primat Nulldefizit" über die "größte Steuerreform aller Zeiten" zum "ausgeglichenen Haushalt über den Konjunkturzyklus".

Jagger hatte Keith Richards - und die beiden waren einmal richtig gut. Sie sind auch jetzt nicht schlecht, diese Jammerklischeetiraden über alte Männer als junge Böcke kann man vergessen. Die Stones sind heute ein gleich gültiges Zeichen wie je, mit seinem Kamillentee und Fitnesswahn der eine, in seiner Saufschädelüberlebenskunst der andere. Wie Jagger will Grasser die Herzen und das Geld der Menschen und ist bereit und fähig, ihnen dafür alles zu erzählen.

Kamillenteetrinkerpolitik

Grasser war freilich im Unterschied zu Jagger nie jung, seiner Kamillenteetrinkerpolitik fehlt die erdgebundene Aura der Wahrhaftigkeit, die noch die letzten Stones-Hadern umfächelt. Er kann nicht wie Jagger aus der eigenen Vergangenheit schöpfen, er hat nie Leben oder Ruf riskiert, um eine Geschichte erzählen zu können. Deswegen machen manche alten Rock 'n' Roller so jung und manche jungen Politiker so unendlich einsam. (DER STANDARD Print-Ausgabe, 16.6.2003)

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