Bodensatz des Elektronikzeitalters

15. Juni 2003, 20:28
posten

Ab 2005 dürfen Handys und Co nicht mehr zum Müll und keine giftigen Stoffe enthalten - Thomas Leitner, Chef von Kerp, einem Kompetenzzentrum, das sich mit Elektrogeräterecycling beschäftigt, im STANDARD-Gespräch

STANDARD: Was konkret ändern die neuen EU-Richtlinien zum Umgang mit Elektrogeräten?

Thomas Leitner: Es gibt zwei neue EU-Vorgaben. Die eine regelt den Umgang mit Elektroschrott, also mit Altgeräten, die wegen ihrer umweltgefährdenden Inhaltsstoffe nicht zum Hausmüll gegeben werden dürfen und gesammelt werden müssen. Die zweite Richtlinie setzt direkt an der Produktion von Elektrogeräten an, wo bestimmte Schadstoffe wie Blei nicht mehr verwendet werden dürfen.

STANDARD: Wie wird heute mit Elektroschrott umgegangen?

Leitner: Es gibt Ansätze von Verwertungssystemen bei gewissen Produktgruppen wie den Kühlgeräten. In vielen Bereichen - etwa bei den Haushaltskleingeräten - funktioniert das aber noch nicht. Die Verwertung von Altgeräten hat sich bisher nur bei ökonomisch interessanten Produkten etabliert. Die Altmetalle von Waschmaschinen zum Beispiel können weiterverkauft werden, also gibt es auch einen Rücknahme- und Verwertungsmarkt. Die Wirtschaft wird gemeinsam mit staatlichen Einrichtungen neue Systeme erarbeiten müssen, die die Rückgabe aller Geräte ermöglichen, denn die Richtlinie umfasst auch konkrete Zielvorgaben: 2006 müssen die Mitgliedsländer der EU erstmals Recyclingquoten nachweisen.

STANDARD: Was aber bedeutet das Verbot von Schadstoffen bei der Produktion von Elektronikgeräten für die Wirtschaft?

Leitner: Zunächst sind Produktionsbetriebe von beispielsweise Handys, Radiogeräten oder Fernsehern insofern davon betroffen, als sie bei der Herstellung ihrer Waren einige bisher sehr übliche Stoffe nicht mehr verwenden dürfen. Der größere und viel kritischere Bereich ist aber der Handel. Elektromärkte, die Geräte in den Verkehr bringen, müssen jedes Produkt so kennzeichnen, dass es einem Hersteller zuzuordnen ist und damit die Schadstofffreiheit garantiert werden kann.

STANDARD: Ist das den betreffenden Betrieben eigentlich schon bewusst?

Leitner: Den Herstellerbetrieben, von denen es in Österreich nicht besonders viele gibt, sind die neuen Richtlinien bekannt und sie bereiten sich großteils schon darauf vor. Beispielsweise wird aktuell schon bei Lötverbindungen an einem Ersatz des giftigen Bleis durch Silber gearbeitet. Sorgen bereitet ihnen noch die Nachweispflicht, dass alle Bauteile, die sie aus dem Ausland beziehen, bleifrei sind. Viel größere Probleme als bei den Herstellern sehen wir bei den Händlern, denen noch gar nicht bewusst ist, was auf sie zukommen wird. Es müssen Wege gefunden werden, wie ein Großhändler von Elektronikgeräten, der etwa Tausende Artikel aus Japan importiert, gewährleisten kann, dass die Produkte keine verbotenen Substanzen enthalten. Die Händler werden im Detail recherchieren müssen, welche Materialien bei der Herstellung ihrer Waren verwendet wurden. Verschärft wird das ganze durch unterschiedliche Regelungen. Beispielsweise gilt in Japan ein Produkt mit einem relativ geringen Anteil von Blei als "bleifrei", was nach der EU-Richtlinie verboten wäre.

STANDARD: Gibt es denn schon Lösungen für den Handel, wie die Umsetzung funktionieren kann?

Leitner: Nein, wir kennen auch international keine Vorzeigebeispiele. Gerade deshalb möchten wir darauf hinweisen, dass sich die Wirtschaft mit den Richtlinien auseinander setzen muss.

STANDARD: Wird für die Auswirkungen der neuen Richtlinien der Konsument bezahlen?

Leitner: Es gibt heute kein umfassendes Verwertungssystem für Elektronikschrott, also wird eines aufgebaut werden müssen. Natürlich verursacht das Kosten - genauso wie der Umstieg von schädlichen auf harmlose Substanzen bei der Produktion. Die Richtlinien schreiben zwar vor, dass die Hersteller und Händler das Rücknahme- und Recyclingsystem selbst finanzieren müssen. Im Endeffekt werden sie sich aber die zusätzlichen Ausgaben wieder über höhere Produktpreise zurückholen. Welche Geräte um wie viel teurer werden, kann man heute noch nicht sagen. Aufgewogen werden neue Belastungen aber durch den ökologischen Nutzen, dass Elektroschrott nicht mehr im Hausmüll landet, sondern zu einem gewissen Prozentsatz recycelt wird. (Elke Ziegler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16 .6. 2003)

Share if you care.