Die Verhaftung eines "Helden"

Kommentar der anderen15. Juni 2003, 20:38
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Eine Kolumne von Biljana Srbljanovic über die Festnahme von Veselin Sljivancanin

In der Nacht von Donnerstag auf Freitag wurde der Major der Jugoslawischen Armee, Veselin Sljivancanin, in seiner Belgrader Wohnung verhaftet. Während diese Zeilen entstehen, ist der Major endlich im Gefängnis, und wenn sie veröffentlicht werden, befindet er sich wahrscheinlich schon in Den Haag. Denn die Behörden in Belgrad arbeiten jetzt nach bewährter Methode mit dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal zusammen, liefern die Angeklagten auf dem regulären Luftweg aus, und die Verhandlungen dauern dann, auch nach bewährter Methode, unerwartet lange. Aber die Fakten sind klar, und Überraschungen kann es hier nicht mehr geben: Man wird Sljivancanin zur Verantwortung ziehen für den Tod von mindestens 200 Menschen aus der Umgebung von Vukovar Ende 1991.

 

Doch die Verhaftung selbst war interessanter als jeder angekündigte Prozess. Dieser Mann, den ihm Nahestehende einen Helden nennen (womit er einverstanden ist), widersetzte sich dem bloßen Gedanken an Den Haag derart, dass er angeblich immer nur von schwer bewaffneten treu- en Anhängern umgeben schlief, Sprengstoff am Körper trug und beim ersten Zeichen eines Festnahmeversuchs sich und seine Familie in die Luft gejagt hätte. Von der Wirklichkeit war das allerdings gar nicht weit entfernt: Nach mehrstündigem Zögern überwand die Polizei schließlich den Widerstand von Hunderten Hooligans - meist Fußballfans unter der Führung von Angehörigen des Majors Sljivancanin -, schlug seine gepanzerte Wohnungstür ein, fand ihn im Versteck bei seiner Tochter, einer Studentin, und transportierte ihn in einem Spezialfahrzeug zum Gefängnis.

Die Festnahme selbst war nicht spannend, nur dumm und unangenehm - denn wie sonst soll man eine Situation nennen, in der Hunderte halb nackter Fans und enthemmter Frauen die Spezialtruppen mit Steinen bewerfen, die wiederum offenbar den Befehl haben, auf Gewalt nicht mit Gewalt zu antworten.?

Doch obwohl die Attacke in der Hitze spektakulärer wirkte, als sie wirklich war, und die Zahl der Verteidiger des "Helden" sich in Grenzen hielt, fügt allein die Tatsache, dass junge Leute diesen Mann zu verteidigen versuchten, der Tragödie, für die Sljivancanin verantwortlich ist, einen schrecklichen Ton hinzu. Denn wie kann nur ein Mensch eine Person mit Steinwürfen schützen, der den grausamen Tod von zweihundert Menschen verschuldet hat? Wie ist es möglich, dass selbst Hooligans jemanden verteidigen, der an so einem Verbrechen beteiligt war: Die Opfer wurden zum Gut Ovcari verschleppt, wo man sie stundenlang folterte und demütigte, dann auf einen Lkw geladen, zu einem verborgenen Ort gebracht, erschossen und mit Bulldozern vergraben, um all ihre Spuren für Jahre zu löschen. Wie ist es möglich, dass sich die Beschützer des "Helden" nicht vor den Seelen von hundertachtundneunzig Männern und zwei Frauen schämen? Wie ist es möglich, dass die junge Tochter des Offiziers und künftige Ärztin ihren Vater, der seine Opfer in einem Krankenhaus aufgriff, versteckt? Und wie ist es möglich, dass dieser Offizier sich dem Gericht widersetzt, statt sich selbst auszuliefern?

Ich glaube nicht besonders an Kollektivschuld oder -verantwortung. Aber ich glaube an kollektive Scham. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag errötete das anständige Serbien vor Scham über die Schande, die ihm solche Offiziere schon seit mehr als zehn Jahren antun. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

Übersetzung aus dem Serbischen: Barbara Antkowiak

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