"Hukkle": Eine Nähe, die den Blick verstellt

23. Juli 2004, 10:38
1 Posting

György Pálfis Debütfilm "Hukkle" führt den Betrachter mit Einfallsreichtum in die Irre

Wien - Ob die geschmeidigen Windungen einer Schlange oder das emsige Wühlen eines Maulwurfs - die ungewöhnliche Nähe des Blicks zu allerlei Arten von Tieren ist vermutlich die Attraktion quotenträchtiger TV-Naturdokumentationen. Mit Makroaufnahmen decken sie verborgenes Leben auf, machen sichtbar, was dem menschlichen Auge ansonsten entgeht.

Hukkle, der Debütfilm des jungen Ungarn György Pálfi, trumpft mit mehreren solcher Szenen auf, ordnet sie jedoch dem zunächst idyllisch wirkenden Treiben in einem kleinen Dorf unter. Wie die Tiere folgen hier die Menschen einem festgelegten Plan. Sie gehen zur Arbeit, kochen, essen, heiraten und sterben - der Running Gag des Films, der Schluckauf eines alten Mannes, der nicht abreißen will, ist Bild und titelgebender Laut dieser Monotonie.

Pálfis Zugang zum dörflichen Mikrokosmos ist dabei weniger narrativ als assoziativ. Kein Dialog leitet die Bilder, allenfalls werden durch Geräusche überraschende Anschlüsse möglich. Oder ein Motiv prallt mittels Match-Cut auf ein gänzlich anderes - derart "treffen" Bocciakugeln auf die Hoden eines Schweines.

Die längste Zeit scheint dieses Prinzip der Montage keiner anderen Logik zu gehorchen, als möglichst unkonventionell ein halb willkürliches, halb kausales Miteinander allen Lebens zu behaupten. Mit Augenzwinkern wird immer wieder die Illusion dieses seltsam losgelösten mechanischen Blicks offenbart, etwa wenn ein Satellitenbild in der nächsten Szene als Filmstreifen an der Tür hängt.

Doppelbödiges Spiel

Doch Hukkle betreibt zugleich ein ausgefinkeltes Täuschungsmanöver. Die Bilder sind nicht selten doppelbödig; die Nähe zum Gegenstand, aber auch spionierte Einblicke verstellen den Blick auf ein mörderisches Treiben, das deshalb nur mit einigem detektivischen Ehrgeiz zu lösen ist. Man wird nur mit wenigen Indizien konfrontiert: Es häufen sich die Tode alter Männer, ein Gendarm schleicht durch die Nachbarschaft, kleine Fläschchen werden heimlich ausgetauscht.

Der Krimi hat in der Kamera keinen verlässlichen Kumpanen. Ihr ist eher daran gelegen, abzulenken, mit längeren dokumentarischen Einschüben, die Arbeitsprozesse zeigen, mitunter auch mit kraftmeierischen Ideen: Wenn gegen Ende die Wände wackeln, sucht denn auch kein allegorisches Erdbeben die Gemeinde heim, vielmehr erlaubt sich ein Pilot ein haarsträubendes Spezialmanöver.

Hukkle gleicht diesem in seinem Eifer zu verblüffen selbst ein wenig: Es ist die Arthouse-Variante eines Kinos der Sensationen, freilich mit viel technischem Geschick umgesetzt, und dabei selten mehr als ein gewitztes Kunststück, das den Zuschauer mit einiger Häme in die Irre führt.
Derzeit im Kino
(DER STANDARD, Printausgabe vom 16.6.2003)

Von
Dominik Kamalzadeh
  • Artikelbild
    foto: polyfilm
Share if you care.