Die "schwarze Null" als Kunstanforderung

15. Juni 2003, 19:47
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ÖBV-Tochterverlage vor Weiterverkauf

Wien - Die Entscheidung der Stuttgarter Verlagsgruppe Klett, ein halbes Jahr nach der Übernahme des Österreichischen Bundesverlags (ÖBV) die ÖBV-Tochterverlage Residenz, Deuticke und Brandstätter weiterzuverkaufen, dürfte unmittelbar bevorstehen: "Wir schließen einen Verkauf der Literaturverlage nicht aus", wird Klett-Geschäftsführer Tilmann Michaletz im aktuellen profil zitiert.

Klett hatte die Kronjuwelen der heimischen Verlagsbranche um 24 Millionen Schilling erworben. Die endgültige Entscheidung über die Verlagsabgabe soll spätestens in zwei Wochen fallen.

"In den letzten Jahren konnten die Verlage nur überleben, weil sie mit den Gewinnen aus dem Schulbuchverlag querfinanziert wurden", erklärte Michaletz. Gemeint ist damit der Schulbuchverlag öbv & hpt, an dem Klett nach dem Verkauf des ÖBV 49 Prozent hält.

Michaletz' Vorwürfe treffen die Verlagsprogramme der Literaturreihen in ihrer spezifisch österreichischen Identität: Verlegerische Entscheidungen würden "nicht nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten getroffen. Bücher wurden gemacht, weil man aus dem Schulbuchbereich Reserven nutzen konnte. Diese Denkweise muss sich ändern."

Sollte die Klett-Gruppe die Literaturverlage behalten, dürfte sich an deren Gebarung einiges ändern: Derzeit würden dort "zu viele Produkte publiziert, die keinen Markt finden", so Michaletz. Es sei nicht daran gedacht, Autoren zu kündigen, aber man müsse sie dazu bringen, "Manuskripte zu erstellen, die auch verkaufsfähig" seien. Zielanforderung sei selbst für anspruchsvolle Programme die "schwarze Null".
Martina Schmidt, Geschäftsführerin von Residenz und Deuticke, glaubt nun, "dass hinter den Kulissen bereits Verhandlungen über einen Weiterverkauf laufen". Jedenfalls müsste bei einer solchen Transaktion der Publikumsverlage der neue Besitzer auch den im Kaufvertrag mit Klett festgehaltenen Kulturauftrag, der bis Ende 2007 erfüllt werden muss, mitübernehmen. (APA, poh, DER STANDARD, Printausgabe vom 16.6.2003)

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