Nationales Donnerwetter

15. Juni 2003, 22:14
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Donnerschlag auf Donnerschlag: die Hitzeperiode ist kurzfristig unterbrochen

Wien/Innsbruck - Die Warnungen der Klimaforscher scheinen bestätigt: Die Gewitter, die der Hitzperiode der vergangenen Tage wie angekündigt ein vorübergehendes Ende bereiteten, entluden sich mit teilweise unwahrscheinlicher Macht über dem Alpenraum.

Mehr als 10.000 Blitze in 24 Stunden, Wind mit bis zu 100 Stundenkilometern (nicht am Sonnblick, in der Region Bad Ischl), von vielen Hängen lösten sich Muren, Keller wurden geflutet (besonders betroffen Salzburg, Teile der Steiermark und des Burgenlandes und in Oberösterreich das Mühlviertel und Salzkammergut), die Notrufzentralen wurden von Anrufern nahezu lahm gelegt (in Eisenstadt waren es mehr als 200 Anrufe in zwei Stunden, also jede Minute ein bis zwei Hilfesuchende), landauf, landab knickte der Gewittersturm Bäume, Straßen mussten gesperrt werden. Beispiel Fusch an der Glocknerstraße: Der Hirzbach, normalerweise ein kleines Gerinne, schwoll im sintflutartigen Regen binnen Minuten zum reißenden Bach an.

In Tirol führten die Unwetter am Samstagabend zur mehr als dreistündigen Sperre der Inntalautobahn zwischen Schwaz und Jenbach. Ganze Baumgruppen waren auf die Fahrbahn geschleudert worden. Zu Schaden kam dadurch niemand. Es entwickelte sich allerdings eine acht Kilometer lange stehende Fahrzeugkolonne. Auf die Möglichkeit, den Verkehr von der Autobahn abzuleiten, hatte die Gendarmerie verzichtet und sich auf Stauwarnungen auf der Autobahn selbst beschränkt. Eine Beamter begründet die Staufalle gegenüber dem STANDARD damit, dass viele Ortsfremde sich auf der Bundesstraße nicht zurechtfinden würden und "dann haben wir das Chaos dort. Da lassen wir sie lieber auf der Autobahn stehen."

Von umgestürzten Bäumen war der Verkehr aber auch auf Bundes- und Landesstraßen behindert. Auf der L218 traf ein Baum einen Pkw, die drei Insassen blieben unverletzt.

Erst Blitz, dann Feuer

Ein Blitz entfachte am Hubschrauberlandeplatz des Kufsteiner Krankenhauses einen Brand. Das Feuer konnte jedoch schnell gelöscht werden. Schlimmer waren die Blitzfolgen beim Leiterplattenhersteller AT&S in Fehring (Steiermark). Der Stromschlag führte zu einem Fehler in der Steuerung, wodurch ein Schwefelsäuretank explodierte. Die Säure vermischte sich mit Natriumlauge, giftige Dämpfe entstanden. Die Feuerwehr handelte rasch, verletzt wurde niemand.

Im Südosten wurde vor allem der burgenländische Bezirk Mattersburg von Unwettern heimgesucht. In Neuhaus (Bezirk Jennersdorf) wurde ein 43-jähriger Mann verletzt, als er in der Nacht zum Sonntag vier Pferde in Sicherheit bringen wollte. Als er die aufgescheuchten Tiere von der Koppel in den Stall führte, stieß ihn eines der Pferde zu Boden. Der Mann bedurfte der Hilfe des Notarztes.

Es ging Donnerschlag auf Donnerschlag: Um 17.30 Uhr erlebte der Raum Mattersburg sein Weltuntergangsszenario, im Bezirk gab es ab da keine Feuerwehr, die nicht zu einem Einsatz ausrücken musste. Wegen der unbewältigbaren Wassermassen musste die Auffahrt zur S31 bei Mattersburg gesperrt werden.

Um 18 Uhr erreichten die Niederschläge Neusiedl am See, in Neudorf bei Parndorf setzte Blitzschlag ein Einfamilienhaus in Brand. Auf der A3 bei Hornstein kam es zu einem Unfall mit Verletzten.

Zurück in den Alpenraum: Im Spullersee-Gebiet in Vorarlberg wurde eine dramatische Rettungsaktion zu einem guten Ende gebracht. Zwei erfahrene Alpinisten waren in Bergnot geraten, nachdem einer der beiden Männer ins Seil gestürzt war. Vom Schlechtwetter überrascht, beschlossen die Bergsteiger umzukehren und in der Nacht wieder zum Gipfel aufzusteigen. Dort erst konnten sie mit einem Handy Hilfe rufen, ein Hubschrauber des Innenministeriums barg die beiden bei widrigen Bedingungen nach Mitternacht vom Gipfel.

Schon vor einer Woche könnte es in Österreich einen Unwettertoten gegeben haben: Ein 43-jähriger Fabriksarbeiter wird vermisst, er dürfte am vergangenen Sonntag in Wagrain von einer Mure fortgerissen worden sein.

In Bayern kamen am vergangenen Wochenende zwei Menschen ums Leben. Ein Motorradfahrer donnerte mit seiner Maschine gegen einen über der Fahrbahn liegenden Ast und wurde 40 Meter durch die Luft geschleudert; ein 29-jähriger Erntehelfer wurde auf dem Feld vom Blitz erschlagen.

Die gewittrige Unterbrechung des Frühsommers dürfte aber vorerst vorbei sein, die Temperaturen bewegen sich in den nächsten Tagen wieder langsam in bekannte Regionen. Der Landwirtschaft, die dringend Wasser benötigt, dürften die Niederschläge wenig geholfen haben. (red/DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

Donnerschlag auf Donnerschlag, Blitze in kaum gekannter Zahl: So ging die Hitzeperiode vorübergehend zu Ende. Auf Muren und unter Wasser gesetzte Keller und Straßen folgt aber bald wieder die Hitze. Der Sommer startet ab Dienstag neu durch.
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    Umgestürzte Bäume in Tirol

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