Palästinenser wollen Sicherheit garantieren

15. Juni 2003, 19:54
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Gespräche mit Israel auf niedrigerer Ebene

Die pompösen Erklärungen von der Höhe des Nahostgipfels in Akaba waren wirkungslos geblieben. Jetzt versucht man auf verschiedenen niedrigeren Ebenen, die Gewaltspirale vielleicht doch wieder herunterzudrehen.

In der Nacht auf Sonntag traf der palästinensische Sicherheitsminister Mohammed Dahlan im Haus des US-Botschafters bei Tel Aviv diskret den für die Koordination im Autonomiegebiet zuständigen israelischen General Amos Gilad. Die Israelis wiederholten dabei offenbar ein schon vor Wochen gemachtes Angebot, ihre Truppen probeweise aus dem nördlichen Gazastreifen abzuziehen, wenn die Palästinenserbehörde dort für Sicherheit sorgt - sprich, sich dafür verbürgt, dass die Hamas aus dieser Zone keine Raketen mehr abfeuert.

Bisher wollte Premier Mahmud Abbas aber die Verantwortung dafür nicht übernehmen, solange er kein Stillhalteabkommen mit den radikalen Gruppen in der Hand hat. Jetzt deutete die palästinensische Führung aber an, dass man ins Geschäft kommen könnte: "Wir haben die Entscheidung getroffen", sagte Informationsminister Nabil Amr, "dass, wenn Israel sich aus irgendeinem Stück palästinensischen Territoriums zurückzieht, wir in diesem Bereich die Sicherheitsverantwortung auf uns nehmen."

Das Gespräch zwischen Dahlan und Gilad wurde als "positiv" beschrieben, aber zu einem Abschluss kam man zunächst offenbar nicht. Israel soll von Dahlan ein detailliertes Programm dafür verlangt haben, wie er sich die Übernahme der Kontrolle vorstellt, Dahlan forderte seinerseits, dass Israel die "gezielten Tötungen" einstellen müsse.

Neue Terrorwarnung

Doch den israelischen Behörden zufolge lagen am Sonntag 58 konkrete Warnungen vor geplanten Anschlägen vor. Premier Ariel Sharon bekräftigte, dass die Armee weiterhin Terroristen "ausschalten" werde, die als "tickende Bomben" einzustufen seien.

Im Morgengrauen wurde im Gazastreifen bei einer Schießerei mit Soldaten ein Angehöriger der "Al-Aksa-Märtyrer-Brigaden" getötet. Allein am Freitagabend waren im nördlichen Westjordanland zwei israelische Frauen bei einem Feuerüberfall schwer verletzt und in Jenin ein Soldat erschossen worden. In Gaza wurde durch einen neuen Raketenschlag ein weiterer Hamas-Angehöriger getötet, mehr als 20 Menschen wurden dabei verletzt.

Ägyptische Emissäre versuchten indessen am Sonntag, wieder innerpalästinensische Gespräche zu vermitteln. Doch Hamas-Führer Abel-Aziz Rantissi, der vorige Woche einen Raketenangriff leicht verletzt überlebte, teilte mit, "das Wort Waffenruhe steht nicht in unserem Lexikon". Auch der US-Diplomat John Wolf ist in der Region eingetroffen. Eigentlich sollte er die Umsetzung des Friedensplans überwachen, aber dies ist derzeit nicht aktuell. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

Ben Segenreich aus Tel Aviv
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