Eine Botschaft der Mäßigung

15. Juni 2003, 23:37
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Einen ersten Versuch, den "Islam in Europa" rechtlich zu definieren und zu begründen, unternahm am Wochenende eine Konferenz europäischer muslimischer Repräsentanten in Graz.

"Die islamische Botschaft ist auf Mäßigung gebaut. Daraus resultiert die klare Absage an jegliche Form von Fanatismus, Extremismus und Fatalismus", steht in der "Grazer Erklärung" zu lesen, die die "Konferenz der Leiter islamischer Zentren und Imame in Europa" am Sonntag verabschiedete. Das Papier hatte über die angekündigte Zeit hinaus auf sich warten lassen, die Konsensfindung darüber, was der Islam in Europa - die Bezeichnung "europäischer Islam" wurde von der Versammlung verworfen - seiner nicht islamischen Umwelt mitzuteilen hat, war offenbar nicht ganz leicht.

Herausgekommen ist ein Bekenntnis zu Demokratie, Pluralismus und Menschenrechten, aber auch ein Forderungskatalog der europäischen Muslime, für die die etwa hundert Repräsentanten des Islam in Europa, darunter einige Frauen, sprachen. "Mann und Frau sind im Islam einander gleichwertige Partner", heißt es in der Erklärung, "Frauen genießen im Islam von Beginn an wesentliche Rechte, die ihren Status sichern. Frauenrechte sollen daher keine Theorie sein. Es gilt sie in allen Facetten zum Tragen zu bringen." Den Schritt zu "gleichen Rechten" konnte die Konferenz offensichtlich nicht tun.

Übereinstimmung herrschte bei allen Teilnehmern über die Bedeutung der Konferenz, die ehrgeizigen Ziele hatte Gastgeber Anas Schakfeh bei der Eröffnung am Freitagabend formuliert: Es gehe darum, sagte der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, die religiöse Identität der Muslime mit der europäischen Identität zu versöhnen, ihre erwünschte Integration rechtlich zu definieren und zu begründen. Mit dem Konzept von "Haus des Islam" und "Haus des Kriegs" (die nicht islamische, feindliche Welt) sei endgültig aufzuräumen - was in der Erklärung auch deutlich geschah.

"In Europa leben und sterben wir, von Europa aus fahren wir ins Paradies oder in die Hölle", mahnte der bosnische Rais-ul-Ulema (höchster Islamgelehrter) Mustafa Ceric seine Zuhörer, ihre Sache in die Hand zu nehmen. Als Bosnier vertrat er bei der Konferenz eindrücklich den ethnisch europäischen Islam.

Grußbotschaften, allesamt im Geist der Toleranz und der Absage an Extremismus und Gewalt, kamen von Repräsentanten wichtiger islamischer Organisationen außerhalb Europas. Der Extremismus wurde in Graz nicht verleugnet, aber als Randphänomen dargestellt.

Eröffnungsrednerin Außenministerin Benita Ferrero-Waldner hatte am Freitagabend mit ihrer Aufforderung an die Konferenz, in ihre Erklärung einen Passus zugunsten der wegen Ehebruchs zur Steinigung verurteilten Nigerianerin Amina Lawal aufzunehmen, teilweise Kopfschütteln im Publikum geerntet. "Zuerst müssen wir unser eigenen Probleme lösen, dann die in Nigeria", replizierte Ceric. Die Konferenz kam dem Wunsch Ferrero-Waldners jedoch mit der Ankündigung entgegen, ein Komitee nach Nigeria entsenden zu wollen. Es soll mit den Richtern sprechen, die das Urteil verhängt haben. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

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