"Als Muslim muss man sich immer distanzieren"

15. Juni 2003, 23:38
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Medienschelte und Klage über zweierlei Maß der europäischen Öffentlichkeit bei Standard-Diskussion

In einer vom Standard moderierten öffentlichen Diskussion versuchte die sonst hinter verschlossenen Türen tagende Konferenz am Samstagabend ihre Anliegen nach außen zu tragen. Dabei kam allerdings weniger zur Sprache, was die Muslime von sich selbst erwarten - das Thema der Konferenz -, sondern vor allem, was sie von den mit ihnen lebenden Nichtmuslimen einfordern. Was nicht ohne den Vorwurf des "double standard" und besonders nicht ohne die übliche Medienschelte abging.

In Nigeria würde von den europäischen Muslimen eine Einmischung gefordert, in Palästina sei sie unerwünscht, brachte Nadeem Elyas, Vorsitzender des Zentralrates der Muslime in Deutschland, das Unbehagen sinngemäß auf den Punkt - berichtete aber auch, dass sein Zentralrat islamische Organisationen angeschrieben und sie um Intervention im Fall der Nigerianerin Amina Lawal gebeten habe.

Mustafa Ceric, Vorsitzender der Islamgelehrten in Bosnien und Herzegowina, äußerte Verständnis dafür, dass Europa Probleme habe, zu verstehen, wer den Islam eigentlich repräsentiere - was den Europäern aber auch wieder ganz willkommen sei, könnten sie dann doch einfach den als repräsentativ herauspicken, der möglichst extremistische Dinge sage. Und "wenn Christen oder Juden Muslimen etwas antun, kommen die Muslime gar nicht auf die Idee, Jesus oder Moses dafür verantwortlich zu machen. Bei Muslimen wird sofort der Islam, der Koran, der Prophet Muhammad als Schuldiger ausgemacht." Auch El Said El Shahed, Leiter der islamischen religionspädagogischen Akademie, merkte bitter an, dass sich nur Muslime "immer distanzieren müssen, wenn irgendwo etwas passiert".

Anne-Sofie Roald vom Skandinavischen Rat der Muslimischen Intellektuellen in Schweden bat, nicht zu vergessen, dass "nicht der Islam" agiere, sondern Muslime, während Mohammad Bechari, in Graz in seiner Doppelfunktion als Präsident der Islamischen Föderation in Frankreich und Generalsekretär der Europäischen Islamischen Konferenz, daran erinnerte, dass Muslime in Europa auch unter "extremem Säkularismus" zu leiden hätten.

Anas Schakfeh, Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, drückte die Hoffnung aus, Europa werde in Zukunft vermehrt wahrnehmen, dass die europäischen Muslime eine "selbstständige Persönlichkeit" hätten und nicht von einem Zentrum außerhalb abhängig seien - und außerdem "ganz normale Menschen", wie Ceric schloss. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 16.6.2003)

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