Der DDR-Aufstand am 17. Juni 1953

15. Juni 2003, 16:44
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Berlin - Die Niederschlagung des Aufstandes am 17. Juni 1953 zerstörte die Hoffnung vieler DDR-Bürger nach besseren Lebens- und Arbeitsbedingungen und freien Wahlen. Seit Anfang Juni hatte es Streiks gegen Normen-Erhöhungen gegeben. Die entscheidende Phase:

16. Juni: In der Zeitung "Tribüne" erscheint ein Artikel, der die Ende Mai vom DDR-Ministerrat beschlossene zehnprozentige Normen-Erhöhung ohne Lohnausgleich ausdrücklich rechtfertigt.

Der Artikel verstärkt den Willen der Arbeiter, den Streik gegen die Erhöhungen fortzuführen. In Ost-Berlin legen Die Bauarbeiter der Stalin-Allee ihre Arbeit nieder und ziehen zum Regierungsviertel. Bis dort ist der Zug auf mehr als 5000 Demonstranten angewachsen.

Um 14.00 Uhr treffen die Demonstranten am Haus der Ministerien ein. Zur selben Zeit nimmt das Politbüro der Staatspartei SED die umstrittene Normen-Erhöhung zurück.

Der Beschluss bleibt bei den Demonstranten jedoch ungehört. Sie rufen stattdessen zum Generalstreik am nächsten Tag auf. Der West- Berliner Rundfunksender RIAS informiert in der gesamten Stadt über die Ereignisse und verbreitet die Forderung nach Streik.

17. Juni: Von 7.00 Uhr an wird in fast allen Betrieben Ost-Berlins gestreikt. Am Strausberger Platz und am Alexanderplatz formieren sich erste Demonstrationszüge. Mittags ziehen 40 000 Menschen ziehen durch die Straßen. Im Stadtzentrum fahren erste sowjetische Panzer auf.

Die Forderungen der Demonstranten haben längst die Ebene der Arbeitsnormen verlassen politisches Niveau erreicht - "Nieder mit der SED!" und "Nieder mit den Sowjets!" ruft die aufgebrachte Menge.

Die Streikwelle greift schnell auf andere Bezirke der DDR über, auf Leipzig, Magdeburg, Halle, Bitterfeld und Jena, und weitet sich schließlich auf das ganze Land aus.

Um 13.00 Uhr wird über Ost-Berlin sowie fast alle Land- und Stadtkreise der DDR der Ausnahmezustand verhängt. Jede Demonstration und Ansammlung von mehr als drei Menschen ist verboten. In Ost-Berlin ist die Zahl der Demonstranten auf mehr als 100.000 angewachsen.

Um 13.30 Uhr eskaliert die Situation. Sowjetische Einheiten und Volkspolizisten rücken gewaltsam vor. Im Regierungsviertel fahren Panzer in die Menschenmenge hinein, Schüsse fallen, es gibt Tote und Verletzte. Die Stalin-Allee wird geräumt, das Regierungsgebäude wird abgeriegelt. Am Spätnachmittag sind die Demonstrationen zerschlagen.

Um 17.00 Uhr wird im Rundfunk eine Regierungserklärung von Ministerpräsident Otto Grotewohl übertragen. Er ruft zur Wiederherstellung der Ordnung auf. Trotz des Ausnahme-Zustands kommt es bis zum Abend immer wieder zu Unruhen. Zwischen 21.00 und 5.00 Uhr morgens wird DDR-weit eine Ausgangssperre verhängt.

18. Juni: Auf den Straßen und Plätzen der DDR sind sowjetische Panzer und schwerbewaffnete Polizeikräfte zu sehen. An den großen Baustellen in Ost-Berlin wird teilweise wieder gearbeitet.

Einige noch streikende Bauarbeiter fordern, dass die SED-Führung öffentlich Stellung nimmt. Gegen die Streikführer setzt eine Welle von Verhaftungen ein, das erste Todesurteil wird vollstreckt.

19. Juni: Die DDR-Regierung verkündet, dass in allen Betrieben wieder gearbeitet wird. Tatsächlich gibt es aber vereinzelt noch Streiks. Die SED gibt erstmals "Ausschreitungen" öffentlich zu und beschuldigt westliche Agenten und Provokateure der Anstiftung. (APA/dpa)

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