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vergrößern 600x391Rachid Berkane.
vergrößern 600x962Rachid Berkane im Krieg.
vergrößern 600x391Rachid Berkane mit seinem Freund Mohamed.
In Rachid Berkanes Stimme schwingt Stolz mit, wenn er von "meinem Sektor" redet. "Birtouta, Chebli, Ouled Chebel bis hinüber nach Boufarik", zählt er die Orte auf, die er als Politkommissar im algerischen Befreiungskrieg unter sich hatte. Dabei lässt er seinen Blick über die riesigen, von Alleen unterbrochenen Orangenhaine in der fruchtbaren Mitidja-Ebene vor den Toren Algiers schweifen. Der 64-jährige Rentner kennt hier jeden Winkel, zumindest da, wo Bevölkerungsexplosion und Bauwut die Landschaft nicht allzu arg verändert haben. Er war seit Ende des Krieges nicht mehr hier und biegt doch ohne zu zweifeln auf einen staubigen Feldweg ab. Nach ein paar hundert Metern geht es abermals links. Vor einer großen Mauer, hinter der ein Bauernhaus liegt, endet die Fahrt. Berkane ist noch nicht richtig ausgestiegen, da öffnet sich das Tor. Ein alter Mann in Arbeitskluft kommt heraus. Ein kurzer Blick genügt: "Rachid!" - "Mohamed!", und die beiden liegen sich in den Armen.
"Hier auf dem Hof haben wir gegessen und unsere Verletzten versorgt", erzählt Berkane. Der andere hört dem hageren, hoch aufgewachsenen Mann zu. Stolz zeichnet auch sein Gesicht. "Im Nachbargarten war unser Versteck." Ein Schacht, abgedeckt mit einem Betonkübel, in dem ein kleiner Baum wuchs, führte in vier Meter Tiefe. Dort war ein Raum mit Belüftung ausgehoben worden. "Zu sechst hausten wir hier. Nachts kamen wir heraus und führten unsere Aktionen durch", erzählt Berkane. Das Kommando griff Stützpunkte der Kolonialarmee an, überfiel die Gendarmerie, setzte Farmgebäude in Brand und verübte Anschläge auf französische Grundbesitzer.
Zermürbender Guerillakrieg
Einheiten wie die von Rachid Berkane waren überall im Lande aktiv. Der Guerillakrieg zwang schließlich die französische Armee in die Knie. Paris verhandelte mit den Vertretern der "Banditen", wie sie die algerische nationale Befreiungsfront (FLN) und deren militärischen Arm, die Nationale Befreiungsarmee (ALN), den ganzen Krieg über genannt hatten. Am 1. Juli 1962 setzte eine Volksabstimmung 132 Jahren Kolonialgeschichte ein Ende. Wenige Wochen später gab Rachid Berkane seine Waffe ab. "Die Organisation gab mir 1.000 Dinar - genug für zwei Monate." Der ehemalige Moudjahid heiratete seine Frau Miriam, die ebenfalls im Untergrund tätig gewesen war. Das zivile Leben begann.
"Ich war gerade einmal 22 und hinter mir lagen acht Jahre Kampf und Krieg", meint Berkane und wird dabei nachdenklich. Denn "hätte Paris gleich verhandelt, hätte die Unabhängigkeit mit weniger Leid erreicht werden können". Eine Million Menschen verloren in einem der härtesten Kolonialkriege ihr Leben. Die meisten von ihnen waren Algerier. Knapp eine Million Europäer flohen nach der Unabhängigkeit aus dem nordafrikanischen Land.
Begonnen hatte alles am 1. November 1954. Berkane erinnert sich noch gut an jene Nacht, die sein Leben und die Zukunft Algeriens radikal verändern sollte. 30 Anschläge gaben über das ganze Land verteilt den Startschuss zum Befreiungskrieg. "Ich war zwar erst 14, aber ich war bereits tief vom patriotischen Gedankengut geprägt", sagt Berkane. Der Sohn eines Beamten des französischen Arbeitsamtes gehörte zu den Muslimischen Pfadfindern. Neben den Ausflügen in die nähre und weitere Umgebung Algiers standen dort Lieder auf dem Programm, die den Wunsch nach Unabhängigkeit besangen.
Gute Tarnung
Rachid Berkane wuchs im Stadtteil neben der Basilika Notre Dame d'Afrique in Algier auf. "Heilige Mutter Gottes von Afrika, bete für uns und die Muslime" steht in der Kuppel der Kirche. Der Sandsteinbau ruht hoch oben über der Innenstadt. Der Vorplatz bietet einen Blick hinaus aufs Mittelmeer. Im Schatten der Basilika und dem angrenzenden Kloster lebten die Familien kleiner französischer Angestellter und Beamter sowie Muslime, die es wie Berkanes Vater zu etwas gebracht hatten. "Ich besuchte eine gemischte Schule und hatte sehr gute französische Freunde", erinnert sich der Rentner, der als Junge mit seinen europäischstämmigen Kumpels gerne ins Kino, in den Boxverein und zum Tanzen ging. "Die Organisation erlaubte dies", sagt er, als müsse er sich dafür entschuldigen. Es sei schließlich eine gute Tarnung gewesen und habe den Zugang zum französischen Umfeld ermöglicht.
"Die Zeit unter den Franzosen war sicher die beste meines Lebens", antwortet Berkane, ohne lange nachzudenken. Dass er sich dennoch der Nationalen Unabhängigkeitsbewegung anschloss, ist für ihn kein Widerspruch. "Sicherlich ging es uns in der Stadt recht gut. Doch auf dem Land lebten die Algerier in schrecklicher Armut", erklärt Berkane. Denn als die Kolonialherren die Nordküste Afrikas eroberten, nahmen sie "den Eingeborenen" ihren Grund und Boden weg. Aus selbstständigen Bauern wurden besitz- und rechtlose Tagelöhner, die von dem, was sie verdienten, kaum leben konnten. Wenn überhaupt, durften die Algerier unwegsame Grundstücke an den Berghängen behalten. Auch in der Stadt verdienten "die Araber" weniger als ihre französischen Kollegen. Berkane musste dies in seiner Fotografenlehre erfahren. Bei den muslimischen Pfadfindern redeten sie viel über diese Ungerechtigkeiten.
Vordenker des freien Algerien
Berkane, der sich bis heute "zum Teil als Franzose fühlt", ist von den Werten der "Grande Nation" geprägt. In der Schule hörte der Heranwachsenden von den Idealen der Französischen Revolution, von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit und vor allem von der nach der Nazibesatzung wiedererrungenen Freiheit des Vaterlandes. Nur, das passte so ganz und gar nicht zur algerischen Realität. Deshalb besuchte der junge Rachid gerne zusammen mit seinem Vater Kundgebungen der algerischen Nationalisten. Dort sprach der Vordenker des freien Algerien, Messali Hadj. "Ich sehe in noch genau vor mir mit seinem langen Bart", berichtet Berkane über 50 Jahre später noch immer begeistert. Hadj weckte in vielen Algeriern den Traum von einem Staat, auf den sie ebenso stolz sein konnten wie die Franzosen auf den ihren, und der vor allem den Islam respektieren sollte. Später dann vermischte sich all das mit dem Panarabismus, der Ideologie des charismatischen Staatschefs von Ägypten, Djamal Abdel Nasser.
Die ersten Kontakte mit der neuen, bewaffneten Bewegung hatte Rachid Berkane schon wenige Wochen nach dem 1. November. "Mein Onkel kam zu uns. Er hatte aus dem Zweiten Weltkrieg eine Kiste voller Munition und wollte von meinem Vater wissen, wie er sie den Kämpfern zukommen lassen konnte", erinnert sich Berkane. Der Vater wusste tatsächlich Rat. Wenige Tage später kam ein junger Mann nach Hause, der sich als Ahmed vorstellte. "Ich stieg mit ihm in einen 2CV und wir fuhren zu meinem Onkel außerhalb Algiers."
Weg in den Untergrund
Ahmed meldete sich immer wieder bei dem Jungen. Er beauftragte ihn mit Botengängen, dem Verteilen von Flugblättern, ließ ihn berichten, was im Stadtteil passierte. Bald schon stand der gerade einmal 15-Jährige bei Anschlägen Schmiere, überbrachte Waffen, mit denen wenig später Attentate verübt wurden, oder kundschaftete den Lebenswandel eines Anschlagsopfers aus. "Es waren meist Verräter, die mit den Franzosen zusammenarbeiteten", berichtet Berkane mit ruhiger Stimme. Beim Anblick des ersten Toten in einer Blutlache sei er zwar "richtig schockiert" gewesen. "Doch die Organisation erklärte uns, warum er sterben musste, und dann fand ich das richtig so."
Der Weg in den Untergrund führte durch die französische Armee. Mit 19 Jahren wurde Rachid Berkane zum Militärdienst eingezogen. Die Organisation befahl ihm, die Grundausbildung als Telegrafierer fertig zu machen. Nach sechs Monaten nahm er seine Maschinenpistole und schlich sich von dannen. Sein Ansprechpartner bei der FLN vermittelte ihn in die IV. Militärregion der ALN, die Mitidja.
Die Feuertaufe erlebte der frischgebackene Moudjahid nur wenige Tage nach der Ankunft im "Maquis". Zu zehnt wurden sie von der französischen Armee in einem Orangenhain umstellt. Panzer, Flugzeuge, Maschinengewehrfeuer, "es war die Hölle". Die Hälfte von Berkanes Kameraden fielen, ihm gelang es zusammen mit seinem verwundeten Kommandanten, bei Einbruch der Dunkelheit durch die feindliche Schützenpanzerlinie hindurchzurobben. Jetzt war er ein ganzer Kämpfer. Denn bei diesem Feuergefecht hatte er erstmals einen gegnerischen Soldaten erschossen. "Entweder er oder du", weist Berkane moralische Bedenken weit von sich.
Hinrichtungen
Später stellte sich heraus, dass eine junge Algerierin die Moudjahidin gesehen und dies ihrem Arbeitgeber gemeldet hatte. "Wir suchten sie und richteten sie hin. Der Kommandeur schnitt ihr die Kehle durch", berichtet Berkane. Dabei steht ihm eine gewisse Abscheu ins Gesicht geschrieben. Über 30 solcher Exekutionen hat er beigewohnt. "Ich habe mich nie daran gewöhnt", sagt er mit leiser Stimme. "Verrätern" wurde grundsätzlich die Kehle durchtrennt. Die Kugeln waren zu schade, hieß die Begründung dafür. Das grausame Vorgehen sollte abschrecken und den Teil der Bevölkerung auf die Seite der FLN und ALN zwingen, der zweifelte. "Für uns oder gegen uns, hieß das Motto. Neutral sein gab es nicht." Wer von der Organisation angesprochen wurde, hatte gefälligst auszuführen, was von ihm verlangt wurde, wenn nicht, galt er als Verräter. Ganze Familien von Anhängern anderer nationalistischer Gruppen wie der MNA von Messali Hadj wurden massakriert. Selbst die Moudjahidin hatten Angst. Wer widersprach, lief ebenfalls Gefahr, verdächtigt zu werden.
"Das Gute durch das Schlechte erreichen", nennt Berkane dies heute. Der alte Kämpfer hat viel darüber nachgedacht, ob das Vorgehen der ALN nicht von vornherein zum Scheitern verurteilt war, denn "es setzten sich immer die Brutalsten durch und nicht die Intelligenten mit politischer Weitsicht. Das ganze System nach der Unabhängigkeit lässt sich so erklären."
Machtübernahme
Nur kurze Zeit nach dem Referendum rückte die sogenannte Grenzarmee auf Algier vor. Es waren gut ausgerüstete Truppen der ALN, die den ganzen Krieg über in Tunesien und Marokko festlagen, da die Franzosen die Grenzen sicherten. Viele Offiziere der Grenzarmee hatten bereits bei den Franzosen gedient und waren während des Krieges übergelaufen. Die Moudjahidin im "Innern" trauten ihnen nicht über den Weg. Berkane griff mit seiner Einheit ein letztes Mal zur Waffe. "Wir hatten schließlich den Krieg gewonnen und wollten nicht zulassen, dass die Grenzarmee die Macht an sich riss", begründet er seinen Befehl, eine Barrikade in Birtouta zu errichten. Bis zum Feuergefecht kam es nicht. Der Kommandeur pfiff den jungen Politkommissar zurück.
Die Armee unter Houarie Boumedienne zog in Algier ein und übernahm die Macht. Der Traum vom demokratischen Algerien, den Berkane mit so vielen seiner Kameraden geträumt hatte, musste einem Einparteiensystem weichen. Wo die Moudjahidin dies nicht einsehen wollten, brach ein Bürgerkrieg aus. Das "Für uns oder gegen uns" wurde zur Staatsdoktrin. Der militärische Sicherheitsdienst kümmerte sich mit den gleichen Methoden um die Opposition, wie es einst die Franzosen getan hatten. Haft, Folter, Verschwindenlassen ... alles wie gehabt. Erst nach dem Tod Boumediennes und nach einer Jugendrevolte 1988 wurden Parteien zugelassen. Die Jugendlichen liefen in Scharen der Islamischen Heilsfront zu. Diese versprach, Schluss zu machen mit der Korruption in Staat und Armee. Als 1992 die Islamisten die Wahl gewannen und die Armee die Macht übernahm, versank Algerien abermals im Blutrausch.
Privatmensch Berkane
"Viele der Moudjahidin und ihre Familien bereicherten sich gleich nach der Unabhängigkeit an dem, was die geflohenen Franzosen zurückgelassen hatten", berichtet Berkane, wo er den Anfang allen Übels sieht. Er selbst ist stolz darauf, nichts genommen zu haben, und das, obwohl er einige Monate im Komitee für leerstehende Güter in seinem Sektor saß. Der zur Einheitspartei gewandelten FLN ist er nie beigetreten. "Ich habe den Krieg doch nicht mitgemacht, um mich zu bereichern", schimpft er, wenn er auf die politische Klasse zu sprechen kommt. Berkane lebt heute in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im kolonialen Zentrum Algiers, die er "bis auf den letzten Centime abbezahlt" hat.
Bis auf den Ältesten haben die Kinder der Berkanes dem unabhängigen Algerien den Rücken gekehrt. Eine Tochter lebt in Paris, ein Sohn in London und ein dritter wartet auf die Einreisegenehmigung nach Kanada. "Trotz alledem hat es sich gelohnt. Wir haben getan, was getan werden musste", resümiert Rachid Berkane sein Leben, in dem Sieg und Niederlage so eng beieinander liegen. (Reiner Wandler, derStandard.at, 20.3.2012)
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und jetzt ueberlegen wir mal, was gewesen waere, waere algerien weiterhin unfrei geblieben, ein sklavenstaat der franzosen.
vergleichen wir es zum beispiel mit franzoesisch guayana, 20_000 dollar bip/jahr, damit vor argentinien und chile das reichste land suedamerikas, 3 mal so reich wie das nachbarland guayana oder - algerien.
freiheit kostet eben.
und es wollen ein paar leute frei sein und das muessen dann eben alle bezahlen. so ist das im leben. schlimm find ich nur die politisch korrekten mythen die sich dann um all das ranken.
http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/... rauen.html
wann solidarisieren sich die moslemischen europäerInnen endlich mit ihren unterdrückten geschlechtsgenossinnen in afrika und asien und verhelfen ihnen zu ihrem recht, als gleichwertiger mensch in der islamischen gesellschaft anerkannt zu werden?
oder tun sie es und es kriegt nur ebensowenig jemand mit wie die solidarisierung eben der muslimas in europa?
ich finds immer ein wenig merkwürdig, wenn man so, als obs einen selbst nichts anginge, wohlfeil von anderen verlangt, bestimmte aktionen zu machen
zweitens, warum ich die hiesigen muslimas anspreche: http://www.welt-der-frau.at/index.htm... 758&cat=1. lesen sie selbst, was den hiesigen muslimas wichtig ist!
frauensolidarität ist international gegen gewalt gegen frauen. und das gilt umsomehr bei glaubensgenossinnen, es sei denn man verbündet sich augenzwinkernd mit dem arabisch-moslemischen patriarchat, und schweigt, wie es die unsrigen tun. im übrigen: auch in der hiesigen moslemischen community wird männliche gewalt gegen u.unterdrückung von frauen zu einem immer größer werdenden problem, u. dehalb, weil sich mehr und mehr strache-jünger auf das feindbild islam einschießen! auch das gilt es zu bekämpfen!
Filmtipp: The Battle of Algiers (1966) http://www.imdb.com/title/tt0058946/
Nachdem der Film praktisch von der algerischen Regierung produziert wurde (obwohl manche munkel, daß es war Mitproduzent und Nebendarsteller Saadi Yacef, der Ali La Pointe verraten hat), sympathisiert der Film mehr mit den Algeriern. Aber trotzdem alles andere als einseitig.
Wasmich aber immer am meisten wundert: daß man nichts aus dem Film gelernt hat - die Amis haben den sogar extra mal im Pentagon aufgeführt.
Nämlich daß man bestimmte Krieg nicht gewinnen kann. Weil das was militärisch nötig ist (wie die Franzosen es gemacht haben), politisch zur Niederlage führt.
Eine Million Menschen verloren in einem der härtesten Kolonialkriege ihr Leben.
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Nur gibt es keinerlei Belege für diese Behauptung der algerischen Regierung. (Teilweise sogar von 1,5 Mio ausgegeben)
Dennoch in der Tat ein überraschend "ungewaschener" Artikel über ein vielschichtiges und schwieriges Thema, das in Österreich/Deutschland oft nur sehr einseitig betrachtet wird ("heilige Algerier gegen französische Massenmord-Kolonialisten-Fremdherrschaft").
Falls sich jemand findet: Der Wikipedia Artikel gehört überarbeitet.
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