Nachrichten in aller Kürze
Alles zur Community
Nachrichten, die zu Ihnen kommen: Newsletter, Feeds und SMS
Alles zu unseren mobilen Angeboten: Apps, Mobilversion und SMS
Unsere Radio- und TV-Angebote
Die Zeitung im Internet: Abo, E-Paper, Anzeigen und mehr
Alles über die Redaktion von derStandard.at
Alles über Onlinewerbung, Stellenanzeigen und Immobilieninserate

"Tau eingehängt, fünf hoch, zehn hoch, fünfzehn hoch", geht es über Funk.

"Abflugcheck o. k, wir steigen, nach allen Richtungen frei", gibt Heli dem Piloten durch, und ab geht's.
Dienst am Alpin3 am Arlberg. Der Notarzthubschrauber eine schöne gelbe EC 135. Stützpunkt in St. Anton, hinten im Wald, im Verwalltal, gleich neben der Langlaufstrecke. Tüdl-i-tüt - ein greller Funkton. "Alpin drei für Sani Galzig", "Alpin drei hört." "Jo, wir hätten do a Oberschenkelverletzung, auf der roten Pistn, Stütze vier, Landung nicht möglich, Bergung mit Tau und Bergesack, weiblich, es tuat ihr schon weh." "Alpin drei verstanden."
Wir ziehen unser "Gschirr" an: Sitzgurt, Brustgurt, Funkgerät an der Brust. Der Funkcheck am Morgen war o.k. Alles muss funktionieren. Ohne Verständigungsmöglichkeit am Tau zu hängen, wäre eine Katastrophe. Ich hole mir meinen Notarztrucksack aus dem Hubschrauber, hänge ihn an meinem Gurt ein.
Der Pilot startet die Maschine und geht in den Schwebeflug zwei Meter über dem Grund. Heli, mein Flugretter, klickt das Tau unten am Hubschrauber an einer speziellen Vorrichtung ein. "Tau eingehängt, fünf hoch, zehn hoch, fünfzehn hoch", geht es über Funk. Das Tau ist 20 Meter lang und fast gespannt. Wir hängen uns an der Zentralplatte ein. "Abflugcheck o. k, wir steigen, nach allen Richtungen frei", gibt Heli dem Piloten durch, und ab geht's.
Juchuuhh, es hat Minus 23 Grad. Bei 30 Knoten Fluggeschwindigkeit sind das mit dem Windchill annähernd gefühlte 40 Grad Minus. Bei blauem Himmel, strahlender Sonne, herrlichen Farben und klirrender Kälte schweben wir am Tau dicht eingemummt zum Notfallort. Konzentrierter Anflug, der Pilot hat an der Hubischnauze vorne unten einen Spiegel, um uns am Tau zu sehen. Dennoch: Klare Kommunikation ist lebenswichtig. "40 Meter vor, 20 Meter tief, 30 vor, zehn tief, zehn vor, fünf tief." "Kontakt mit dem Grund." "Tau ausgehängt." Wir sind am Boden knapp neben der Patientin.
"Everything okay? Can you remember the accident? Where is the pain?" frage ich in fließendem Englisch. Traumacheck von Kopf bis Fuß. Starker Schmerz an der linken Hüfte, das Bein etwa verkürzt und außenrotiert, wahrscheinlich eine Schenkelhalsfraktur. Sonst nix. Die Dame ist tapfer, aber dennoch ohne eine ordentliche Schmerztherapie wird das nicht gehen.
"I will puncture your vene, you will get a cannula. I will inject you some good medication against the pain." Ich ziehe ihr den Skihandschuh aus, betatsche und desinfiziere ihren Handrücken. Ich klopfe auf die kleinen Gefäßchen, die sich wegen der Kälte, oder vielleicht gar wegen mir, fast gänzlich verstecken, mit dem Ziel sie ein bisschen herauszulocken. Bei Minus 23 Grad ist das nicht ganz so einfach, aber es gelingt. Der Venflon sitzt. Ich spritze zwei hochwirksame Schmerzmittel, spüle das Gefäß mit Kochsalz nach.
"You will feel a little bit dizzy in the brain, relax, it is normal. It is the medication." Missis Foster aus Irland, sportlich mit ihren 74 Jahren, grinst mich nur an. Wir lagern um in die Vakuum-Matratze, packen Missis Foster in den Bergesack ein. Kein Muckser. "Everything okay?" Missis Foster grinst mich weiter an: "Yes, thanks, no pain, I feel great, I am looking forward to the flight." Ich glaube, es geht ihr gut und die Schmerztherapie sitzt.
"40 Meter vor, 20 tief, 30 vor, zehn tief, fünf vor, zwei tief, Kontakt." Klack, wir hängen uns wieder an der Zentralplatte des Hubis ein. Der Karabiner ist zugedreht, der Hubi steigt, das Tau ist gespannt, wir drehen uns ein wenig in der Luft, und ab geht's mit Frau Foster im Bergesack zwischen uns zurück zum Stützpunkt. Herrliches Panorama, strahlende Sonne, Frau Foster hat keine Schmerzen, ist gut eingepackt im Warmen.
Trotz wahrscheinlicher Schenkelhalsfraktur glaube ich im Bergesack ein Jauchzen vernommen zu haben. Am Stützpunkt erfolgen das Umlagern in den Heli und der Flug ins nächst geeignete Spital. "Eyerything okay ?" "Great!!!" (Robert Mosser, derStandard.at, 21.3.2012)
Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.
Notarzt Robert Mosser gibt Einblicke in seinen Alltag als Anästhesist und Flugrettungsarzt
Das Stiegenhaus ist zu eng - Der Patient wird von der Feuerwehr aus einem Fenster im achten Stockwerk geborgen
Nicht nur die stark blutenden Wunde macht eine Menge Verbandmaterial erforderlich
Drei israelische Snowboardfahrer haben die Verhältnisse am Arlberg unterschätzt
Die Zeit drängt: Ein kleiner Junge steckt mit zwei Fingern in einer Ablaufgarnitur
Narkoseträume sind keine Seltenheit - Eine Lehrerin erinnert sich nach dem Erwachen an Traumbilder
Der Radetzkymarsch als Taktgeber für eine nicht enden wollende Reanimation
Eine ältere Dame und ihr Dackel: Ein Einsatz, der nach therapeutischer Anteilnahme und Zuwendung verlangt
Wir fliegen ins Waldviertel - Ein Bauer ist von der Leiter gestürzt
Eine Herausforderung für den Notarzt - Die Versorgung eines Kindes mit einem nicht enden wollenden Krampfanfall
Alpineinsatz am Peilstein: Der bewaldete Notfallort macht die Taubergung einer abgestürzten Kletterin zur Herausforderung
Die Ampullen mit den Medikamenten zum Spritzen sind ja mitunter sehr klein und enthalten nur wenige Mililiter. Besteht da bei längeren Außeneinsätzen im Winter nicht die Gefahr, dass die "Flüssigkeiten" einfrieren?
Ist es gleichgültig, wenn derartige Medikamente aufgrund der Witterung relativ kalt sind? Macht das dem Körper nichts, bzw. ist das angesichts der geringen Mengen, die in den Körper kommen, egal?
Ja, die Ampullen können gefrieren. um das zu verhindern tragen viele Flugärzte die wichtigsten medikamente unter ihrer jacke nah am körper und stellen am unfallort oft passanten ab, die die ampullen mit ihren händen warm halten. die menge aus den ampullen ist zu klein um zu einem gefährlichen abkühlen zu führen, aufpassen muss man eher mit infusionen, wobei wenns richtig kalt ist kann man infusionen oft vergessen weil sie noch bevor sie beim patienten sind im infusionsschlauch gefrieren.
Ich hatte 1997 ebenfalls eine Oberschenkelfraktur in den Bergen.
Leider musste ich auf den Hubschrauber fast 1h warten, aufgrund des schönen Wetters kamen immer neue und ernstere Brezn dazwischen. Nie wieder hatte ich ein weisseres Gesicht und blauere Lippen.
An die "good medication" und den anschliessenden Flug erinnere ich mich aber heute noch gerne. Was für eine Kulisse und Wurschtigkeitsfeeling at its best!
Jederzeit gerne wieder. (Natürlich nicht, aber trotzdem eine sehr positive Erfahrung! Super, die Burschen, auch schon damals.
Lassen wir die Leute lieber am Berg sterben, die nicht den Anstand haben, auf anästethisierende Drogen nicht so zu reagieren, wie man normal halt reagiert. Man hat sich in Ö gefälligst schlecht zu fühlen!
Jeder für sich selbst und Rettung nur für reiche Privatzahler.
Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.