Ein Jauchzen aus dem Bergesack

Robert Mosser, 22. März 2012, 13:34
  • "Tau eingehängt, fünf hoch, zehn hoch, fünfzehn hoch", geht es über Funk.
    foto: robert mosser

    "Tau eingehängt, fünf hoch, zehn hoch, fünfzehn hoch", geht es über Funk.

  • "Abflugcheck o. k, wir steigen, nach allen Richtungen frei", gibt Heli dem Piloten durch, und ab geht's.
    foto: robert mosser

    "Abflugcheck o. k, wir steigen, nach allen Richtungen frei", gibt Heli dem Piloten durch, und ab geht's.

Oberschenkelfraktur auf der roten Piste, Hubschrauber-Bergung mit Tau und Bergesack - Der Flug dürfte Mrs. Foster ein wenig für das Unglück entschädigt haben

Dienst am Alpin3 am Arlberg. Der Notarzthubschrauber eine schöne gelbe EC 135. Stützpunkt in St. Anton, hinten im Wald, im Verwalltal, gleich neben der Langlaufstrecke. Tüdl-i-tüt - ein greller Funkton. "Alpin drei für Sani Galzig", "Alpin drei hört." "Jo, wir hätten do a Oberschenkelverletzung, auf der roten Pistn, Stütze vier, Landung nicht möglich, Bergung mit Tau und Bergesack, weiblich, es tuat ihr schon weh." "Alpin drei verstanden."

Wir ziehen unser "Gschirr" an: Sitzgurt, Brustgurt, Funkgerät an der Brust. Der Funkcheck am Morgen war o.k. Alles muss funktionieren. Ohne Verständigungsmöglichkeit am Tau zu hängen, wäre eine Katastrophe. Ich hole mir meinen Notarztrucksack aus dem Hubschrauber, hänge ihn an meinem Gurt ein.

Der Pilot startet die Maschine und geht in den Schwebeflug zwei Meter über dem Grund. Heli, mein Flugretter, klickt das Tau unten am Hubschrauber an einer speziellen Vorrichtung ein. "Tau eingehängt, fünf hoch, zehn hoch, fünfzehn hoch", geht es über Funk. Das Tau ist 20 Meter lang und fast gespannt. Wir hängen uns an der Zentralplatte ein. "Abflugcheck o. k, wir steigen, nach allen Richtungen frei", gibt Heli dem Piloten durch, und ab geht's.

Juchuuhh, es hat Minus 23 Grad. Bei 30 Knoten Fluggeschwindigkeit sind das mit dem Windchill annähernd gefühlte 40 Grad Minus. Bei blauem Himmel, strahlender Sonne, herrlichen Farben und klirrender Kälte schweben wir am Tau dicht eingemummt zum Notfallort. Konzentrierter Anflug, der Pilot hat an der Hubischnauze vorne unten einen Spiegel, um uns am Tau zu sehen. Dennoch: Klare Kommunikation ist lebenswichtig. "40 Meter vor, 20 Meter tief, 30 vor, zehn tief, zehn vor, fünf tief." "Kontakt mit dem Grund." "Tau ausgehängt." Wir sind am Boden knapp neben der Patientin.

"Everything okay? Can you remember the accident? Where is the pain?" frage ich in fließendem Englisch. Traumacheck von Kopf bis Fuß. Starker Schmerz an der linken Hüfte, das Bein etwa verkürzt und außenrotiert, wahrscheinlich eine Schenkelhalsfraktur. Sonst nix. Die Dame ist tapfer, aber dennoch ohne eine ordentliche Schmerztherapie wird das nicht gehen.

"I will puncture your vene, you will get a cannula. I will inject you some good medication against the pain." Ich ziehe ihr den Skihandschuh aus, betatsche und desinfiziere ihren Handrücken. Ich klopfe auf die kleinen Gefäßchen, die sich wegen der Kälte, oder vielleicht gar wegen mir, fast gänzlich verstecken, mit dem Ziel sie ein bisschen herauszulocken. Bei Minus 23 Grad ist das nicht ganz so einfach, aber es gelingt. Der Venflon sitzt. Ich spritze zwei hochwirksame Schmerzmittel, spüle das Gefäß mit Kochsalz nach.

"You will feel a little bit dizzy in the brain, relax, it is normal. It is the medication." Missis Foster aus Irland, sportlich mit ihren 74 Jahren, grinst mich nur an. Wir lagern um in die Vakuum-Matratze, packen Missis Foster in den Bergesack ein. Kein Muckser. "Everything okay?" Missis Foster grinst mich weiter an: "Yes, thanks, no pain, I feel great, I am looking forward to the flight." Ich glaube, es geht ihr gut und die Schmerztherapie sitzt.

"40 Meter vor, 20 tief, 30 vor, zehn tief, fünf vor, zwei tief, Kontakt." Klack, wir hängen uns wieder an der Zentralplatte des Hubis ein. Der Karabiner ist zugedreht, der Hubi steigt, das Tau ist gespannt, wir drehen uns ein wenig in der Luft, und ab geht's mit Frau Foster im Bergesack zwischen uns zurück zum Stützpunkt. Herrliches Panorama, strahlende Sonne, Frau Foster hat keine Schmerzen, ist gut eingepackt im Warmen.

Trotz wahrscheinlicher Schenkelhalsfraktur glaube ich im Bergesack ein Jauchzen vernommen zu haben. Am Stützpunkt erfolgen das Umlagern in den Heli und der Flug ins nächst geeignete Spital. "Eyerything okay ?" "Great!!!" (Robert Mosser, derStandard.at, 21.3.2012)

Robert Mosser ist Facharzt für Anästhesie sowie Flugrettungsarzt. In seinem Blog gibt er komische, tragische und bewegende Einblicke in seine Tätigkeit.

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"(...), frage ich in fließendem Englisch."

Wofür so etwas über sich selbst in einen derartigen Bericht hineinschreiben?

nix gecheckt?? ;)

Soll das ironisch sein? So schlecht ist das Englisch, das er laut seinem Bericht gesprochen hat, auch nicht.

konntet ihr die nicht bisserl seitlich drehen?

die sieht ja sonst nur den Himmel und nix von der Landschaft!

Danke Standard und Dr. Mosser!! :-D

2 Fragen

Die Ampullen mit den Medikamenten zum Spritzen sind ja mitunter sehr klein und enthalten nur wenige Mililiter. Besteht da bei längeren Außeneinsätzen im Winter nicht die Gefahr, dass die "Flüssigkeiten" einfrieren?

Ist es gleichgültig, wenn derartige Medikamente aufgrund der Witterung relativ kalt sind? Macht das dem Körper nichts, bzw. ist das angesichts der geringen Mengen, die in den Körper kommen, egal?

Ja, die Ampullen können gefrieren. um das zu verhindern tragen viele Flugärzte die wichtigsten medikamente unter ihrer jacke nah am körper und stellen am unfallort oft passanten ab, die die ampullen mit ihren händen warm halten. die menge aus den ampullen ist zu klein um zu einem gefährlichen abkühlen zu führen, aufpassen muss man eher mit infusionen, wobei wenns richtig kalt ist kann man infusionen oft vergessen weil sie noch bevor sie beim patienten sind im infusionsschlauch gefrieren.

nur einmal aus interesse, hat ihr posting name etwas mit dem dr. e. coli zu tun, den ein paar medizinstudenten bei einem biohacking-wettbewerb des MIT eingereicht haben?

Ich hatte 1997 ebenfalls eine Oberschenkelfraktur in den Bergen.
Leider musste ich auf den Hubschrauber fast 1h warten, aufgrund des schönen Wetters kamen immer neue und ernstere Brezn dazwischen. Nie wieder hatte ich ein weisseres Gesicht und blauere Lippen.
An die "good medication" und den anschliessenden Flug erinnere ich mich aber heute noch gerne. Was für eine Kulisse und Wurschtigkeitsfeeling at its best!
Jederzeit gerne wieder. (Natürlich nicht, aber trotzdem eine sehr positive Erfahrung! Super, die Burschen, auch schon damals.

Und? Wieviel hat die Allgemeinheit pecken dürfen dafür? WissenS das oder interessiert einen sowas eh ned?

Warum die Allgemeinheit?

Ich dachte immer, es ist der Steuerzahler, der blecht.

Zumindest wurde mir das so von deinesgleichen immer vermittelt ;-)

einerseits ist es dämlich was sie schreiben,

andererseits erwarten sie sie sich auch hilfe für sich und ihre familie, wenn sie diese brauchen.

hätt halt runterfahren sollen, ein oberschenkel war ja noch ok...

Wenn Sie einen Unfall haben,

warten Sie dann am Unfallort ab, bis die Fraktur von alleine heilt?

Lassen wir die Leute lieber am Berg sterben, die nicht den Anstand haben, auf anästethisierende Drogen nicht so zu reagieren, wie man normal halt reagiert. Man hat sich in Ö gefälligst schlecht zu fühlen!

Jeder für sich selbst und Rettung nur für reiche Privatzahler.

Gar nix muss die Allgemeinheit zahlen...

denn wenn man weder ÖAMTC Schutzbrief oder entsprechende Unfallversicherung hat, muss man selber dafür zahlen! Das gilt übrigens für alle Sportunfälle im Privatbereich!

No, hätte die Allgemeinheit ihn besser am Berg gelassen, oder was wollen Sie damit ausdrücken?

Deliziös !

Geradezu genial .... weiter so!

poah ... i, just like it ...
coole musi, den juchiza hed i a gean keat
mc dreamy --> mc heli

Mc Sexy ;)

"Everything okay? frage ich in fließendem Englisch."

Legendär :)

und das bei miehnus 23 Grad

"...und da es noch sehr früh war, sagt ich

freundlich: good tomorrow! Bitte! Danke!" ;)

ist DER hubschauber eine sie?!?

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