"Unsere Bildungsinstitutionen sind ausgrenzend"

Interview |
  • "Im ganzen Bildungsverständnis macht man sich nur noch für die Seite des 
Wettbewerbs stark. Das Moment des Gemeinsamen,
 auch im Sinne einer gerechteren Bildung, ist verloren gegangen in 
dieser Leistungsmaschine", sagt Messerschmidt.
    foto: derstandard.at/ruep

    "Im ganzen Bildungsverständnis macht man sich nur noch für die Seite des Wettbewerbs stark. Das Moment des Gemeinsamen, auch im Sinne einer gerechteren Bildung, ist verloren gegangen in dieser Leistungsmaschine", sagt Messerschmidt.

Um die Bildung zu "reparieren", braucht es eine Schule für alle und eine universale Lehrerausbildung, sagt Bildungsexpertin Astrid Messerschmidt

Anlässlich des Symposiums "Bildung, die an der Krise scheitert, ist keine Bildung" zur Feier 50 Jahre Internationales Forschungszentrum Salzburg sprach die deutsche Bildungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt über die Bildung in der globalisierten Gesellschaft. Die Bildung ist beschädigt, durch den Anpassungszwang und dem betriebswirtschaftlichen Leistungsprinzip erläutert Messerschmidt im Gespräch mit derStandard.at.

***

Standard: Frau Messerschmidt, Sie sprechen von einer "beschädigten Bildung". Wie könnte man die Bildung reparieren?

Messerschmidt (lacht): Ich denke das Bildung verändert werden müsste hinsichtlich der Institutionen, in denen gebildet wird. Die Institutionen selbst sind ausgrenzend. Sie grenzen bestimmte Gruppen der Gesellschaft aus und reproduzieren so Ungleichheit. Auf dieser Ebene der institutionellen Diskriminierung müsste eine Veränderung ansetzen.

Standard: Was heißt das konkret für die Bildungspraxis?

Messerschmidt: Schulen müssten sich öffnen für eine Gesellschaft, die sehr vielfältig geworden ist. Unsere Schulen sind viel zu monokulturell und monosprachlich. Sie müssen sich für die Pluralität der Gesellschaft öffnen und sich mit der sozialen Ausgrenzung auseinandersetzen. Eine Schule, die Bürgerkinder bevorzugt und alle anderen benachteiligt, ist problematisch. Es müssten sich die institutionellen Abläufe ändern, aber auch die Art und Weise wie Lehrer agieren. Die Lehrer brauchen Fortbildungen und Auseinandersetzungen damit, wie sie Kindern begegnen, die anders sind als sie selbst. Wie sie selbst mit Differenz und Vielfalt umgehen. Und wo sie dazu neigen bestimmte Gruppen der Gesellschaft, oder bestimmte Schüler und deren Eltern zu diskriminieren, indem sie diese als defizität oder problematisch wahrnehmen und für diese Gruppen Vorurteile hegen.

Standard: Sie sprechen die Lehrerausbildung an. Es wird gerade diskutiert, welche Form die Lehrerbildung künftig haben soll. Ob eine Pädagogische Hochschule oder eine Pädagogische Universität. Gibt es die wahre Lehrerausbildung?

Messerschmidt: Die Lehrer sollten in ihrem Studium eine Möglichkeit finden, sich mit der Gesellschaft, in der sie unterrichtet werden, auseinanderzusetzen. Ich glaube, dass ganz viel Gelegenheit zur Selbstreflexion notwendig ist. Deshalb würde ich für eine Universität plädieren. Um Lehrern wirklich eine universale Bildung zu ermöglichen.

Standard: Ist es nicht gerade das Problem des derzeitigen universitären Systems, dass für die Selbstreflexion keine Zeit mehr bleibt?

Messerschmidt: Bildung ist manchmal das Problem, nicht die Lösung. Wenn Bildung so gestaltet wird, wie sie jetzt ist, durch diesen betriebswirtschaftlichen Trend, dann ist sie eher das Problem, als die Lösung. Es handelt sich dann nur noch um ein Funktionieren in einer Lernmaschinerie, wo man zählbare messbare Leistungen erbringen muss. Es müsste sich auch von innen, an den Hochschulen etwas verändern, um Reflexionsräume zu ermöglichen.

Standard: Sie schreiben, dass gerade in der Pädagogik Migranten weder fremd gemacht werden dürfen noch von ihnen verlangt werden darf, sich soweit zu integrieren, dass sie assimiliert sind. Wie findet man den Weg dazwischen?

Messerschmidt: Das betrifft ja nicht nur Migranten, sondern alle, die in der Bildungsinstitution sind, stehen unter dem Druck sich anzupassen. Ich würde nicht die Unterscheidung machen zwischen Migranten und Nicht-Migranten. Die Frage ist, wird dieser Anpassungsdruck für bestimmte Gruppen destruktiv, oder ist es möglich, ihn soweit zu verändern, dass man sich bilden kann und nicht frustriert wird. Viele erleben, dass sie dauernd auf ihre Defizite hingewiesen werden. "Du kannst nicht gut Deutsch, das ist nicht perfekt genug." Das frustriert, insbesondere junge Leute, wenn sie immer nur erleben: Ich bin defizitär. Ein Ansatzpunkt wäre, die Ansprache zu verändern und die Potentiale der Menschen hervorheben, zum Beispiel ihre Mehrsprachigkeit hervorzuheben: "Du kannst ja Kroatisch"

Standard: Kommt es durch das Bildungssystem werden Migranten strukturell schlechter gestellt. Ist die Einführung der Neuen Mittelschule ein Schritt in die richtige Richtung?

Messerschmidt: Könnte sein. Es ist natürlich kein radikaler Schritt. Das wirkliche Problem der Einteilung in Bildungsklassen löst es nicht. Es ist nur ein Abbau einer sehr tiefgreifenden Diskriminierung. Ein erster Schritt, um in der Bildung für Gerechtigkeit und Gleichheit zu sorgen. Nicht Gleichheit im Sinn von Homogenität, sondern von Egalität. Egalität im Sinne einer Gleichberechtigung, also gleichen Möglichkeiten der Partizipation und Chancen sich an der Gesellschaft zu beteiligen. Das wäre wichtig, um diese strukturellen Schlechterstellungen abzubauen. Es sind nicht per se Migranten schlechter gestellt, sondern bestimmte Gruppen, die als besonders fremd adressiert werden. Dazu gehören heute vor allem Muslime und solche, die eher aus Arbeitermilieus kommen und daher häufig als bildungsfern gelten. Das betrifft auch einheimische Schüler. Wir haben eine mehrschichtige Diskriminierung. Der Migrationshintergrund ist nicht die einzig relevante Unterscheidungslinie, sondern es geht um soziale Ausgrenzungen.

Standard: Ist es überhaupt möglich diese Ungleichheit zu beseitigen, oder geringer zu machen?

Messerschmidt: Geringer zu machen glaub ich schon. Von beseitigen würde ich nicht ausgehen. Diese totalen Ziele kann man in den gegebenen Verhältnissen nicht mehr vertreten. Da gibt es auch Vorbilder in anderen Bildungssystemen.

Standard: Ist das die Pflicht der Politik?

Messerschmidt: Ja. Für mehr Gleichberechtigung zu sorgen und für ein möglichst langes, gemeinsames Lernen von verschiedenen Kindern aus verschiedenen Gruppen der Gesellschaft. Denn wenn viele Kinder schon so früh in der Schule diese Aussonderung erleben, das halte ich für eine Benachteiligung. Auch für diejenigen, die privilegiert werden und nur noch mit Privilegierten zusammen sind. Sie können ganz viele Erfahrungen, die zum Leben dazugehören gar nicht mehr machen.

Standard: Das heißt ein ideales System wäre die Neue Mittelschule für alle und nicht, dass die Hauptschule zur Neuen Mittelschule wird und das Gymnasium bestehen bleibt.

Messerschmidt: Ich plädiere für den Ansatz der "Schule für alle" im Sinne dieser Egalität der Verschiedenheit, das wäre ein ganz wichtiger Schritt. Aber dazu müsste sich in der Bildungskultur etwas verändern. Wie Bildung überhaupt gesehen wird. Soll sie für eine Leistungssteigerung sorgen, damit ich im Wettbewerb bestehen kann? Dann ist es nicht Bildung für alle, sondern jene die Ungleichheit reproduziert. Oder ist Bildung dazu da, für alle und möglichst viele in der Gesellschaft, ein gutes Leben zu ermöglichen. Das ist ein Unterschied. Im ganzen Bildungsverständnis macht man sich nur noch für die Seite des Wettbewerbs stark, der immer inhumaner wird. Das Moment des Gemeinsamen, auch im Sinne einer gerechteren Bildung, ist verloren gegangen in dieser Leistungsmaschine. (Stefanie Ruep, derStandard.at, 19.03.2012)

ASTRID MESSERSCHMIDT (46) studierte Pädagogik, Politikwissenschaft und Germanistik. Derzeit lehrt die Erziehungswissenschaftlerin Interkulturelle Bildung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die migrationsgesellschaftliche Bildung und der pädagogische Umgang mit Verschiedenheit und Diskriminierung.

Share if you care