Darmspiegelung der Geschichte

18. März 2012, 20:59
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Elfriede Jelinek schrieb mit dem Stück "Rechnitz" gegen das Vergessen eines Massakers der Nazis im Burgenland an. Regisseur Michael Simon sorgte für eine beeindruckende Österreich-Premiere

Graz - Die Geschichte ist schnell erzählt. Und doch wurde sie jahrzehntelang nicht erzählt, wurde aus der offiziellen Geschichte gestrichen. Totgeschwiegen. Vor ziemlich genau 67 Jahren, im März 1945 gab die Gräfin Margit von Batthyány-Thyssen ein Fest auf ihrem Schloss im burgenländischen Rechnitz. Ein Fest für Nazi-Prominenz, für SS- und Gestapo-Männer. Die Gäste quälen und ermorden quasi am Rande dieses Festes rund 180 jüdische Zwangsarbeiter. Die Leichen werden verscharrt, das Schloss brennt wenig später komplett nieder.

Es ist eines ihrer besten Stücke, das Elfriede Jelinek mit Rechnitz (Der Würgeengel) über diese Nacht geschrieben hat. 2008 in den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, sollte es nach dem Willen der Autorin in Österreich nicht gezeigt werden. Nun hat Jelinek für das Grazer Schauspielhaus eine Ausnahme gemacht. Ein Glücksfall, zu dem auch die Regie von Michael Simon beiträgt. Simon geht präzise und respektvoll mit Jelineks dichtem Text um, in dem Boten - laut Regieanweisung einer oder auch viele - den perversen Blutrausch, die Dekadenz und das Grauen dieser Nacht erzählen.

Und sie schlagen in dieser "Darmspiegelung der Geschichte" Brücken ins heutige Österreich. Sie erinnern an die Mauerschau im klassischen Drama, doch sie sind mehr: Boten der Geschichte. Michael Simon, der bei Regie und Dramaturgie von Thomas Reichert unterstützt wurde, entschied sich für vier Boten und besetzte diese mit großartigen Schauspielern: Steffi Krautz, die in ihren Monologen über "den" Deutschen zu trotziger Höchstform aufläuft, und Christoph Rothenbuchner, der einmal mehr in seiner jungen Karriere eine große Wandlungsfähigkeit und Feinheit auch in härtesten Textpassagen beweist.

Einziger Wermutstropfen ist Rothenbuchners kurz angespielte Hitler-Parodie, die hier einfach nichts verloren hat. Nicola Gründel punktet indes textsicher ebenso wie als schweigendes Opfertier und am Klavier. Als Meister der grausamen Zwischentöne glänzt Stefan Suske. Vor allem, wenn er im Dunkeln seiner Geliebten kannibalistische Fantasien zuflüstert. Die vier tragen Arbeitsoveralls mit Butler-Livree (Kostüme: Denise Heschl).

Vom Salon zum Schlachthof

Ihr Outfit ist passend für Arbeit zwischen Salon und Schlachthof. Dumpfe Blasmusik setzt akustische Markierungen im Text (Musik: Bernhard Neumaier). Während in der ersten Hälfte die Boten und eine echte Schafherde, die im Hintergrund auf der leeren Bühne ihr eigenes stilles Tableau vivant kreiert, die Geschichte erzählen,  lebt der zweite Teil von grellen Bildern. Das Mörderfest wird mit riesigen Körperteilen, einem Schädel, einem Kiefer und wabbelnden Eingeweiden auf einer Festtafel gefeiert. (Die bewegten Objekte stammen von Studierenden der Grazer Kunst-Uni.)

Dass in Österreich eine angemessen schonungslose und ernsthafte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit stürmischen Applaus erhält, wer hätte das gedacht? Niemand. Und so waren auch die Reaktionen des Premierenpublikums am Freitag durchwachsen, begeistert bis verstört.

Die Geschichte geht abseits der Bühne weiter. Der Verein RE.F.U.G.I.U.S. , mit dem der Pianist und Komponist Paul Gulda seit Jahren würdige Gedenkarbeit vor Ort in Rechnitz leistet, lädt am kommenden Wochenende zum Symposium (24. 3.) und zur Museumseröffnung in den Kreuzstadl (25. 3.) auf das Gelände. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD, 19.3.2012)

Nächste Aufführung 24. 3.

  • Drei der vier Boten der Geschichte: Christoph Rothenbuchner, Nicola 
Gründel und Steffi Krautz (v. li.) erzählen das Grauen von Rechnitz.
    foto: lupi spuma

    Drei der vier Boten der Geschichte: Christoph Rothenbuchner, Nicola Gründel und Steffi Krautz (v. li.) erzählen das Grauen von Rechnitz.

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