Ab morgen wegen Untergangs geschlossen

Ronald Pohl
18. März 2012, 20:47
  • Scheint Dantes "Inferno" entsprungen: Marcello de Nardo als Liftboy Ignatz im "Hotel Savoy".
    foto: apa/herbert neubauer

    Scheint Dantes "Inferno" entsprungen: Marcello de Nardo als Liftboy Ignatz im "Hotel Savoy".

Als melancholischen Abgesang auf eine Welt mit Schmauchspuren hat Ingo Berk die Dramatisierung von Joseph Roths "Hotel Savoy" hübsch, aber auch behäbig inszeniert

Wien - Es ist ein weiter Weg zurück: von den Wellnesshotels unserer Tage hinab in die Grand Hotels der Zwischenkriegszeit. Dem Dichter Joseph Roth (1894-1939) diente die schäbige Eleganz einer solchen Beherbergungsstätte als Kulisse für die Todeszuckungen einer untergehenden Gesellschaft. Hotel Savoy, so der Titel des nunmehr vom Wiener Volkstheater dramatisierten Romans, gleicht einem Gespensterlaufsteg auf sieben Stockwerken: Unten, in den niederen Etagen, breiten sich die Besitzenden bequem aus. Oben aber, direkt unter dem Dachfirst, lagert das menschliche Strandgut: Überlebenskünstler, Artisten, Scharlatane.

Nun ist in einem Hotel wie dem Savoy das Bühnenbild schon die halbe Miete. Damian Hitz' kohlenschwarze Hausfassade gibt sich mit der Andeutung zweier Stockwerke zufrieden. Die Treppenspindel umkrallt einen Liftschacht. Über die Benützung der Kabine aber gebietet der Liftboy Ignatz (Marcello de Nardo): Er bildet das geheime Kraftzentrum des nicht sonderlich fokussierten Geschehens, an dessen Ende ein furchtbarer Schwefelblitz steht.

Leider bekommt Ingo Berks Inszenierung von Koen Tachelets brav refereriender Savoy-Fassung - der Roman stammt aus 1924 - die Katastrophe gar nicht mehr in den Blick. Irgendwie meint man zu spüren, das Hotel sei zu früh, spätestens aber auf der ersten Bauprobe des Theaters abgebrannt.Immerzu schlägt den Figuren die Geisterstunde: Reihum deklamieren sie Roths Prosa und starren in die Weite der kollabierenden Welt hinaus. Wo aber von Anfang an das Leben nur von Ruinen aufersteht, da gibt es nicht mehr viel zu besprechen. Was schade ist, als sich Berk auf wunderbare Einträge ins Skizzenheft der Melancholie versteht: Sein Kriegsheimkehrer Gabriel Dan (Dominik Warta) kommt in kurzen Hosen aus der Tiefe eines Bergschachts gestapft, als säßen unter dem Hotelbau Alberichs Nibelungen.

Dan ist ein Gehemmter, Introvertierter, unfähig, seinen Leidensgenossen anders als mit passiver Abwehr zu begegnen. Sein Flirt mit der patenten Varietétänzerin Stasia (Andrea Bröderbauer) besitzt die stockende Anmut einer Pfarrkranzverabredung. Im selben Atemzug möchte man aber auch gleich wieder die ganze halbseidene Belegschaft in Schutz nehmen. Mit wenigen Gesten und mimischen Verrenkungen werden ganze Schicksale in die staubige Luft gezeichnet: Da humpelt die Barbetreiberin Kupfer (Susa Meyer) vom Schnaps hinüber zum Todestango, dort stirbt der hustende Clown Santschin (Thomas Kamper) unter tadelloser Absolvierung zweier Purzelbäume. Wenn ein dröhnender Revolutionär (Christoph F. Krutzler) an das Mikrofon tritt, wackeln die ohnehin arg mitgenommenen Brandmauern.

Die Apokalypse wird diskret abgewickelt. Draußen streiken Arbeiter, die nicht länger an Lungenblutungen zugrunde gehen wollen. Die Stadt könnte Lodz sein, aber auch Lemberg oder Mohács heißen. Das Hotel Savoy aber, so erzählt es der Jungmelancholiker Berk, geht still an sich selbst zugrunde. Der Liftboy mit den tief liegenden Augen hat es wohl immer gewusst: Er scheint mitsamt seiner roten Montur Dantes Inferno entsprungen.

Ingo Berks Roth-Projekt wird vielleicht nicht als Sternstunde in die Annalen der Ära Schottenberg eingehen. Immerhin steckt es voller hübscher Details und demonstriert die Leistungsfähigkeit eines gefestigten Ensembles. Ein Umstand, den auch das Premierenpublikum höflich würdigte.  (Ronald Pohl, DER STANDARD, 19.3.2012)

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