"Es fehlt noch viel Überzeugungsarbeit"

Interview |
  • Rainer Stempkowski: "Das gesamte Bauwesen macht 50 Prozent des Mülls aus, den wir produzieren."
    foto: donau-uni krems

    Rainer Stempkowski: "Das gesamte Bauwesen macht 50 Prozent des Mülls aus, den wir produzieren."

Rainer Stempkowski, Professor für Life Cycle Management an der Donau-Uni Krems, ortet eine Aufbruchsstimmung und sagt, wo der Hebel angesetzt gehört

Nachhaltigkeit fängt bei der Fertigstellung eines Gebäudes erst an, sagt Rainer Stempkowski, Professor für Life Cycle Management an der Donau-Uni Krems, im Gespräch mit Maik Novotny.

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STANDARD: Wie weit kann man die Nutzung eines Gebäudes planen?

Stempkowski: Sehr weit. Ein einziger Lebenszyklus dauert zwar nur 30 Jahre, aber wir müssen in mehreren Zyklen denken - beispielsweise, indem man sich schon bei der Planung überlegt, wie man ein Gebäude an neue Nutzungsanforderungen anpassen und flexible Grundrisse und Fassadensysteme schaffen kann.

STANDARD: Welcher Investor will so langfristig denken?

Stempkowski: Heute nur wenige. Ein Familienunternehmer tut das, aber eine Immobiliengesellschaft denkt nur in Fünfjahreszeiträumen. Das ist zu wenig. Instandhaltung und Wartung müssen längerfristiger geplant werden. Man muss zwar nicht wissen, wie in 30 Jahren das Fassadensystem aussehen wird, aber man muss wissen, wie man es austauschen kann.

STANDARD: Was sind die größten Kostenfaktoren?

Stempkowski: Der Abtransport von Bausubstanz ist ein erheblicher Kostenfaktor. Das gesamte Bauwesen macht 50 Prozent des Mülls aus, den wir produzieren. Also müssen wir versuchen, bestimmte Baustoffe weiterzuverwenden. Wenn ich die heute üblichen verklebten Dämmplatten entferne, dann habe ich einen Mischmasch aus Betonresten und Putz, den ich nie wieder trennen kann. Durch eine vorgehängte Fassade könnte man das vermeiden.

STANDARD: Wird das bereits umgesetzt?

Stempkowski: Ich orte bei den Managern eine Aufbruchsstimmung. In unserem Studiengang in Krems arbeiten wir mit Unternehmen, die das Life Cycle Management bereits strategisch implementieren und bei ihren Projekten freiwillig die Lebenszykluskosten berechnen. Aber wir müssen noch viel Überzeugungsarbeit leisten. Das Hauptproblem ist, dass Investitions- und Betriebskosten immer separat betrachtet und budgetiert werden. Die Abteilung, die Investitionskosten berechnet, darf sich theoretisch gar nicht mit Betriebskosten auseinandersetzen. Die Frage ist also: Wie verbinde ich die, die ein Gebäude errichten, mit denen, die es bewirtschaften?

STANDARD: In welchem Umfang können hier Einsparungen getroffen werden?

Stempkowski: Ein bis zwei Prozent der Investitionskosten, die aber wiederum zehn Prozent der Lebenshaltungskosten reduzieren können - vor allem bei Reinigung und Instandhaltung. Den größten Hebel hat man bei der Planung. Da können bis zu 20 Prozent der Lebenszykluskosten eingespart werden.

STANDARD: Und warum tut man das dann so selten?

Stempkowski: Weil viele Bauherren den Planungsprozess verkürzen und so schnell wie möglich zu bauen beginnen wollen, um zwei Monate mehr Verwertungszeit zu haben. Das ist der falsche Ansatz! (DER STANDARD, 17./18.3.2012)

RAINER STEMPKOWSKI ist Professor für Baumanagement und Wissenschaftlicher Leiter des Studiums LCM-Bau (Life Cycle Management) an der Donau-Universität Krems.

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