Die Erben der Laura Ashley

  • Warum immer nur Blumen? - dachten sich Dolce & Gabbana und kombinierten Blüten-Spitzen mit Tomaten- Drucken.
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    Warum immer nur Blumen? - dachten sich Dolce & Gabbana und kombinierten Blüten-Spitzen mit Tomaten- Drucken.

Die Designer stehen derzeit auf wild wuchernde Blumenmuster - Auf den Spuren des Floralen in der Mode

Eigentlich ist das ja nichts Neues: Blüten, Blätter und Blumenranken machen die Designer in jedem Frühjahr schwach. Diese Saison ist allerdings so gar kein Entkommen vor wild wuchernden Mustern. Denn alle, aber wirklich alle machen mit.

Christopher Kane zum Beispiel. Der Designer schickte in London knallige Blumensticker über den Laufsteg - und steht damit für eine zeitgemäße Interpretation des Floralen. Kein altmodisches Streublümchen und kein verstaubtes Mille Fleurs. Hier wird das Blumenmotiv futuristisch interpretiert: Bei Kane lugen Margeriten-, Rosen- und Stiefmütterchenköpfe durch transparente Kunststoffkleider und -mäntel. Doch nicht beschauliche Spaziergänge durch Englands Landschaftsgärten haben den schottischen Designer inspiriert: sondern Bilder von weiblichen Teenagern in unansehnlichen Schlafzimmern. Blumenwahnsinn in Plattenbauten.

Kane, der dem Horror Vacui mittels cleaner Schnitte zu Leibe rückt, ist damit beileibe nicht allein: Miuccia Prada dreht bei Miu Miu Blumenmuster ins Comichafte, Dries Van Noten kombiniert Blüten und Landschaftsbilder. Und in New York bricht der junge Alexander Wang florale Allover-Drucke mit Sportswear-Elementen.

Muster-Overkill

Gleichzeitig sind die digitalen Blumenwelten längst allgemein erschwinglich im Kaufhaus angekommen. Die gebürtige Griechin Mary Katrantzou, deren gefinkelte Prints aus Mingvasenmustern und Blumenrabatten berühmt geworden sind, entwarf soeben massenkompatible Polyesterblumenträume für Topshop. Der Muster-Overkill ging weg wie warme Semmeln. Kein Wunder, Frau Katrantzou gilt als die Designerin des Augenblicks.

Dabei musste sich das Blumenmuster Anfang des 20. Jahrhunderts seinen Weg in die weiblichen Kleiderschränke erst erobern: Während in Wien ein Kolo Moser bereits um die Jahrhundertwende flächige florale Muster designt, rückt das industriell reproduzierte Blumenmuster als billiger Druck auf Arbeitskitteln und Schürzen, Nacht- und Unterwäsche aus Baumwolle und Kunstseide erst in den 20er-Jahren in die weibliche Tagesgarderobe auf. In England genießt die Arbeiterklasse damals erste Urlaubsansprüche, Frau urlaubt bevorzugt in floral bedruckten Sommerkleidern und Strandpyjamas. Gute zehn Jahre später hat sich das Blumenmotiv auch dank des Siebdruckverfahrens, das Drucke für die Masse erschwinglich machte, selbst in der konservativen Bürogarderobe etabliert.

Seither ist insbesondere das Blumenkleid in England ein Dauerbrenner: Unkompliziert, praktisch und dennoch weiblich soll es sein. Das florale Motiv wird vor allem mit dem Weiblichen assoziiert, in der Männermode spielt das Blumenmuster maximal in der Tracht oder als über Männerbauch und Hosenbund hängendes Hawaiihemd eine Rolle. Für die Frauen hingegen gilt: Wer ein Blumenkleid überwirft, sammelt Sympathiepunkte. Nicht ohne Grund wechselte Lady Di - wenn offiziell für eine gute Sache unterwegs oder Bürgernähe demonstrierend - gern vom Businesskostüm zum Blumendruck. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht die Blumenmanie in der Mode aber wahrscheinlich auf den opulenten Kleidern des New Look.

Kitschiger britischer Landhaus-Chic

Ende der 40er können sich die großflächige Blüten auf den üppigen Dior-Silhouetten, die den neuesten Schrei aus der Modehauptstadt Paris importieren, schön bequem machen: der Krieg vorbei, die Stoffsparmaßnahmen auch. Die Vogue gibt Schnittbücher heraus, viele Frauen nähen ihre Kleider in Heimarbeit und besonders gerne nach den Entwürfen der großen Designer - zum Beispiel aus Blumenstoffen von Liberty. Das Londoner Kaufhaus reagiert auf die gesteigerte Nachfrage und lässt sich bereits Mitte der 50er ordentlich was einfallen: Das 1875 gegründete Unternehmen engagiert talentierte Designstudenten zur Entwicklung besonderer Muster, die die Umsätze steigen lassen. Doch nicht nur das britische Kaufhaus, auch Selfmade-Woman Laura Ashley und Ehemann Bernard, ein Exportschlager kitschigen britischen Landhaus-Chics, haben ihren Erfolg in den 1960er- und 70er- Jahren dem Zeitgeist zu verdanken. Die Ashleys setzten den immer kürzer werdenden Minis ihre wallenden, ländlich anmutenden Kleider im viktorianischen Stil entgegen.

Den zum Klischee gewordenen betulichen Blümchenmoden begegnet die Jugendkultur der 80er- und 90er-Jahre zunehmend mit ironischer Distanz. 1988, als in Großbritannien der "Second Summer of Love" tobt, macht sich Acid House in London über die unschuldsbehafteten Blumenmotive der Endsechziger- und Siebzigerjahre her. Es folgt Role-Model Courtney Love, die Anfang der 90er Blümchentops zu zerrissenen Jeans trägt. Bald geben Mädchenzeitschriften dem massenkompatibel gewordenen weiblichen Grunge-Look ihren Segen: Blümchenkleid wird jetzt mit Overknees und Dr.-Martens-Stiefeln getragen.

Und was macht Christopher Kane mit alledem? Als Kind der 80er-Jahre bedient er sich ungeniert des floralen Gemischtwarenhandels der Vergangenheit: Acid House kollidiert mit abgefuckter Blümchentapete. Willkommen in den digitalen Blumenwelten des Jahrgangs 2012 - da kann Laura Ashley eigentlich nur noch einpacken. (Anne Feldkamp, Rondo, DER STANDARD, 16.03.2012)

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