Studieren ohne Gebühren?

Kommentar der anderen

Plädoyer für einen rationalen Umgang und für ein Gebührensystem nach Stipendienlogik, das aus studentischen Bittstellern Kunden macht

Oft heißt es, Bildung sei ein so hohes Gut, dass man sie nicht der kalten Logik reinen Wirtschaftlichkeitsdenkens überantworten dürfe. Natürlich ist Bildung ein sehr hohes Gut, aber noch wichtiger ist eine gesunde Ernährung. So wichtig sogar, dass niemand auf die Idee käme, Lebensmittel kostenlos anzubieten, denn jeder weiß, dass dies mit einer erheblichen Ressourcenvergeudung einherginge. Warum aber lassen wir Vergeudung im Bereich Bildung zu?

Derzeit wird wieder einmal über Studiengebühren diskutiert, und ich befürchte, die Diskussion geht, wie schon vor zehn Jahren, in die falsche Richtung: Studiengebühren sind kein Instrument der Fiskalpolitik, es geht nicht darum, die Kassen des Staates zu füllen! Sie sind rechtfertigbar nur als Instrument zum rationalen Umgang mit knappen Mitteln. Diese Funktion können sie jedoch nur dann erfüllen, wenn sie auf beide Seiten, auf Nachfrager wie Anbieter von Bildungsleistungen disziplinierend wirken.

Betrachten wir die Medizinische Universität Innsbruck, die das Privileg genießt, die Zahl der Studienanfänger auf 400 begrenzen zu dürfen, gestaffelt nach Bildungsinländern, EU-Angehörigen und Ausländern. Wer diese Studienplätze bekommt, wird in einem aufwändigen und europarechtlich fragwürdigen Test entschieden. Unterstellen wir einmal, die variablen Kosten für einen Medizinstudent beliefen sich auf 15.000 Euro. Warum kürzt der Wissenschaftsminister nicht den Zuschuss an die Universität um zehn Millionen und erlaubt ihr im Gegenzug, Studiengebühren in Höhe von 20.000 Euro pro Jahr zu verlangen? Die eingesparten Mittel würden dafür verwendet, 400 Stipendien in Höhe von 20.000 Euro auszuschreiben, die nach demselben Verfahren wie die Studienplätze vergeben werden. Die finanziellen Konsequenzen: keine für den Etat der Ministeriums, keine für die Universität und keine für die österreichischen Studenten, die vorher einen "kostenlosen" Studienplatz und jetzt ein Stipendium bekommen haben.

Zugleich aber wäre eine ganze Reihe von Vorteilen damit verbunden:

  •  Es könnte mehr Österreichern ein Medizinstudium ermöglicht werden, da die EU nur Gleichbehandlung, nicht aber die finanzielle Unterstützung von Ausländern einfordert; die derzeitigen Quoten wären somit entbehrlich.
  •  Den Studierenden wäre bewusst, dass studieren zu können, ein hohes Gut ist, mit dem sorgfältig umzugehen ist - selbstverständlich wird das Stipendium nur für die Regelstudienzeit bezahlt, und es wird Aufgabe der Universität sein, dies möglich zu machen.
  •  Angesichts eines Deckungsbeitrags (=Gebühr minus variable Kosten) in Höhe von 5000 Euro ist die Universität daran interessiert, die Studienplätze zu erweitern statt zu begrenzen; jeder Student schafft zusätzlichen finanziellen Spielraum
  •  Ausländische Studenten würden nicht als Schmarotzer angesehen, sondern man rollt den roten Teppich für sie aus, da sie Geld ins Land bringen
  •  Ein ausländischer Kultusminister, dem zum Beispiel 50 Studienplätze fehlen und der sie kurzfristig nicht bereitstellen kann, könnte für eine Million Stipendien ausschreiben, um seinen Landeskindern ein Studium in Innsbruck zu ermöglichen
  •  Für diejenigen, die im Test nicht unter die ersten 400 kamen, besteht die Möglichkeit, dennoch Medizin zu studieren, indem sie die Studiengebühren selbst aufbringen (evtl. über Kredite).
  •  Die Studenten sehen sich in der Rolle eines Kunden, der Forderungen stellen kann und nicht die Rolle des Bittstellers einnehmen muss.
  •  Es käme ein heilsamer Wettbewerb zwischen den Universitäten in Gang.

Natürlich liegt bei der Ausgestaltung der Teufel im Detail; die Diskussion muss aber ernsthaft geführt werden, denn Bildung ist ein zu wertvolles Gut, um nachlässig bewirtschaftet zu werden. Die Studiengebühren der Schüssel-Regierung waren kein Schritt in die richtige Richtung, sondern eine Art Steuer; genutzt haben sie dem Fiskus und Institutionen wie den Verkehrsbetrieben und Museen, die sich Rabatte für Scheinstudenten erspart haben. Die Probleme der Universität haben sie nicht gelöst: Die Inskriptionen gingen zurück, nicht aber die faktischen Studentenzahlen. Studiengebühren, die niedriger sind als die variablen Kosten der Uni, sind sinnlos.

Was völlig außer Streit steht, ist, dass wir unsere Begabungsreserven vollständig ausschöpfen müssen, wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen (das jüngste Times-Ranking sollte Warnung genug sein). Es darf nicht sein, dass jemand, der die Befähigung zu einem Studium hat, dieses aus finanziellen Gründen nicht aufnehmen kann. Viele Untersuchungen zeigen jedoch, dass Studiengebührenfreiheit hierzu ein ungeeignetes Instrument ist: In Ländern mit hohen Studiengebühren ist die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems meist deutlich größer als in Österreich.

Blick nach Stanford

Es steht allerdings zu befürchten, dass die Politik zögert, einen solchen Schritt zu wagen, denn mit dem Übergang auf eine Studenten- statt Universitätsförderung wäre auch das Eingeständnis verbunden, dass die Mittel, die unsere Gesellschaft bereit ist, in die Jugend zu investieren, deutlich unter dem liegen, was in vergleichbaren Ländern üblich ist. Aber nicht nur der Staat ist gefragt, auch die Wirtschaft: Warum muss es immer Sport und Kultur sein, wenn es um Sponsoring geht? In den USA sind die Universitäten der Hauptadressat. Vor kurzem berichtete die kalifornische Universität Stanford über ein Spendenaufkommen von 6,2 Milliarden US-Dollar; das ist weit mehr als der gesamte österreichische Etat für Wissenschaft und Forschung. (Klaus Schredelseker, DER STANDARD, 16.3.2012)

Autor

Klaus Schredelseker ist emeritierter Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck.

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