Studieren ohne Gebühren?

Kommentar der anderen
15. März 2012, 19:32

Plädoyer für einen rationalen Umgang und für ein Gebührensystem nach Stipendienlogik, das aus studentischen Bittstellern Kunden macht

Oft heißt es, Bildung sei ein so hohes Gut, dass man sie nicht der kalten Logik reinen Wirtschaftlichkeitsdenkens überantworten dürfe. Natürlich ist Bildung ein sehr hohes Gut, aber noch wichtiger ist eine gesunde Ernährung. So wichtig sogar, dass niemand auf die Idee käme, Lebensmittel kostenlos anzubieten, denn jeder weiß, dass dies mit einer erheblichen Ressourcenvergeudung einherginge. Warum aber lassen wir Vergeudung im Bereich Bildung zu?

Derzeit wird wieder einmal über Studiengebühren diskutiert, und ich befürchte, die Diskussion geht, wie schon vor zehn Jahren, in die falsche Richtung: Studiengebühren sind kein Instrument der Fiskalpolitik, es geht nicht darum, die Kassen des Staates zu füllen! Sie sind rechtfertigbar nur als Instrument zum rationalen Umgang mit knappen Mitteln. Diese Funktion können sie jedoch nur dann erfüllen, wenn sie auf beide Seiten, auf Nachfrager wie Anbieter von Bildungsleistungen disziplinierend wirken.

Betrachten wir die Medizinische Universität Innsbruck, die das Privileg genießt, die Zahl der Studienanfänger auf 400 begrenzen zu dürfen, gestaffelt nach Bildungsinländern, EU-Angehörigen und Ausländern. Wer diese Studienplätze bekommt, wird in einem aufwändigen und europarechtlich fragwürdigen Test entschieden. Unterstellen wir einmal, die variablen Kosten für einen Medizinstudent beliefen sich auf 15.000 Euro. Warum kürzt der Wissenschaftsminister nicht den Zuschuss an die Universität um zehn Millionen und erlaubt ihr im Gegenzug, Studiengebühren in Höhe von 20.000 Euro pro Jahr zu verlangen? Die eingesparten Mittel würden dafür verwendet, 400 Stipendien in Höhe von 20.000 Euro auszuschreiben, die nach demselben Verfahren wie die Studienplätze vergeben werden. Die finanziellen Konsequenzen: keine für den Etat der Ministeriums, keine für die Universität und keine für die österreichischen Studenten, die vorher einen "kostenlosen" Studienplatz und jetzt ein Stipendium bekommen haben.

Zugleich aber wäre eine ganze Reihe von Vorteilen damit verbunden:

  •  Es könnte mehr Österreichern ein Medizinstudium ermöglicht werden, da die EU nur Gleichbehandlung, nicht aber die finanzielle Unterstützung von Ausländern einfordert; die derzeitigen Quoten wären somit entbehrlich.
  •  Den Studierenden wäre bewusst, dass studieren zu können, ein hohes Gut ist, mit dem sorgfältig umzugehen ist - selbstverständlich wird das Stipendium nur für die Regelstudienzeit bezahlt, und es wird Aufgabe der Universität sein, dies möglich zu machen.
  •  Angesichts eines Deckungsbeitrags (=Gebühr minus variable Kosten) in Höhe von 5000 Euro ist die Universität daran interessiert, die Studienplätze zu erweitern statt zu begrenzen; jeder Student schafft zusätzlichen finanziellen Spielraum
  •  Ausländische Studenten würden nicht als Schmarotzer angesehen, sondern man rollt den roten Teppich für sie aus, da sie Geld ins Land bringen
  •  Ein ausländischer Kultusminister, dem zum Beispiel 50 Studienplätze fehlen und der sie kurzfristig nicht bereitstellen kann, könnte für eine Million Stipendien ausschreiben, um seinen Landeskindern ein Studium in Innsbruck zu ermöglichen
  •  Für diejenigen, die im Test nicht unter die ersten 400 kamen, besteht die Möglichkeit, dennoch Medizin zu studieren, indem sie die Studiengebühren selbst aufbringen (evtl. über Kredite).
  •  Die Studenten sehen sich in der Rolle eines Kunden, der Forderungen stellen kann und nicht die Rolle des Bittstellers einnehmen muss.
  •  Es käme ein heilsamer Wettbewerb zwischen den Universitäten in Gang.

Natürlich liegt bei der Ausgestaltung der Teufel im Detail; die Diskussion muss aber ernsthaft geführt werden, denn Bildung ist ein zu wertvolles Gut, um nachlässig bewirtschaftet zu werden. Die Studiengebühren der Schüssel-Regierung waren kein Schritt in die richtige Richtung, sondern eine Art Steuer; genutzt haben sie dem Fiskus und Institutionen wie den Verkehrsbetrieben und Museen, die sich Rabatte für Scheinstudenten erspart haben. Die Probleme der Universität haben sie nicht gelöst: Die Inskriptionen gingen zurück, nicht aber die faktischen Studentenzahlen. Studiengebühren, die niedriger sind als die variablen Kosten der Uni, sind sinnlos.

Was völlig außer Streit steht, ist, dass wir unsere Begabungsreserven vollständig ausschöpfen müssen, wenn wir international wettbewerbsfähig bleiben wollen (das jüngste Times-Ranking sollte Warnung genug sein). Es darf nicht sein, dass jemand, der die Befähigung zu einem Studium hat, dieses aus finanziellen Gründen nicht aufnehmen kann. Viele Untersuchungen zeigen jedoch, dass Studiengebührenfreiheit hierzu ein ungeeignetes Instrument ist: In Ländern mit hohen Studiengebühren ist die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems meist deutlich größer als in Österreich.

Blick nach Stanford

Es steht allerdings zu befürchten, dass die Politik zögert, einen solchen Schritt zu wagen, denn mit dem Übergang auf eine Studenten- statt Universitätsförderung wäre auch das Eingeständnis verbunden, dass die Mittel, die unsere Gesellschaft bereit ist, in die Jugend zu investieren, deutlich unter dem liegen, was in vergleichbaren Ländern üblich ist. Aber nicht nur der Staat ist gefragt, auch die Wirtschaft: Warum muss es immer Sport und Kultur sein, wenn es um Sponsoring geht? In den USA sind die Universitäten der Hauptadressat. Vor kurzem berichtete die kalifornische Universität Stanford über ein Spendenaufkommen von 6,2 Milliarden US-Dollar; das ist weit mehr als der gesamte österreichische Etat für Wissenschaft und Forschung. (Klaus Schredelseker, DER STANDARD, 16.3.2012)

Autor

Klaus Schredelseker ist emeritierter Universitätsprofessor für Betriebswirtschaftslehre in Innsbruck.

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Lebensmittelverschwendung

Mehr als 25% der Lebensmittel landen im Müll. Das liegt nicht daran, dass sie kostenlos sind, sondern im Gegenteil daran, dass sie kosten. Unternehmen produzieren Waren im Wettbewerb, weil sie um Geld konkurrieren. Sie produzieren daher immer zuviel und zuwenig zugleich: Zuviel, weil sie ja jeden Tag wieder den Marktanteil erhöhen wollen; zuwenig, weil die, die kein Geld haben - und man sie daher nicht erpressen kann mit ihrer Bedürftnigkeit -, nie zum Zuge kommen. So landen die Lebensmittel tagtäglich im Supermarktmüll. Der ist brav verriegelt, damit die Armen sich nichts nehmen - die wären dann nurmehr halb so erpressbar!

ziemlich einfältig, finden Sie nicht ?

Her mit den Gegenargumenten.

PS

Die FAO stellt regelmäßig fest, dass man längst alle Menschen ernähren könnte. Aber mit den armen Menschen ist kein Profit zu machen - daher werden lieber Butterberge und Milchseen vernichtet. Oder die EU zahlt gleich Geld, damit das Land brach liegt - zur Preisstabilisierung.
Der Vergleich ist also grundfalsch. Aber es ist nicht verwunderlich, dass ein BWL-Fuzzi nicht weiterdenkt.

Kaum kommt ein detaillierter Vorschlag zur Uni-Finanzierung, wird er schon in der Luft zerrissen. Herr Töchterle, Ihr Kollege hat da eine gute Basis für Verhandlungen gelegt!

An alle Poster: bitte den ganzen Artikel sinnerfassend lesen.

Freie Bildung ist wie Verschwenden von Nahrung?

Es wäre jedoch zu billig hier nun zu sagen: Wer so einen Vergleich macht, der oder die disqualifiziert sich von selbst. Denn mit seiner Argumentation zeigt er zugleich einen Widerspruch bei vielen Unibrennt und Anti-Studiengebühren AktivistInnen auf. Diese fordern ja wirklich einerseits freie kostenlose Bildung für alle, an der Warenförmigkeit (sprich: der Notwendigkeit für die Ware zu zahlen) von Nahrung, haben sie selten etwas auszusetzen.

weiter: http://wutimbauch.wordpress.com/2012/03/1... n-nahrung/

Pension "Alma Mama" oder wir Kinder vom Café Rosa

Sagen wir´s doch frei heraus:

Wir wollen einfach NICHTS zahlen !

Und wenn unsere Argumente noch so besch*++*en sind, wir bleiben dabei.

(daran erkennt man die intellektuelle Elite)

Schon wieder ein Betriebs"wissenschafter", der der Ansicht ist eine gesellschaftspolitische Expertise abgeben zu können. An Präpotenz wohl nicht mehr zu überbieten.

Was ist daran Wissenschaft ein Problem nur von einer Seite zu betrachten? Oder will der Autor behaupten es GIBT GAR KEINE NEGATIVEN SEITEN an diesem schwachsinnigen Vorschlag?

-) Es ist prinzipiell schwachsinnig zu behaupten VOR dem ersten Tag an der Uni mit Sicherheit sagen zu können, wer sich für ein Studium eignet. Hier wird jede geistige Entwicklungsmöglichkeit des Menschen abgesprochen: man muss von Natur aus Student sein, wie im letzten Jahrhundert.

-) Anstatt den Menschen mit Anerkennung entgegenzutreten, sagen wir ihnen, sie sind zu dumm für die Uni. Das wird sicher das Selbstwertgefühl der nicht präpotenten Jugendlichen steigern und ihre Bereitschaft erhöhen, aktiv an d. Gesellsch. teilzunehmen.

20.000€/Jahr Studiengebühren.

Ja und was macht man, wenn man nicht 400 Menschen findet, die sich das in Österreich antun?

Die es sich leisten können, können dann gleich an Elite-universitäten studieren, die einen guten Ruf haben und würden vermutlich nicht in Ö bleiben.
Was geschieht dann mit den StipendiatInnen. So nach dem Motto: Eigentlich würde euch ein Stipendium zustehen, aber es gibt nicht genug Gebührenzahler, also bekommt ihr halt kein Stipendium mehr?

Nach der Regelstudienzeit 20.000€ Gebühren, führt bei diesem sinnvollen Studiensystem sicher dazu, dass mal mehr Zeit in jene Bereiche investiert wird, die den Studierenden wirklich interessieren. Innovation und Kreativität wird dadurch sicher gefördert?

Die StudentInnen als KundInnen der Universitäten.

Auch wenn es manche verwundern mag, von vielen Professoren, die aus amerikanischen Unis kommen, wird immer wieder erwähnt wie sehr sie die Selbstständigkeit der österreichischen StudentInnen bewundern. Viele bringen mit ein paar Stunden Betreuung mehr zusammen, als 100te Stunden lang betreute StudentInnen der "Elite-universitäten".

Wer soviel bezahlt kann verlangen, dass die Universität gefälligst alles zu tun hat, damit der zahlende Kunde auch den Abschluss erwirbt. Das finde ich beunruhigend, weil dadurch der Uni-abschluss garnichts mehr sagen kann.

Das Studium als hohes Gut vermitteln durch 20.000€/Jahr Studiengebühren.

Dem Studierenden wird beigebracht, dass ein Studium ein hohes Gut und Privileg ist, WEIL ES VIEL GELD KOSTET. Ich bin mir nicht sicher, bin aber überzeugt davon, dass das Studium nicht deswegen ein hohes Gut ist, weil es teuer ist. Das sehen vermutlich Betriebs"wissenschafter" anders.

Aber genau an dieser Fragestellung mangelt es sowieso der ganzen Bildungsdebatte: WAS MACHT BILDUNG ZU EINEM HOHEN GUT? wenn man mal darüber diskutiert, tut man sich sicher leichter zu erruieren, wer und wieviele in dessen "Genuss" kommen dürfen. Vielleicht kommt man ja dann drauf, dass Bildung nicht deswegen ein hohes Gut ist, weil man dann im Job mehr Geld bekommt.

Und vielleicht checken sie einmal

dass Bildung kein Monopol von unis ist, sondern das es in der Verantwortung jedes einzelnen liegt sich zu bilden.

Bildung ist deswegen ein 'hohes gut', weil es viel Zeit und Mühe kostet. Und kommt net' automatisch mit dem titel Mag. etc.

In unserer Gesellschaft ist Bildung ein Monopol der Unis. Das habe ich mir nicht so ausgesucht.

Es ist der einzige Ort, an dem es gesellschaftlich universal anerkannt ist, sich eine breite Bildung zu erarbeiten. Ich sehe keine Tendenz, die es in unserer Gesellschaft dem nicht Wohlhabenden gestattet, in eine unbezahlte Tätigkeit von sich aus sehr viel Zeit zu investieren. Solange es diese Tendenz nicht gibt, halte ich nicht viel davon diese Aufgabe/Qualität der Universtität aus dieser zu verbannen.

Ich bin nicht der Ansicht, dass Bildung nur deswegen ein hohes Gut ist, weil es viel Zeit und Mühe kostet. Das zum einzigen Kriterium zu erheben, klingt schon recht merkwürdig und ist wirklich nahe dran an der Definition Bildung ist viel wert, weil sie viel kostet.

oida

also gesellschaftlich universal anerkannt =Ausbildung=Stempel von einer Einrichtung

'breite' Bildung wie sie es sehen ist lebenslang, und da kommt es auf den einzelnen an, ganz ohne Institution, welche auch immer.

yo kloa... dieser kommentar ist natürlich total rational und ideologisch in keinster weise gefärbt... :D

Welch ein

Wahnsinniger glaubt bloß daran, dass Betriebswirte die Welt retten werden - sorry die Typen haben doch alle eine Meise oder ihre Sicherungen sind durch das Koks ein wenig locker.

Pension "Alma Mama" oder wir Kinder vom Café Rosa

Sagen wir´s doch frei heraus:

Wir wollen einfach NICHTS zahlen !

Und wenn unsere Argumente noch so besch*++**en sind, wir bleiben dabei.

(daran erkennt man die intellektuelle Elite, u.A. !)

wer zahlt schon gerne für ein so gut wie nicht vorhandenes service.

"Den Studierenden wäre bewusst, dass studieren zu können, ein hohes Gut ist, mit dem sorgfältig umzugehen ist - selbstverständlich wird das Stipendium nur für die Regelstudienzeit bezahlt, und es wird Aufgabe der Universität sein, dies möglich zu machen."

und damit diskriminieren wir interdisziplinarität, arbeiten neben dem studium, weibliche studierende und etliche andere, die es aus nachvollziehbaren gründen nicht in der zeit schaffen.

Lieber Em. Univ.Prof. Schredelseker, ihr Weltbild eines auf druck-sonst-musst-du-dich-verschulden- systems hat mit universität so viel zu tun, wie sie mit nicht verstaubten ansichten.

magst mir...

...erklären, warum man damit interdisziplinarität und vor allem auch frauen diskriminiert? :D

wie immer keine begründung ;)

Frauen

können bekanntlich schwanger werden.

und weiter?...

...nicht mal im moment ist das ein problem...in diesen fällen erhöht sich die maximal zulässige studiendauer...vlt. mal vorher informieren

Ich erkläre es dir gerne:

Wie viele Fächer können auf diese Art und Weise parallel studiert werden, wenn alle Richtungen einen Studenplan haben, bei dem die LVs zur gleichen Zeit stattfinden?

Wie viele LVs können ernsthaft von anderen Studienrichtungen besucht werden, ohne mit dem Stundenplan in Verzug zu kommen und dadurch das Studium nicht in Regelstudienzeit abzuschließen? Wann ist der Druck höher das lieber nicht zu tun, wenn entweder das Studium ein Jahr später abgeschlossen wird (wobei die Hälfte des Studiums auch in anderen Disziplinen abgeschlossen werden kann), oder wenn man 20.000€ zahlen muss und das Stipendium verliert, wobei nur ~8LVs aus anderen Fächern für dein Fach angerechnet werden ?

sry...

...ich habe wohl verpasst, dass ich selber 2 studien mache...irgendwie scheints ja doch zu gehn...nebenbei ists ja eh nicht in stein gemeiselt, dass man nur fächer aus einem studium machen kann...es würde z.b. auch eine regelung mit einer gewissen anzahl an ects pro semester reichen

Veilleicht sollte man mal ein studienfach ERNSTHAFT besuchen...

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