Wie Arbeitgeber in Jobinterviews "glänzen"

Blog21. März 2012, 11:22
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Nämlich möglichst wenig, um qualifizierte Bewerber aufs Glatteis zu führen

Nach Aufklärung über das Ausschreibungsprozedere im vergangenen Blog folgt nun die Expertise über das "Herzstück" des Bewerbungsfiaskos: das Bewerbungsgespräch, die Einführung des "Neuen" und die Entlohnung.

Zum Bewerbungsgespräch

Das Bewerbungsgespräch ist das Auge des Orkans der Bewerberabwehr. Ihr ganzes Geschick und Talent sollte in die Waagschale gelegt werden, um unangenehme Folgen auszuschließen. Wiederum einige Handlungsempfehlungen:

  • Unterstützen Sie die Personalabteilung in der Bewerberabwehr durch persönlichen Einsatz. "Funken" Sie nach Herzenslust "hinein" und bewerten Sie - falls Sie ein "richtiger Mann" sind - Frauen ausschließlich nach der Passgenauigkeit gegenüber Ihrem Schönheitsideal und Männer nach ihrer Frisur. Vermeiden Sie tunlichst, jemanden einzustellen, der eine Ausbildung vorweisen kann.
  • Demonstrieren Sie den Bewerbern, ohne zu zögern, dass Sie nach eigenem Gutdünken in Personalfragen vorgehen und auch vor Schikanen und Repressalien nicht zurückschrecken. Benehmen Sie sich beim Bewerbergespräch wie ein elektrisierter Pavian. Schreien Sie und stoßen Sie wilde Flüche aus! Beschimpfen Sie Ihr Gegenüber als Günstling seiner Eltern, danach unterstellen Sie ihm, dass er ein Versager ist. Diejenigen Bewerber mit Restintelligenz im mindestens zweistelligen IQ-Bereich werden sich daraufhin höchstwahrscheinlich freiwillig zurückziehen. Die Übriggebliebenen sind das "Grün-Braune vom Ei" und perfekt für Ihr Desaster.
  • Verlangen Sie überlange Lebensläufe und bestehen Sie auf Motivationsschreiben. Ein neuer Kandidat soll sofort erkennen können, dass hier mit höchster Effizienz und maximalem Verwaltungsaufwand am Desaster gearbeitet wird. Interpretieren Sie jeden Strich und Beistrich des Textes und ignorieren Sie die Person, die Ihnen gegenübersitzt. Stellen Sie "besonders schlaue" Fragen und präsentieren Sie sich als "Kenner der Szene". Als Arbeitgeber haben Sie das Recht, alles und noch ein wenig mehr besser zu wissen als der Bewerber selbst. Korrigieren Sie seine Ausführungen und schneiden Sie ihm das Wort mitten im Satz ab.
  • Veranstalten Sie ein Assessment-Center, kurz AC. Selten kann man erste Reihe fußfrei so eindrücklich sehen, wie sich junge Aspiranten freiwillig zum Affen machen. Nehmen Sie die Möglichkeit wahr, sich völlig wirre Aufgaben auszudenken, die nach Ihrem Kommando ausgeführt werden. Spüren Sie die Macht und erleben Sie das erhebende Gefühl, bewerten und richten zu können. Dieser Umstand ist besonders für ansonsten eher unsichere Charaktere ein freudiger Anlass, sich zur Aufbesserung des eigenen angekratzten Selbstwertgefühls als gestrenge Führungskraft präsentieren zu können. Wer den ganzen Unsinn ohne zu murren mitmacht, ist Ihr persönlicher Desaster-Bestkandidat.

Zur Einführung

Sollten Sie sich bereits für einen Kandidaten entschieden haben, empfiehlt es sich, diesen anlässlich der Einführung und Vorstellung im Betrieb merken zu lassen, was es heißt, in einem Betriebsdesaster zu arbeiten. Stellen Sie sicher, dass kein geeigneter Arbeitsplatz vorhanden ist und der Neuankömmling diesen erst von seinen "Kollegen" erstreiten muss. 

Machen Sie innerhalb des Betriebes klar, dass der "Neue" viel besser als die bestehenden Mitarbeiter sei und dass er den Auftrag habe, "frischen Schwung" in die Abteilung zu bringen. Erzeugen Sie dadurch übertriebene Erwartungshaltung, enormen Leistungsdruck, Angst und Aggressionen der anderen. Bevorzugen Sie den Neuen ohne Grund und beobachten Sie, wie das Betriebsklima unterirdische Werte annimmt. Jetzt bedarf es nur noch eines minimalen Grundes, um dieses emotionale Pulverfass zur Explosion zu bringen - ein veritables Traum-Desaster.

Zur Entlohnung

Zahlen Sie Hungerlöhne, denn Sie müssen eines wissen: "If you pay peanuts, you get monkeys!" (Christian A. Pongratz, derStandard.at, 21.3.2012)

Christian A. Pongratz, geboren 1973 in Klagenfurt, studierte Rechtswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre und war Gastprofessor an der Università Commerciale Luigi Bocconi in Mailand. Er ist als Lektor an der Donau-Uni Krems tätig und unterrichtet an der FH Villach. Pongratz ist als Unternehmensberater (durchdacht.cc) und Wirtschaftskabarettist (betriebsdesaster.cc) in Österreich, Deutschland und Italien zugange.

Buchtipp

Christian Pongratz: Betriebsdesaster. Die Anleitung zum Untergang. Verlag durchdacht.cc, 159 Seiten, 24,50 Euro.

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    Im Bewerbungsgespräch sollte vieles falsch laufen, um ein Desaster heraufzubeschwören.

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