"Man denkt während des Einsatzes nicht nach, man funktioniert"

Interview |
  • Bei dem Busunglück in Pöchlarn wurde ein Reisebus von einem Lkw gerammt.
    foto: apa/gerald lechner

    Bei dem Busunglück in Pöchlarn wurde ein Reisebus von einem Lkw gerammt.

  • Günter Annerl war als erster Feuerwehrmann an der Unfallstelle in Pöchlarn.
    foto: landesfeuerwehrverband nö

    Günter Annerl war als erster Feuerwehrmann an der Unfallstelle in Pöchlarn.

Günter Annerl erlebte vor zwölf Jahren die Rettungsarbeiten nach dem Busunglück von Pöchlarn, bei dem acht Jugendliche starben

Die Bilder des Busunglücks in der Schweiz, bei dem mindestens 28 Menschen - darunter 22 Kinder - starben, bewegen die Öffentlichkeit. Am 21. August 2000 kam es auf der A1 bei Pöchlarn in Niederösterreich zu einem ähnlich tragischen Unfall. Ein deutscher Stockautobus wurde von einem entgegenkommenden Lkw gerammt und an der Seite aufgerissen. Acht Jugendliche verloren damals ihr Leben. Günter Annerl von der Freiwilligen Feuerwehr Pöchlarn war damals der erste Feuerwehrmann an der Unfallstelle. Im Interview beschreibt er die ersten Minuten des Einsatzes, die psychische Belastung und welche Bilder er nie wieder vergessen wird.

derStandard.at: Inwieweit war das Busunglück von Pöchlarn im Jahr 2000 bei Ihnen wieder präsent, als Sie über die Medien von dem Unfall in der Schweiz erfahren haben?

Günter Annerl: Die Erinnerungen kommen immer wieder. Ich war einer der Ersten an der Unfallstelle in Pöchlarn und ich sehe dann immer wieder diese eine Hand an einem kopflosen Rumpf, die aus dem Wrack hängt. Das sind Bilder, die man nicht mehr loswird. Die Sache verfolgt mich natürlich nicht tagtäglich, aber wenn ich am Kreuz an der Autobahn vorbeifahre, denke ich automatisch ein paar Sekunden an das Geschehen. Mich macht es allerdings immer wieder sehr betroffen, wenn Kinder in solche Unglücke involviert sind.

derStandard.at: Die Schweizer Einsatzkräfte wussten zunächst gar nicht, dass es so viele Todesopfer gibt. Aber selbst wenn man es weiß, kann man sich auf so einen Einsatz vor dem Eintreffen vorbereiten?

Annerl: Darauf kann man sich nie vorbereiten. Das ist eine vollkommen irrige Annahme. Denn die Realität ist dann immer anders als die Vorstellung, die man während der Anreise hat.

derStandard.at: Sie waren der Erste von der Feuerwehr, der in Pöchlarn am Einsatzort eintraf. Wie haben Sie die ersten Minuten erlebt?

Annerl: Die Alarmierung erfolgte kurz nach 3 Uhr in der Früh durch Sirene und Rufempfänger. Ich bin direkt von zu Hause zum Einsatzgeschehen gefahren, da ich meine Ausrüstung im Auto habe. Die Anfahrtszeit beträgt maximal eineinhalb Minuten. Da hatte ich gar keine Zeit nachzudenken. Am Einsatzort herrschte bei meiner Ankunft bereits große Betriebsamkeit durch die Rettungskräfte und die Notärzte. Die Feuerwehr war zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor Ort. Ich hatte allerdings das subjektive Gefühl, dass eine unheimlichen Stille herrschte, obwohl es nicht der Realität entsprochen hat. Eine bedrückende Stille.

derStandard.at: Wie groß war die psychische Belastung während des Einsatzes?

Annerl: Während des Einsatzes kommt man nicht dazu nachzudenken. Da funktioniert man einfach. Nach mir kamen sehr rasch die Pöchlarner Einsatzkräfte, und nach Anleitung der Notärzte wurden die verletzten Personen gerettet. Ein Mädchen, das furchtbar im Wrack eingekeilt war, musste mit der Drehleiter aus dem Obergeschoß des Busses geholt werden. Ein Kamerad, der damals Lehrer war, kümmerte sich in der Zwischenzeit um die teilweise unverletzten Kinder, die auf einer Böschung saßen. Es bekam alles eine Eigendynamik. Nachdem alle gerettet und versorgt waren, wurde es ruhiger. Die Totenbergung durfte erst fünf bis sechs Stunden später durchgeführt werden, nach der Freigabe durch die Staatsanwaltschaft. Diese Wartezeit war sehr belastend.

derStandard.at: Wie schnell war klar, dass geistlicher Beistand benötigt wird?

Annerl: Das war in den ersten drei Minuten klar. Die Kriseninterventionsteams des Roten Kreuz waren bereits vor Ort und im Feuerwehrhaus Melk. Die Alarmierung von Pater Stephan Holpfer erfolgte schließlich über die Bezirksalarmzentrale Melk. Pater Stephan war damals Geistlicher in Matzleinsdorf und auch Mitglied der Feuerwehr. Er hat sich dann mit den BetreuerInnen, die im Bus waren, vor allem um die Kinder gekümmert.

Der Einsatz war auch der Grund, warum man sich ernsthaft Gedanken über Feuerwehr-Peers machte, quasi die Geburtsstunde. Peers sind KameradInnen, denen die Grundlagen psychologischer Betreuung vermittelt wurden und die für Einsatzkräfte nach tragischen Ereignissen da sind. Nach dem Einsatz in Pöchlarn traten auch Feuerwehrleute an Pater Stephan heran und es wurde versucht, das Erlebte durch Gespräche zu relativieren. Ich selbst bin zwei Tage später mit einem Freund an die Ostsee gefahren und habe während des Urlaubs den Einsatz durch Gespräche aufgearbeitet. Mein Freund wurde schließlich auch Bezirks-Peer.

derStandard.at: Wie sehr stört oder belastet das große Medieninteresse bei solch einem Unglück?

Annerl: Es ist nicht belastend, aber es stört. Vor allem weil gewisse Grundzüge der journalistischen Ethik gar nicht eingehalten werden. Die deutschen Fernsehanstalten wollten mit einer gewissen Brutalität mit den Kameras zum Ort des Geschehens vordringen, was dank der Polizei nicht gelungen ist. Auch bei der Pressekonferenz kamen teilweise schockierende Fragen. Vor allem die deutschen Boulevardblätter waren jenseits jeder Ethik. (Bianca Blei, derStandard.at, 15.3.2012)

Share if you care
Posting 1 bis 25 von 52
1 2

Ja klar ist es tragisch. Aber ich stelle mir vor jeden Tag sitzen Leute aus der ganzen Welt in einem Bus und sterben weil sie keine Chance haben. 1000 Menschen die an Hunger sterben jeden Tag und wir machen nichts. Da die Menschen in Belgien ja eh mehr Wert haben weil sie weiss sind ist's uns egal. Es macht mich traurig dass die Menschen so denken. Wir müssten mal unser Ego hinten anstellen. Alle 3 Sekunden stirbt ein Kind an Hunger!!! Jetzt und wir findens schlimmer dass die 28 Menschen ums Leben gekommen sind. Wir sollten für alle Menschen solche Feiern machen nicht nur für diese!!

auch wenn man auf sonstige armut und menschenunwürdige lebenszustände hinweisen soll, darf dafür nicht so eine tragödie verwendet werden.

und 28 tote kinder in der schweiz gehen uns viel näher, als schlechte zustände in afrika, südamerika oder asien ;)

Und deswegen will sich niemand Gedanken machen. Es ist wohl genau gleich schlimm was dort passiert. Und zu sagen es geht uns nichts an ist dumm!! Öl.

Amen.

Das denke ich so oft.

Und es macht mich auf eine Art glücklich, das von einem mit diesem Nickname zu lesen. RBS kann stolz auf solche Fans sein.

Nur leider ist es so, dass bei den unzählbar verhungernden die "große Politik" versagt, mehr als versagt und daran haben wir uns leider und fast zu unserem eigenen Glück/Gesundheit soweit gewöhnt ... einige von uns würden sonst ohnehin verrückt.
Die Mächtigen könnten, wenn sie ihre Macht nicht missbrauchen würden, den Hunger abschaffen.

Ein Unglück wie dieses in der Schweiz - Kinder - kann man leider nicht abschaffen.
Das ist einfach auch der Faktor, der zusätzlich schmerzt.

Die Politik, die Weltpolitik ist ein Dauerschmerz an den man sich bis zu einem erträglichen Anteil gewöhnen muss.

Mfg

es gibt fast nix schlimmeres ...

als als Ersthelfer zu einer Unglücksstelle zu kommen, wo es Todesopfer gibt. Musste es im November erleben. Da merkt man erst, wie man persönlich auf sowas reagiert. Ich war damals wie versteinert, stand komplett neben mir. Bis die Rettungskräfte kamen, vergingen gefühlte 15 Minuten, die längsten meines Lebens. Die Bilder verfolgen mich heute noch.

Ich habe tiefsten Respekt vor allen Einsatzkräften!!!!

Psychische Erste Hilfe

Es gibt viele verschiedene Herangehensweisen. Manche Leute verkraften das ganze einfach besser, andere gar nicht. Zum Nachdenken bringt es aber jeden. Nach einigen Jahren Rettungsdienst kann ich die psychische Erste Hilfe für Rettungskräfte nur gut heißen, hat schon einigen meiner Kollegen geholfen. Gut, dass solch ein Artikel den Weg hierher gefunden hat.

zum thema peers

ich war letzens auf einer schulung zum thema stressverarbeitung und erkennen von psychischen traumen von kollegen. der vortrag wurde vom chef des kriseninterventionsteam NÖ gehalten. ich behaupte dieser mensch weiß wovon er spricht und er hat kritisiert, dass die polizei keine peers im einatz hat. immer wieder treten polizisten an ihn heran und bitten um unterstützung. das schlimme dabei ist, dass polizisten bei solchen einsätzen die fotos machen und sich alles ansehen. da trifft das "im einsatz funktioniert man" nicht mehr zu. sie müssen sich besonders intensiv mit den toten auseinanderstzen.
warum das so ist, konnte er nicht beantworten. womöglich sehen diverse alte polizeichef-haudegen darin einen ehrebruch.

Schön, dass es Menschen wie euch gibt, Herr Annerl. Danke!

Vor allem die deutschen Boulevardblätter

waren jenseits jeder Ethik.
Kann ich mir gut vorstellen - leider. Schweinejournalismus für die Unterschicht zur Ablenkung von der eigenen Misere und den tatsächlichen politischen Problemen.Dabei schafft es die Presse sehr gut über politisch brisante Gewalttaten einen Wattenebel zu verbreiten.

...nur für die unterschicht?

Das Gute heute ist,

dass die Betroffenen und Angehörigen meist eine psychologische Betreuung bekommen und dadurch eine Traumatisierung vielfach verhindert werden kann.

Früher war das leider nicht so. Ich hatte als Kind (beteiligt an einem tödlichen Verkehrsunfall) selbst damit schmerzvolle Erfahrung machen müssen.

Das Problem ist nur,

dass Sie auch heute keine Unterstützung bekommen würden. Sie hätten bei einem Unfall mit einem PKW nicht genügend Medieninteresse, dass die Akutbetreuung Wien antanzt. Und wenn Sie zum Psychotherapeuten gehen, bekommen sie die Therapie auch nur privat - und ein bissl refundiert. Es hat sich also nicht viel geändert.

Notfallspsychologen sind nur vor Ort, wenn es um Großereignisse (oder Banküberfälle) geht. Leider.

Traumatisierungen könnten leichter verhindert werden. Aber sie sind immer noch Privatsache.

Mein Mann und seine Freunde hatten schon unzählige Fälle mit Verstorbenen. Es sind die toten Kinder, die ihm auch nach Jahrzehnten nicht aus dem Kopf gehen.

Und nein, Ich kann es nicht nachfühlen.

"Bei dem Busunglück in Pöchlarn wurde ein Reisebus von einem Lkw frontal gerammt."

diese bildunterschrift ist schlichtweg falsch, umformulieren?

Nein...

...weil es im Text auch um das Busunglück von Pöchlarn geht...

"Bei dem Busunglück in Pöchlarn wurde ein Reisebus von einem Lkw gerammt."

"Bei dem Busunglück in Pöchlarn wurde ein Reisebus von einem Lkw frontal gerammt."

ein vergleich macht sie sicher. die ursprüngliche bildunterschrift war schlichtweg falsch.

natürlich.

Das sagen ja schon die Bedeutungen der Worte frontal und aufgeschlitzt.
Aber solche "Flüchtigkeitsfehler" passieren hier permanent - oder absichtlich.

Wir sind da um auf dergleichen hinzuweisen.
mfg

danke

es gibt genug leute die diese arbeit relativ emotionslos (aus welchen gründen auch immer) verrichten können

Ich kenne einen der ist bei der freiwilligen feuerwehr,,,,emution 0,0%

Es gibt Leute,

die im Extremfall ihre Emotionen relativ gut kontrollieren können. Vielleicht kann man das auch ein wenig trainieren.

Aber die Eindrücke müssen auch diese Leute, wie jeder andere auch, verarbeiten. Meist erfolgt das durch Gespräche mit psychologisch geschulten Leuten.

Wer zb.? das glaub ich dir naemlich nicht...

er meint vermutlich

robocop.

ich kenne einen der ist bei der feuerwehr, der sich für solche einsätze freiwillig meldet, weil er der meinung ist, dass er, als single und kinderloser so etwas vielleicht besser ertragen kann als jemand der familie hat. er säuft halt ziemlich viel (allerdings nie wenn er auto fährt)

Posting 1 bis 25 von 52
1 2

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.