Eine für alle!

"Collaborative Consumption" heißt die gemeinsame Nutzung von Infrastruktur. Was das fürs Reiseverhalten bedeutet, berichtet Günther Strobl

Ob Hongkong oder Singapur, Barcelona oder Wien: Hotelzimmer suchen, buchen und fluchen, weil es wieder nur ein 08/15-Absteige ist - das war einmal. Der Trend der Zeit heißt Wohnungstausch. Die sich das wünschen, wollen in eine andere Kultur eintauchen und zumindest für die Dauer des Aufenthalts leben wie die lokale Bevölkerung. Seit spezialisierte Internetportale weltweit passende Angebote vermitteln, wird es immer leichter, dies auszuprobieren.

Parkplatz, Auto, Wohnung

Sie heißen 9flats oder Gloveler, Housetrip oder Couchsurfing. Eines haben die Portale gemeinsam: Sie ziehen immer mehr Geld von der etablierten Übernachtungsindustrie ab. "Da ist etwas im Umbruch. Es entsteht eine neue Netzwerkökonomie, an der nicht nur junge Leute mitwirken. Das geht durch alle Gesellschaftsschichten und Altersklassen", sagt Andreas Reiter. Als Zukunftsforscher beschäftigt er sich quasi professionell mit dem frühzeitigen Aufspüren von Trends. Der Überbegriff dieses Phänomens heißt Collaborative Consumption: etwas, das man eine Zeitlang nicht braucht, wird mit anderen, die es akut brauchen, geteilt. Das kann ein Auto sein, der Parkplatz oder eben die Wohnung. Reiter: "Es gibt nichts, was es nicht gibt." Zu den Vorreitern zählt Airbnb. Dieses private Übernachtungsportal ist seit 2007 "on air". Mit privaten Unterkünften in knapp 190 Ländern und gut 16.000 Städten auf allen Kontinenten bietet Airbnb mit Sitz in Kalifornien das bis dato größte und vielseitigste Angebot für Wohnen auf Zeit. 

Wie es die Einheimischen tun

Einen Blitzstart hat Wimdu hingelegt. Gegründet vor einem Jahr, beschäftigt diese in Berlin ansässige Firma bereits 400 Mitarbeiter weltweit und macht gut eine Million Euro Umsatz - pro Monat.

"Wir haben uns in den letzten acht Wochen vervierfacht, haben 50.000 Wohnungen auf der Plattform. Bis Jahresende sind es sicher mehr als 100.000." Arne Bleckwenn, Gründer der Plattform, ist von der Dynamik selbst überrascht. "Wir werden förmlich überrollt. Das Interesse an dieser Übernachtungsform ist enorm", sagte er dem STANDARD. Auf der diesjährigen Tourismusmesse ITB in Berlin war der 29-Jährige ein gefragter Gesprächspartner.

Die Geschäftsidee sei ihm beim Reisen gekommen. Er habe gespürt, dass es ein Bedürfnis gibt, das Land, das man bereist, kennenzulernen und so zu leben, wie es Einheimische tun. Vom ersten Gedanken bis zur Umsetzung habe es nicht lange gedauert. Inzwischen vermittelt Wimdu gegen eine Gebühr von 15 Prozent der Buchungssumme Privatunterkünfte in gut 80 Ländern. Die Kernzielgruppe sei 25 bis 40 Jahre alt, eher einkommensstärker und gebildet. Bleckwenn: "Unsere Preise sind so individuell, wie letztlich Wohnungen individuell sind. Man kann bei uns in Berlin ein WG-Zimmer um 30 bis 40 Euro pro Nacht mieten, aber auch ein Schloss in Schottland um 10.000 bis 15.000 Euro pro Tag."

Bevor eine Wohnung auf die Website gestellt wird, muss sie durch einen Qualitätscheck. Je besser die Bewertung, desto attraktiver die Position in der Suchliste. In Wien gibt es zurzeit 500 bis 600 Vermieter, die auf dem Wimdu-Portal sind. Ende des Jahres könnten es 2000 sein, glaubt Bleckwenn. 

Von der Stadt aufs Land

Noch ist der Wohnungstausch primär ein urbanes Phänomen, erste Ansätze gibt es aber auch schon in Ferienregionen. "Die Treiber der Entwicklung sind die neuen Technologien", sagt Andreas Reiter, Gründer des ZTB Zukunftsbüros in Wien. Das sieht auch Wimdu-Gründer Bleckwenn so. Eine iPad-Version des Portals gibt es schon, an einer App für Smartphones wird gearbeitet. (Günther Strobl, Rondo, DER STANDARD, 16.3.2012)

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