Denn mit solchen Wikingern sitzt man gern in einem Boot

16. Juni 2003, 17:56
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American Football: Der Erfolg der Chrysler Vikings kommt nicht von ungefähr

Wien - Die Heimstätte der Chrysler Vikings ist die altehrwürdige Hohe Warte in Döbling, dort sind die Wiener am Sonntag sensationell und nach Verlängerung mit 34:33 über die Bergamo Lions drüber und ins Finale des europäischen Klub-Footballs gekommen. Das Finale heißt Euro-Bowl, es steigt am 5. Juli in Braunschweig, die Gastgeber heißen ebenfalls Löwen, allein damit jagen sie den Wikingern sicher keine Angst ein. Die Bergamo Lions waren seit 1998 in 60 Spielen unbesiegt.

Seit Montag stehen die Vikings auch an der Spitze der Europarangliste, dazu muss man wissen, dass beinah 650 Footballvereine mit einem oder mehreren Teams auf dem Kontinent unterwegs sind - die NFL-Europe-Klubs zählen übrigens nicht dazu, die sind mehr NFL als Europe. Die Vikings sind beinah durch und durch österreichisch, 45 Mann bilden die erste Mannschaft, nur sechs sind Legionäre und in Nordamerika ausgebildet worden. Die Legionäre kriegen freie Kost und Logis, dazu noch ein Taschengeld und, nicht zu vergessen, einen Deutschkurs geschenkt. Alle anderen Spieler zahlen brav ihren Mitgliedsbeitrag, 174 Euro im Jahr. "Anders", sagt Karl Wurm, "würde sich das alles nicht ausgehen."

Karl Wurm ist seit elf Jahren der Präsident der Chrysler Vikings, nebenbei Inhaber einer Werbeagentur. Er kam seinerzeit zu den Vikings, als er den ersten Batman-Film zu promoten und eine VIP-Premiere auszurichten hatte, man wollte nicht irgendwelche Securitys, sondern Footballer. Wurm: "Und die Footballer haben mich nicht mehr losgelassen." Sportlicher Ehrgeiz war dem Mann, der es zum viertbesten Wurftaubenschützen Europas geschafft hatte, nicht fremd, er begann sich richtig reinzuknien, holte nach und nach Manager (Alfred Neugebauer), sportlichen Leiter (Felix Hoppel) und Coach (Tom Smythe), die allesamt echte Chefs sind.

Wurm ist kein Mäzen. Er sagt: "Bevor man mir einen Euro rauszieht, muss man mich schlagen." Kürzlich wurden zwei Bürosessel gesucht, Wurm mailte "an alle", wenig später hätte er gratis 34 neue Bürosessel haben können. Eine Stärke der Vikings ist ihre Größe - neben zwei Kampfmannschaften gibt's Nachwuchs-, Damen- und Cheerleaderteams. Kaum ein Spieler, der aufhört, geht verloren, viele hackeln weiter mit, steigen ins Coaching ein oder auch ins Groundkeeping. Groundkeeper sind jene sechs Herren, die an Vikings-Spieltagen um vier Uhr früh aufstehen, um stundenlang weiße Striche auf den Hohe-Warte-Rasen zu malen. Eine große Familie tatsächlich. Oder wie Karl Wurm sagt: "Bei uns ist es einfach irrsinnig leiwand." (Fritz Neumann, DER STANDARD PRINTAUSGABE 17.6. 2003)

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