"Schwarze Zahlen wären verwegen"

14. Juni 2003, 09:40
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Hedwig Birnbaumer ist Vorarlbergs erste Chefärztin

    Vor kurzem trat sie ein schweres Erbe an. Ihr schwierigster Patient ist das Sanatorium Mehrerau. Die engagierte Internistin kämpft um sein Überleben.

Weibliches Know-how hat die Mehrerau schon einmal gerettet. Als die Zisterziensermönche von Wettingen-Mehrerau 1923 ihr Sanatorium am Bregenzer Bodenseeufer eröffneten, setzten sie auf den Wellnesstrend der Nachkriegsära. Die Einnahmen sollten den Betrieb des renommierten Internats sichern. Die Hoffnungen erfüllten sich nicht. Das Sanatorium lief defizitär, bis sich die Mönche entschlossen, die Verwaltung in Frauenhand zu geben.

Kreuzschwestern machten aus dem idyllisch gelegenen Sanatorium ein florierendes Unternehmen. Nachwuchsmangel im Orden beendete 1992 die Arbeit der Nonnen. Das Kleinkrankenhaus geriet immer stärker in die Krise.

Laut wurde darüber nachgedacht, aus dem 80-Betten-Haus eine Pflegestation oder eine Privatklinik zu machen. Da trat Hedwig Birnbaumer, als Internistin eine der Belegärztinnen des Krankenhauses, auf den Plan. Für sie stand fest: "Das Haus muss als Belegspital und als leicht erreichbare Nachsorgeeinheit für die Patienten aus der Umgebung erhalten bleiben."

Überlebenskampf

Mit ihren ÄrztekollegInnen kämpfte die 56-Jährige hartnäckig um das Krankenhaus. Birnbaumers Credo "Auch wenn es noch so hoffnungslos aussieht, es öffnet sich immer wieder eine Tür, zeigt sich eine neue Lösung" bewährte sich. Die - vorläufige - Lösung: Das Kloster übergab das Management an die Krankenhaus-Betriebsgesellschaft des Landes. Erstmals wurde die Chefarzt-Stelle nicht vom Konvent vergeben, sondern von den ÄrztInnen per Wahl besetzt. Hedwig Birnbaumer gewann die Wahl "und einen Haufen Arbeit". Ihr Erbe: ein Abgang von zwei Millionen Euro aus dem Vorjahr.

Warum sie sich die Mühe antut? "Vielleicht, weil ich ein bisschen sentimental bin. Meine Brüder sind hier in die Schule gegangen, auch mein Sohn", sinniert die Ärztin und fügt schmunzelnd hinzu: "Ich hatte immer schon ein Faible für Klöster, weil die so ruhig und beschaulich sind." Schließlich gesteht sie lachend: "Ich komm' aus einem stockkonservativ-katholischen Haus, das wird man nie mehr los."

Ruhe im Team, Ebbe in der Kasse - seit Hedwig Birnbaumer Chefärztin ist, hat sich einiges geändert: "Es war eine furchtbare Unsicherheit im Haus. Das Team war sehr aufgewühlt. Mit meiner Wahl hat sich das beruhigt." Die Chefärztin muss nun den medizinischen Ablauf optimieren.

Ruhe nach Sturm

Betriebswirtschaftliche Erfahrungen kann sie zwar als niedergelassene Ärztin einbringen, die Konzentration auf rein wirtschaftliches Denken widerstrebt ihr aber: "Leider ist die wirtschaftliche Führung zur Hauptaufgabe geworden, der Patient gerät so in den Hintergrund."

Es wäre "verwegen, die Mehrerau in die schwarzen Zahlen bringen zu wollen", formuliert Hedwig Birnbaumer ein realistisches Ziel: "Das Defizit Schritt für Schritt abzubauen müsste gelingen." Das Sanatorium soll als Nachsorgestation, chirurgische Tagesklinik und Belegspital erhalten werden. Hedwig Birnbaumer: "Ich bin überzeugt, dass es laufen wird." Wenn nicht, ist die Internistin auch mit der eigenen Praxis, Sohn und Ehemann ausgelastet.

Außerdem gilt die Ärztin als politische Reserve der Vorarlberger ÖVP. "Ja, ich bin ÖVP-Mitglied, und man hat mir auch schon Funktionen angeboten", macht die Ärztin kein Geheimnis aus ihrer politischen Einstellung. Mit irgendeinem Ämtle lasse sie sich aber nicht abspeisen, sagt die Sympathisantin von Schwarz-Grün. Ihre Antwort auf Kandidatur-Anfragen aus der Partei: "Vorne oder gar nicht."

(Jutta Berger, DER STANDARD, Print, 14./15.06.2003)

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