Kandierter Sozialismus

7. August 2003, 13:29
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Café-Konditoreien im Spiegel ihrer Wiener Stammklientel oder Wie finde ich die passende Aïda-Filiale? Ingrid Angela Gössinger ging der Frage nach und fand ihre Favoriten.

Der Historiker Jürgen Schremser meinte noch im letzten Frühjahr über das Phänomen der Wiener Espressokette in einer der mehr als zwanzig Aïda-Filialen, dass die "Aïda-Geschäfte das sind, was der Ostblock hätte sein können, hätte der Kommunismus dort funktioniert". Das Netz der Chocolaterie und Großkonditorei mit seiner rosabeschürzten Bedienung im angebleichten Schick der späten 50er- und frühen 60er-Jahre ist gleichermaßen die konservierte westliche Kaffeehausvariante eines doppelten sozialistischen Irrealis und belegt, dass es für jede gesellschaftliche Utopie in der Zeit einen ungeahnten, weil dislozierten, zeitversetzten und seinerseits wiederum gealterten Ort der Erfüllung geben kann.

Das punschkrapfenfarbene und schokoladebraune Konzept des Architekten Rudolf Vorderegger für die Wiener Variante des italienischen Stehcafés spiegelt eine Corporate Identity aus den 50er-Jahre mit wiedererkennbaren Elementen in allen Filialen wieder. Die Bescheidenheit dieser Espresso-Architektur mit ihren abgetragenen Resten aus der Baukultur der Vorkriegszeit, ihrem naiven Optimismus und ihrem ungebrochen guten Verhältnis zum Kitsch als Symbol einer heilen Welt erdrückt die Schnelligkeit und die existenzbedrohende Kraft für ein geistiges Leben.

Die Kriterien:
Einer der Parameter wurde in Bezug auf die gesellschaftstranszendierende Kraft der Aïda-Detailgeschäfte angelegt und auf den sentimentalen Grad für eine mittlerweile historisch-kultige Wiener Kaffeehauskette. Maßgebend waren nicht die ungeahnten Süßen, der Röstgrad der Aïda-Bohne oder die Wahl des Nimm-mit-Schlagers der Woche, sondern die Form - und darauf kommt es an! - der Erfüllung, die ein bestimmtes Publikum anreizt. Die leichte Verrückung des Zeitgefühls und der Grad der Verkitschung des Alltags wurden genauso wie das Niveau der Renovierung - ob "Resopal von heute" oder treue Rekonstruktion - streng begutachtet.

Die Ergebnisse:
1., Stock-im-Eisen-Platz 2,
die Hinterlistige

In den 80er-Jahren richtete man unauffällig am zentralsten Platz von Wien das mit grellbunten Kunststoffplatten modernisierte doppelgeschoßige Aïda-Flaggschiff ein, das das mit Marmorboden, Leder und Echtholz ausgestattete Mutterschiff ablöste. Öffnet man im ersten Stock die Luke, einen kleinen Balkon, überblickt man das Universum Singerstraße, Kärntner Straße, Graben bis zum Haas-Haus. Diese Aïda-Tochter ist der unauffälligste, pulsierendste und zugleich zentralste Zeit- und Raumknoten im Herz der Hauptstadt. Hier sitzt der Tourist neben einem alten Wiener Herren, der sich noch an die zentrale Wanduhr erinnern kann, die man zu seinem Bedauern abgenommen hatte und nach der er seine Armbanduhr allmorgendlich richtete. Begehrt sind die Fenster-und Gartenplätze, von denen man die vorbeiziehenden Einkäufer und Touristen aus dem Hinterhalt genau beobachten kann.

1., Opernring 7,
die Diva

Für die Opernring-Filiale wurde erstmals Rudolf Vorderegger beauftragt. Der typische L-Stil der Lokallage, die leicht nach rechts geneigte Neonschrift und die von der Decke bis zum Boden reichenden Glasauslagen machten es zum eleganten Eckjuwel am Ring. Hier findet man beinahe alle typischen Aïda-Elemente in Reinform: verspiegelte Wände, die die Blicke der Kundschaft multiplizieren, und die Holztäfelung, die den Zugang zu den Toiletten kaschiert. Mit Renovierungsarbeiten in den 80er-Jahren kamen jedoch eine moderne Aluminiumausstattung und ein Kunststoffboden im Schachbrettmuster hinzu, das Aquarium, indirektes Licht und die Lederbespannung der Bartheke weg. Die Staatsoper vis-à-vis lenkt auf die Namensgebung der Café-Konditorei. Die Eigentümer hatten sich nach dem Krieg zwischen Tosca und Aïda für den Namen der an ihrer Liebe leidendenden Pharaonentochter und gegen die römische Diva entschieden. Neben der Laufkundschaft, zu der Taxifahrer, die unechte Frau Doktor mit ihrem Enkel und Airlines-Personal zählen, stellt sich abends kurz vor Vorstellungsbeginn ein altmodisch und elegant gekleidetes, meist älteres Opernpublikum zu den zahlreichen Stehplätzen auf Moccas oder Martinis ein.

7., Neubaugasse 64,
die Klassenlose

Fünf Minuten in der Neubaugasse und ein kleiner Anflug von Liebeswahnsinn. Doch dann betreten wir das Portal des Aïda-Töchterls, und die Versuchung, das alles ganz aufzugeben, ist dann doch plötzlich abgewendet. Das Lokal ist die nonchalante Wiener Pervertierung der Espresso-Idee: Tageszeitungen liegen auf und kaum jemand würde hier Schnelligkeit und Mobilität bei einem Stehkaffee vorgeben. Man beginnt sich anzulächeln, weil die charmante Bedienung den Espresso mit Schlag serviert. Auffallend wäre eine Publikumsbesetzung mit ausschließlich ethnischen Österreichern. Neubaus ältere Damen mit Hut und verrückten Brauenstrichen mischen sich hier unter schnelle Menschen mit weiten Mind-Maps und Neubaus junge Akademikerfamilien.

9., Porzellangasse 60,
die Ursprüngliche

Die Filiale in der Porzellangasse ist das Stammhaus der Familie Prousek und war Wohnhaus, Backstube und Lager, bis sie als solche von der Schönthalergasse abgelöst wurde. Die furnierten Wandverkleidungen, grüngraue Marmorflächen und typische Aïda-Verzierungen mussten auch an diesem Ort des Kaffeekonsums widerstandsfähigem Material Platz machen. In der Porzellangasse gibt es stammkundige Kaffee- und Mehlspeisengenießer, die sich auf interessante Gespräche einlassen. Hier teilt die so genannte Aufbaugeneration den Kultstatus der Aïda mit jüngeren Generationen nicht. Sie hegt gemischte Gefühle dieser schwierigen Zeit gegenüber und beschreibt eine eher pragmatische Ästhetik, während jüngere Generationen sogar den Hockern mit kleiner harter Sitzfläche und den großen Schiebefenstern aus Aluminium kultiges Flair zugestehen. Licht, Luft und Blicke seien hier ebenso wichtig wie in den berühmten Wiener Kaffeehäusern. Dort jedoch ist die Symbolkraft nicht abstrakt sinnlich, das Zeitgefühl ein traditionelles und die Preise sind viel zu hoch.

12., Schönthalergasse 1,
die Außerirdische

In den 70er-Jahren entließ die sowjetische Führung ein mit warmen Topfengolatschen ausgestattetes Raumschiff von Semipalatinsk ins All. Es landete mit einer äußerst jungen weiblichen Bordcrew zwischen transdanubischen Schreber- und Industriegärten neben der damals eben gebauten Fabrik und Bürozentrale der Aïda. Nachdem der KGB die Suche nach dem verloren gegangenen Allschiff aufgab, übernahm es die österreichische Chocolaterie-Kette und machte daraus ihre geräumigste Filiale. Der Innenarchitekt stammte vermutlich auch aus dem kasachischen Semipalatinsk. Spiegel und Pflanzen sind hier die vertrauten Elemente, sonst regiert Ostschick in blauem, orangefarbenem und dunkelbraunem Resopal. Gewiss jedoch ist: Die Topfengolatsche ist keine mit Industriefetten und naturidentischen Aromastoffen versetzte Pseudogolatsche. Die schmeckt dem Schrebergärtler und dem Industriedesigner nämlich ocen' choroo! (DER STANDARD, ALBUM, Printausgabe vom 14./15.6.2003)

Link

Aida

Aida. Mit reiner Butter
Clarissa Stadler und Wolfgang Thaler

Verlag Christian Brandstätter
€ 21/71 Seiten
erhältlich bei elisabeth.hoelzl
@oebv.co.at

  • Artikelbild
    foto: aida
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