"Eine Uhr sagt mehr als ein Kleidungsstück"

Interview |
  • Die neue DS Multi 8 von Certina gibt es in fünf verschiedenen Ausführungen. Sie verfügt über ein analog-digitales Quarzwerk und insgesamt acht Funktionen, z. B. zwei Zeitzonenangaben, Schlafmodus, Chronofunktion oder Timer-Countdown. Preis: zwischen 590 und 770 Euro. Insgesamt gibt es von Certina ca. 300 Modelle, 70 Prozent davon für Herren, 30 Prozent für Damen. Die Manufaktur wurde 1888 in Grenchen gegründet. 1983 kam Certina zur SMH Gruppe, die später in Swatch Group umbenannt wurde. Adrian Bosshard wurde 1962 in Zürich geboren und ist seit 2003 der Präsident von Certina und seit 2008 auch Präsident der Union Glashütte / SA.
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    Die neue DS Multi 8 von Certina gibt es in fünf verschiedenen Ausführungen. Sie verfügt über ein analog-digitales Quarzwerk und insgesamt acht Funktionen, z. B. zwei Zeitzonenangaben, Schlafmodus, Chronofunktion oder Timer-Countdown. Preis: zwischen 590 und 770 Euro. Insgesamt gibt es von Certina ca. 300 Modelle, 70 Prozent davon für Herren, 30 Prozent für Damen. Die Manufaktur wurde 1888 in Grenchen gegründet. 1983 kam Certina zur SMH Gruppe, die später in Swatch Group umbenannt wurde. Adrian Bosshard wurde 1962 in Zürich geboren und ist seit 2003 der Präsident von Certina und seit 2008 auch Präsident der Union Glashütte / SA.

Adrian Bosshard ist Präsident der Uhrenmarken Certina und Union Glashütte - Der ehemalige Rennfahrer sprach über Nadelstreif, Nachhaltigkeit und das Tamtam rund um das Thema Uhren

DER STANDARD: Herr Bosshard, wie spät ist es jetzt?

Adrian Bosshard: Also wenn ich nicht auf die Uhr schaue, würde ich sagen, es ist circa Viertel nach zwei.

DER STANDARD: Es ist halb drei. Was tun Sie normalerweise um diese Zeit?

Bosshard: Entweder bin ich irgendwo auf Reisen rund um den Globus, oder, wenn ich hier bin, stecke ich meistens in Meetings oder bin mit einer strategischen Überlegung beschäftigt. Auf jeden Fall fröne ich zu dieser Zeit zu 99 Prozent meinem Hobby, und das ist meine Arbeit hier.

DER STANDARD: Haben Sie eine Lieblingstageszeit?

Bosshard: Ich mag gern den frühen Morgen, bevor die große Hektik losgeht, und auch den Abend , wenn die große Hektik vorbei ist, wenn Zeit für strategische Überlegungen ist.

DER STANDARD: Sie waren Motorradrennfahrer in der Königsklasse der 500 ccm. Wie war es denn, den Rennanzug gegen den Nadelstreif zu tauschen?

Bosshard: Die ersten Wochen und Monate waren schon ein bisschen ein Kulturschock. Ich war einer der Top 10, Top 20 der Welt und wechselte wirklich von einem Tag auf den anderen in eine Branche, in der ich alles lernen musste. Es gibt viele Ähnlichkeiten zwischen Sport und Business. Es geht ums Team, außerdem befindet man sich in beiden Metiers in einem Wettbewerbsumfeld. Vorher war es der Blick auf die Rundenzeit, jetzt ist es der Blick auf die Umsatzstatistiken. Beides repräsentiert Performances und Leistung.

DER STANDARD: Auch im Bereich der Uhren hört man immer wieder den Begriff Nachhaltigkeit. Ich trage die sehr alte Uhr meines Großvaters. Das ist nachhaltig, oder? Wie viele Uhren sollte ein Mensch im Laufe seines Lebens besitzen?

Bosshard: Das ist sehr individuell. Ich besitze auch eine Uhr meines Großvaters, die ich zwischendurch trage. Es gibt Leute, die kaufen mehrere Uhren im günstigsten Preissegment und wechseln dann. Was sicher einen großen Umschwung in unserer Branche gebracht hat, war die Lancierung der Swatch. Damit wurde der Ansatz, dass man seine Konfirmationsuhr nicht sein ganzes Leben lang tragen muss, revidiert. Heute tragen Konsumenten Uhren je nach Stimmung, Aktivität oder Kleidung.

DER STANDARD: Welche ist Ihre Lieblingsuhr?

Bosshard: Die DS Master, die ich gerade trage, mag ich sehr gern. Sie hebt sich sehr ab, ist sehr profiliert und eigenständig. Die mechanische Diver mit ihrer ISO-Zertifizierung zählt auch zu meinen Lieblingsstücken. Aber ich hab sicher 15 Uhren zu Hause, die ich regelmäßig trage.

DER STANDARD: Wenn Sie bei der Konkurrenz kaufen müssten, welche Uhr würden Sie nehmen?

Bosshard: Das habe ich schon getan, und zwar eine Omega Speedmaster Moonwatch. Das ist eine Uhr mit einer gewaltigen Geschichte, eine Uhr, die ich auch heute noch zwischendurch trage, wenn mich kein Kunde von Certina sieht.

DER STANDARD: Die Menschen stöhnen immer mehr, dass es ihnen an Zeit mangle und alles immer schneller gehe. Wie sehen Sie das?

Bosshard: Zeitmanagement ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Man nimmt sich Zeit für etwas. Das muss jeder selber wissen.

DER STANDARD: Aber es ist nicht einfacher geworden, oder?

Bosshard: Definitiv. Ich habe ein sehr hartes Programm von morgens bis abends, fast sieben Tage die Woche. Aber grundsätzlich ist das kein mir auferlegter Zwang von außen. Ich bin ein Mensch, der sehr gerne viel in den Tag reinpackt, der aktiv ist, aber ich könnte problemlos einige Sachen streichen und Nick Hayek (Chef der Swatchgroup, Anm.) sagen, dass ich diese und jene Funktionen zurücklegen mag, aber ich liebe die Herausforderung. Jeder Mensch, der sagt, er habe keine Zeit, ist selber schuld, denn schlussendlich kann man Prioritäten setzen. Ich denke, diese Freiheit hat ein großer Teil der Leute.

DER STANDARD: Warum wird um Uhren eigentlich ein derartiges Tamtam gemacht? Es gibt Werbung überall, und auf den Nobelmeilen der Großstädte sprießen Juweliere und Uhrengeschäfte wie die Pilze aus dem Boden.

Bosshard: Weil es für Männer das einzige Schmuckstück ist. Natürlich schmücken sich auch Frauen mit Uhren, aber Männer tragen ihre Uhr in der Regel immer bei sich. Es geht um etwas Technisches, aber auch etwas sehr Persönliches, das viel mehr über den Menschen aussagt und mehr Aura hat als ein Kleidungsstück. Das Wissen um Uhrenkultur, auch die Affinität für Uhren, beides nimmt definitiv von Jahr zu Jahr zu. Das gilt einerseits für Schweizer, Deutsche, Österreicher etc., ist aber gerade an einem Fleck wie Wien oder Zürich auch in Sachen Tourismus ein großes Thema. Insbesondere steigt die Frequenz der asiatischen Kunden. Diese Leute haben ein großes Wissen um Uhren und auch eine Kultur diesbezüglich - im Gegensatz zu Amerikanern.

DER STANDARD: Wie das?

Bosshard: Schwierig zu sagen. Vielleicht liegt es an der Kommunikation, an Information, an den Medien. Die Marken waren in den USA in den letzten Jahrzehnten auch definitiv weniger aktiv als in Europa oder Asien. Vielleicht sind die Leute noch nicht reif. Hier schlummert natürlich ein Riesenpotenzial. Ich kenne den amerikanischen Markt zu wenig, aber Sie sehen Amerikaner in Top- Positionen, die mit einem teuren Wagen herumfahren, aber eine Zehn-Dollar-Uhr am Handgelenk tragen. So etwas sieht man in Asien oder Europa sehr selten. Die Schweizer Uhrenindustrie repräsentiert 60 Prozent des Gesamtweltmarktes. Wertmäßig betrachtet, werden weit mehr als 50 Prozent der Schweizer Uhren nach Asien verkauft, gut 33 Prozent landen in Europa. Da bleibt nicht mehr viel für die USA übrig.

DER STANDARD: Was glauben Sie, wie lange haben wir uns nun unterhalten?

Bosshard: 40 Minuten.

DER STANDARD: Es waren 45.

(Michael Hausenblas, Rondo, DER STANDARD, 16.03.2012)

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