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vergrößern 645x418Röcke trägt der Chefdesigner von Louis Vuitton, der Amerikaner Marc Jacobs (links) gerne. Für Fotograf Jean-Paul Goude hat er sich in ein Kleid gezwängt und sich auf einen der berühmten Koffer der Marke gestellt.

"Louis Vuitton - Marc Jacobs". Bis 16. September im Pariser Les Arts Décoratifs. Der Katalog ist bei Rizzoli erschienen.
Es gehört zu den Versprechungen der Mode, dass sie für Staunen und Begeisterung sorgt. Dass sie aus einem Gegenstand, der einem so vertraut vorkommt wie eine ordinäre Handtasche, ein Objekt der Begierde macht.
Vergangene Woche löste die Luxusmarke Louis Vuitton dieses Versprechen auf folgende Art und Weise ein: Man lud zum Defilee in ein Zelt im Innenhof des Louvre, Rauch kroch in den Raum, und als der Zeiger der Bahnhofsuhr im Hintergrund auf Punkt 10.03 federte, öffnete sich ein großes Tor und eine echte Dampflock fuhr schmauchend herein. Im Wagon saßen die Models, die nach und nach ausstiegen, und sie hätten egal was tragen können, so beeindruckend war das Setting. Ein Spektakel.
Koffermacherei
Ein Unternehmen, dessen Wurzeln in jenen der Koffermacherei liegen und das einen Großteil seines Geldes mit Handtaschen macht, hatte sich wieder einmal als eine der bestimmenden Modemarken positioniert. Und das, obwohl es in der 158-jährigen Geschichte von Louis Vuitton gerade einmal seit 15 Jahren überhaupt Pret-à-Porter gibt. 1997 hatte Bernard Arnault, der die verstaubte Koffer- und Handtaschenfirma einige Jahre vorher gekauft hat, den amerikanischen Designer Marc Jacobs nach Paris geholt. Der Auftrag: eine Art Paralleluniversum aufzubauen, in dem der Marke Louis Vuitton in gezielten Dosen ein Schuss Gegenwart verabreicht wird. Wie das genau aussehen könnte, das sei Marc Jacobs, seinem Business-Partner Robert Duffy und seinem Team vorbehalten. Nur eines, so Jacobs, sei ihnen untersagt worden: das berühmte LV-Logo anzutasten. Daran hat sich Jacobs bis heute gehalten - auch wenn er das Logo in den vergangenen 15 Jahren übermalt und zerschnitten, auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt hat.
In Zusammenarbeit mit Künstlern wie Stephen Sprouse, Takashi Murakami und Richard Prince hatte Jacobs die aufsehenerregendsten Taschen des letzten Jahrzehnts gezaubert - und Arnault volle Kassen beschert.Louis Vuitton ist heute die am meisten Gewinn abwerfende Marke im weltgrößten Luxuskonglomerat LVMH - und Jacobs die Verkörperung des modernen Designers als Modemacher, Marketingmensch und Gesicht einer Marke in Personalunion. Dieser Aspekt kommt allerdings in der gerade eröffneten Ausstellung im Pariser Musée des Arts décoratifs nur am Rande vor. Sie ist auf der unteren Ebene dem Mann Louis Vuitton gewidmet, der im Paris des 19. Jahrhunderts Luxuskoffer für die Oberschicht herstellte und dabei auf die Mittel der Industrialisierung setzte, auf der oberen Marc Jacobs, der die Marke unter den Bedingungen der radikalen Globalisierung neu formte. Parallelen zwischen sich und dem Gründer der Marke könne er eigentlich keine erkennen, bekannte Jacobs in einem Interview in der aktuellen japanischen Vogue allerdings freimütig.
Eklektischer Zugang
Durch die schlichte Gegenüberstellung der beiden so ungleichen Personen behauptet sie die Schau trotzdem - und zelebriert in einem mehr als eklektischen Zugang die Errungenschaften der beiden. Da ist der Mann, der die Notwendigkeit erkannte, die von Charles Frederic Worth definierte Garderobe der Damenwelt standesgemäß zu verpacken, und da ist der Mann, der die Sehnsucht von Käufern verstanden hat, saisonal neuen Träumen nachzuhängen. So etwas wie einen typischen Louis-Vuitton-Modestil hat Marc Jacobs in den vergangenen 15 Jahren nicht geschaffen, musste er wahrscheinlich auch nicht, das Herz der Marke ist noch immer das 1896 von Louis Vuittons Sohn Georges geschaffene Initialien-Logo. Jede Saison von neuem überrascht er allerdings mit neuen Spektakeln und Grenzübertretungen, mit Künstler-Kooperationen oder Selbstinszenierungen.
Aus dem Bummel-Designer wurde ein Muskel-Tarzan, aus einem nur Insidern bekannten Grunge-Designer selbst eine Marke. Die mit allen Wassern der modernen Ausstellungstechniken gewaschene Schau ist ein weiteres Mosaik in dieser fortlaufenden Inszenierung einer Marke und ihrer Protagonisten. Sie ist keine Retrospektive eines Designers und auch keine Markengeschichte, dafür hat sie schlichtweg zu viele Lücken und zu wenig Distanz zu ihrem Gegenstand. Sie liefert allerdings ein gutes Beispiel, wie Mode heute funktioniert - und welche zentrale Stellung das Unternehmen Louis Vuitton diesbezüglich einnimmt. (Stephan Hilpold, Rondo, DER STANDARD, 16.03.2012)
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