"Wir folgen unsichtbarem Glaubenssystem"

22. März 2012, 06:15
  • Wer wird gegessen und welche Spezies ist tabu? Unterschiedliche Kulturen haben andere Sichtweisen. Die Psychologin Melanie Joy hat sich mit den Mechanismen beschäftigt, nach denen Gesellschaften über diese Frage entscheiden.
    foto: privat

    Wer wird gegessen und welche Spezies ist tabu? Unterschiedliche Kulturen haben andere Sichtweisen. Die Psychologin Melanie Joy hat sich mit den Mechanismen beschäftigt, nach denen Gesellschaften über diese Frage entscheiden.

Wie entscheiden wir, welche Tiere wir essen? Was ist ekelhaft oder köstlich? Melanie Joy beschäftigt sich mit der Psychologie des Fleischessens

Was wir essen und was nicht, sei oft keine individuelle Entscheidung, sondern durch Erziehung und Kultur geprägt, sagt die Psychologin Melanie Joy. Sie hat dafür einen eigenen Ausdruck: "Karnismus". Das sei eine Art Glaubenssystem, das Menschen darauf konditioniert, einige Tiere zu lieben und andere zu essen. Joy erklärt im Interview, wie es funktioniert und durch welche Abwehrmechanismen es aufrechterhalten wird.

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derStandard.at: Wieso ist es gesellschaftlich akzeptiert, Beine von Lämmern zu essen, während kleine Katzen in Europa seltener am Teller landen? Es handelt sich in beiden Fällen um junge Tiere.

Melanie Joy: Das war die Frage, die ich mir gestellt habe, als ich meine Doktorarbeit in Psychologie geschrieben habe. Ich bin mit einem Hund aufgewachsen, den ich wie ein Familienmitglied geliebt habe. Andererseits wuchs ich auch mit Fleischkonsum auf. Ich habe nie darüber nachgedacht, wie widersprüchlich es eigentlich ist, dass ich mit einer Hand meinen Hund streichle und mit der anderen ein Stück Schwein esse - ein Tier, das genauso klug wie ein Hund ist.

derStandard.at: Sie haben in diesem Zusammenhang den Begriff "Karnismus" geschaffen. Können Sie erklären, was er beinhaltet?

Joy: Im Laufe meiner Arbeit habe ich Veganer, Vegetarier, Fleischesser, Schlachter, Fleischhauer und auch Menschen, die ihre eigenen Tiere aufziehen und schlachten, interviewt. Meine Erkenntnis war, dass wir es mit viel mehr zu tun haben als nur mit individuellen Meinungen, wenn es um das Thema Fleischindustrie geht. Wir folgen einem unsichtbaren Glaubenssystem.

Wenn wir aber einer Sache keinen Namen geben, bleibt sie unsichtbar und wir können sie auch nicht hinterfragen. Ich habe das im Rahmen meiner Arbeit "Karnismus" genannt. Wir neigen dazu, nur Ideologien zu benennen, die abseits des Mainstreams liegen. Doch auch hinter dominanten Kulturen liegt eine Ideologie verborgen. Es ist diese Mentalität von Dominanz und Unterwerfung, die es ermöglicht, "jemanden" in "etwas" zu verwandeln. Oder ein Leben in eine Produktionseinheit zu verwandeln.

derStandard.at: Warum sollte es Menschen interessieren, über diese Ideologie nachzudenken?

Joy: Karnismus ist auch eine gewalttätige Ideologie, denn Fleisch kann nicht ohne Töten produziert werden. Da die meisten Menschen Gewalt ablehnen, haben wir eine Reihe psychologischer und emotionaler Verteidigungsmechanismen entwickelt. Karnismus lehrt einen, wie man nicht fühlt, indem Tiere in "essbar" und "nicht essbar" eingeteilt werden.

Dadurch wird auch unser Ekelgefühl unterdrückt. Die meisten Fleischesser wählen zwischen sechs oder sieben, wenn man abenteuerlustig ist, vielleicht etwas mehr Arten, die gegessen werden. Dabei findet immer eine Kultur die eigenen Entscheidungen vernünftiger als jene anderer Kulturen. In vielen westlichen Kulturen sind Hunde zum Beispiel eher Haustiere als Mahlzeiten. Andere Kulturen essen Lebewesen, die wir vielleicht als Schädlinge ansehen.

derStandard.at: Bei Diskussionen über Fleischkonsum fühlen sich einige Fleischesser schnell beleidigt. Auch in den Foren geraten Diskussionen schnell unter die Gürtellinie. Wodurch entsteht die aggressive Abwehrhaltung einer Gruppe, die sich eigentlich in der Überzahl befindet und auch gesellschaftlich akzeptiert wird?

Joy: Eine Form, wie Systeme wie Karnismus funktionieren, ist, dass es Verteidigungsmechanismen gibt. Veganismus und Vegetarismus sind eine Bewegung, die zwar gerade erblüht, aber dennoch von einer Minderheit gelebt wird. Leute können abfällige Bemerkungen über Vegetarier und Veganer machen, die völlig inakzeptabel wären, wenn es um das Thema Religion oder Geschlecht gehen würde.

Eine Art und Weise, wie auch historisch gesehen dominante Systeme sich selbst erhalten haben, war, andere Meinungen zu bagatellisieren und deren Vertretern Radikalismus zu unterstellen. "Shoot the messenger" - dann muss man die Schlussfolgerungen ihrer Aussagen nicht ernst nehmen.

derStandard.at: In Ihren Vorträgen weisen Sie darauf hin, dass nicht nur Tiere Opfer der Fleischindustrie sind.

Joy: Die Nutztiere sind nur die offensichtlichsten Opfer. Doch auch die menschlichen Opfer werden außerhalb des öffentlichen Bewusstseins gehalten. Auch die Arbeiter in Schlachtbetrieben sind teilweise Opfer. In den USA sind es zum Beispiel sehr oft Immigranten. Die Arbeit ist sehr riskant und so gefährlich, dass Human Rights Watch im Jahr 2005 in einem Bericht einen einzigen Industriezweig kritisiert hat, dessen Arbeitsbedingungen so entsetzlich sind, dass grundlegende Menschenrechte verletzt werden. Es handelte sich um die Fleischindustrie.

derStandard.at: Auch wenn die Mechanismen vielleicht vielen Menschen klar sind, werden kaum alle aufhören, Fleisch zu essen. Was wollen Sie mit Ihrer Arbeit erreichen?

Joy: Es geht mir nicht nur darum, dass die Menschen über die Bedingungen der Fleischproduktion aufgeklärt werden, sondern auch darum, dass ihnen klar wird, nach welchen Mechanismen sie ihre Entscheidungen treffen. Ohne Bewusstsein darüber können wir unsere Entscheidungen nicht wirklich frei treffen.

Wenn wir es nicht schaffen, die Mechanismen zu erkennen, die allen gewalttätigen Ideologien zugrunde liegen, sind wir dazu verdammt, die Gräuel in anderen Erscheinungsformen immer wieder zu reproduzieren. Wir können Gerechtigkeit überall praktizieren, auch auf unseren Tellern. (Julia Schilly, derStandard.at, 22.3.2012)

Zur Person

Melanie Joy ist Autorin des Buches "Why We Love Dogs, Eat Pigs and Wear Cows". Sie studierte in Harvard und ist derzeit Psychologin, Lebenstrainerin und Professorin für Psychologie und Soziologie an der Universität von Massachusetts in Boston. Joy ist zudem seit mehr als 20 Jahren im Tierschutzbereich aktiv.

Link

carnism.com

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Posting 1 bis 25 von 967
Vegane Kost ist die gesündeste

Die Antworten warum vegane Kost die gesündeste für den Menschen darstellt und ihre Auswirkungen auf Klima und Umwelt, finden sie hier:
http://www.provegan.info/

Die Dinge hinterfragen und umdenken....

Was berechtigt eigentlich, den denkenden, "zivilisierten" und angeblich fühlenden Menschen, der ohne Fleisch und Milch eigentlich viele gravierende gesundheitliche Schäden weniger hätte, dazu andere auf dem selben Planeten lebende, gleichberechtigte Kreaturen zu töten und zu essen??? Noch dazu mit dem inzwischen wissenschaftlich untermauertem Wissen, dass vegane Kost, die tatsächlich gesündeste für Menschen darstellt? Diese Frage müssen wir uns stellen!
Und wer profitiert letztendlich davon?
Eine gigantische Fleisch und Milch - Industrie und die Oligarchen dieser!
Der dadurch krank gewordene Mensch sicher nicht!

Einen Hund, den ich nicht kannte würd' ich schon auffuttern, mehr Antibiotika als im Hühnerfleisch kann da auch nicht drin sein.

Vielleicht mit einem griechischem Salat dazu und ein gutes Glaserl Wein.

Eispalatschinken als Nachspeis.

hmmmmm glücklicher Freilandhund.

Entwicklungsgeschichte?

Rind: Lieferant von Fleisch und Leder, ggf. auch Milch für Käse (Lactose-Toleranz ist relativ jung), ließ sich über lange Entfernungen treiben, um am Bestimmungsort geschlachtet zu werden

Schwein: vor der Eisenbahn als Transportmittel nur als Tier am Hof verwertbar, oder zum Verkauf der durch Räuchern haltbar gemachten Produkte; es gab aber auch Schweinehaltung in Herden z. B. zur Eichelmast im Wald

Ziege: genügsam, liefert Milch

Schaf: liefert Wolle und Fleisch

Pferd: erst Jagdbeute, dann erst Domestikation zum Reittier

Fisch u. ä.: am Meer oder an Flüssen und Seen

Vegetarismus fußte auf religiöser Gehirnwäsche (danke, ganz lieb!), ist heute aber ein Luxusproblem verwöhnter und verweichlichter Wohlstandskinder.

Re: Entwicklungsgeschichte

Sie zählen nur die Fakten der Entwicklungsgeschichte auf, hinter all dem steht die große Frage: WARUM?? machen wir das alles, einzige Antwort: nur weil wir ES können, d.h. dafür die Intelligenz und Macht haben. Aber eben so wie wir diese dafür nutzten dies so handzuhaben können wir uns weiter entwickeln (siehe drsnuggles79) und es nicht mehr tun, weil es nicht notwendig ist, und auch von der Natur nicht vorgesehen.

Frauen: Milchlieferant, vom Wesen eher fügsam und reinlich, zur Zucht weiterer Menschen geeignet

Farbige: recht genügsam, unterwürfig, ließen sich gut versklaven. Inzwischen domestiziert und als Menschen 2. Klasse anerkannt

Juden: nicht wehrhaft, "Verwertung" nur vor Ort möglich, später durch die richtige Organisation und entsprechende Infrastruktur massenhaft "verwertbar" geworden

Man sieht - durch die Historie lässt sich sicherlich keine Rechtfertigung für überhaupt irgendetwas herbeizaubern. Zumindest nicht für Menschen die über ihren Tellerrand schauen können.

"Wir essen nciht, was uns schmeckt, sondern uns schmeckt, was wir essen"

hat mal ein Forscher gesagt. Das ergibt auch Sinn in Bezug auf Nahrungssicherheit und Nährwert. In manchen Gegenden Ostafrikas sind Mücken die Hauptquelle von Eiweiß. Und deshalb mundet den dort lebenden Menschen nichts mehr als Millionen von Mücken, wie ein Burger in Blätter eingeschlagen und auf einem heißen Stein gegrillt.

Ich kann darin kein Glaubenssystem erkennen - das ist schlicht ein Erhöhen der Überlebenswahrscheinlichkeit. So wie es irgendwann nötig sein wird, einen größeren Teil der Nahrung aus Primärproduzenten - sprich: Pflanzen - zu beziehen, weil zu viele Menschen Nahrung wollen. Sag ich als begeisterte Fleischesserin. Aber man muss auch daraus keine Religion machen.

Es geht ja

gerade darum, dass sich ein Glaubenssystem um die Nahrung, die wir schon immer gegessen und an die wir darum gewöhnt sind, aufbauen, das ihre Erzeugung rechtfertigt. Insofern finde ich, dass Ihre Erklärung doch sehr gut damit übereinstimmt: Früher hatte man es nötig, Fleisch zu essen, jetzt ist es ein Überbleibsel aus Gewohnheit. Da sich aber unsere ethischen Vorstellungen in Bezug auf die Behandlung anderer sehr geändert haben, brauchen wir ein solches "unsichtbares Glaubenssystem", das in unseren Augen den unmoralischen Umgang mit Nutztieren rechtfertigt.

also ich verstehe fleischesser überhaupt nicht

ethische prinzipien an eine bestimmte spezies zu knüpfen muss einem doch willkürlich erscheinen.

konsequenterweise sollte man doch alle leidensfähigen wesen in seine ethik einschließen (man könnte sich ja fragen wie es einem gehen würde wenn man selber als schwein in der massentierhaltung geboren worden wäre; genauso wie man mitleid mit anderen menschen hat indem man sich geistig in ihre lage versetzt)

ein argument, dass ich in den kommentaren gelesen habe, dass man dann auch keine pflanzen essen dürfe weil die ja auch "schmerz" empfänden kann ich nicht nachvollziehen, denn seit wann haben pflanzen ein zentrales nervensystem?

Die ideale Nahrung und ethisch einwandfrei sind logischerweise Früchte, die ja gegessen werden möchten.

dann müssen Sie vorher aber auch die Pollen übertragen - also produktiv für die Pflanze sein -, können Sie das?

Das machen die Insekten, der Wind, Schmetterlinge usw, muß nicht ich tun.

Ein sehr interessanter Beitrag

Ich finde es gut, dass sich Frau Joy die Arbeit gemacht hat - ein interessantes Thema. Ich bin als Fleischfresser aufgewachsen - allerdings immer in dem Galuben, das Fleisch kommt aus dem Supermarkt und es ist ein Lebensmittel, kein totes Lebewesen. Leider fällt es mir schwer, auf Fleisch zu verzichten ... ein Wiener Schnitzel riecht extrem gut, das Fleisch am Griller vom Nachbar ebenso ... aber ich konnte den Fleischkonsum schon reduzieren, ein erster Schritt.

Hat denn wirklich keiner der Testobjekte der Dame gesagt: Ich esse keine Hunde oder Katzen, weil ich keine Fleischfresser esse?

Ich muss da gar nicht lange darüber nachdenken.

Hühner und Schweine ernähren sich auch nicht rein vegetarisch.
Rindern wurde auch lange genug Tiermehl ins Futter gemischt und noch heute wird Fischmehl im großen Stil eingesetzt.
Seeteufel, die ja so eine Delikatesse sind, sind Tiefseefische, die sich von dem Aas ernähren, der in die Tiefen absinkt.

Mahlzeit!

Viele Leute sagen das,

aber dann erzählen sie, wie gut ihnen das Krokodil im Urlaub in Australien geschmeckt hat...

Wo ist mein Posting?

Da entsteht gerade ein neues Glaubenssystem aus dem Überfluss heraus.

was heisst entsteht???
das system konnte über jahrhunderte wachsen,
weil wir stumpf den massen nachgejapst sind
und noch immer bequem der masse nachjapsen.

wenn man jahrtausende erprobte glaubenssysteme negiert resultiert das unweigerlich - wird in nächster zeit noch viel mehr werden.

Das Jahrtausendealte ist genauso ein Schmarren und ich möchte da gar nicht näher darauf eingehen.

Wie man allerdings die mögliche Freiheit durch andere unflexible Glaubenssysteme ersetzt ist mir ein Rätsel. Die Veganer sind dem kath. nicht so unähnlich - lebe brav/ernähre dich gesund und du hast das Paradies. Wenn dann jemand mit 80+ jämmerlich eingeht oder mit 50- trotzdem an Krebs stirbt - das zählt dann nicht mehr.
Es ist interessant, was man den Leuten mit dem entsprechenden Marketing alles einreden kann, nein, das ist sogar faszinierend.

PS: Verwechselns Glaubenssystem nicht mit persönlichen Leitlinien, die man für sein persönliches Leben festsetzt, denn die braucht man als Anhaltspunkt.

Veganer-katholisch

Ich stimme Ihnen zu, dass Veganer dem katholischen nicht unähnlich sind, insofern, dass sie an das glauben, was sie (für andere lebewesen) empfinden. Wenn sie es so meinen, dass man andere davon überzeugen möchte, ja, wenn man davon überzeugt ist, dass "es" richtig ist, dann will man natürlich dass dies auch andere so sehen, aber nicht aus dem puren selbstzweck der religion oder marketing sondern aus dem empfinden von mitgefühl für andere lebewesen.und vegan heisst nicht automatisch gesund, mein persönlicher beweggrund war/ist nicht die gesundheit, das kann ich erst später beurteilen, es gibt da viel mehr andere gründe, infos gibts genug youtube.com/watch?v=ytMWk1gW-JU&feature=player_embedded

eher aus der

Ignoranz heraus

Posting 1 bis 25 von 967

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