Maschinen wie eine App bedienen

13. März 2012, 19:31
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In Hagenberg werden individuell angepasste Touchscreen-Systeme entwickelt

Nicht nur Smartphones und Tablets werden per Touchscreens bedient. Auch bei Industrieanlagen und anderer spezialisierter Technik abseits der Gadgets für Endverbraucher greift man seit bald 20 Jahren auf die Eingabe per berührungssensitive Bildschirme zurück. Allerdings kamen dort bisher relativ ungenaue, sogenannte resistive Touchscreens zum Einsatz, die nicht mehrere Berührungseingaben zu einem Zeitpunkt verarbeiten konnten.

Wolfgang Beer, Forscher am Software Competence Center Hagenberg (SCCH), arbeitet daran, die Bedienkonzepte von zeitgemäßen Smartphones mit ihren fortschrittlichen Touchscreens auch bei industriellen Benutzerschnittstellen anzuwenden. Alte Systeme bestehen oft aus überfüllten und unübersichtlichen Eingabemasken mit umständlicher Menüsteuerung. Neue Interfaces sollen mit jenen Mehrfingergesten, die man von iPhone & Co kennt, durch aktivitätsgetriebene Dialoge gesteuert werden, erklärt Beer. Das Interface soll "mitdenken" und nur jene Optionen anbieten, die aktuell zielführend sind. Keine unnötigen Informationen sollen von der momentanen Aktion ablenken. Ähnlich Apps am Smartphone haben die Eingaben auch ein entsprechendes grafisches oder akustisches Feedback zur Folge. "Kunden erwarten etwa, dass das Scrollen durch eine Liste genauso läuft und bremst, wie das momentan auf dem iPad der Fall ist", so Beer.

Intuitive Tonregler

Mit dem Salzburger Tontechnikanbieter Acousta Engineering entwickelte Beer etwa ein neues Bedienkonzept für professionelle Tonregieanlagen, die unter anderem beim Rundfunk verwendet werden, um Mikrofone und andere Audioquellen zu koordinieren und live zu schalten. Früher waren auf den Touchscreens solcher Anlagen die abgebildeten Equalizer ihren nicht virtuellen Vorläufern nachempfunden. Die angezeigten Drehregler waren mühsam zu bedienen. Bei den neuen Interfaces modifiziert der Tontechniker direkt die Equalizer-kurve und zieht sie zu einem Punkt seiner Wahl.

Mit einem oberösterreichischen Steuerungshersteller arbeitet Beer am Interface für Spritzgussmaschinen. In diesen großen Anlagen wird Kunststoff unter hohem Druck in Formen gespritzt. Hier sollen Anwender künftig per Fünffingergeste von einem Eingabebildschirm zum nächsten wechseln, um die Maschine umzurüsten oder Fehler in der Produktion zu erkennen.

"Um zu einem neuen Interface zu kommen, müssen zuerst die bestehenden Eingabemethoden analysiert werden, um Schlüsselaktionen zu erkennen", erklärt Beer die Vorgangsweise. Davon ausgehend, entwirft er mit seinem Team ein durchgängiges, konsistentes Interaktionsmodell. "Man muss darauf achten, dass eine Aktion etwa immer mit derselben Wischbewegung ausgeführt wird." Die Anwendungen unterscheiden sich dabei sehr: "Ein Interface in einer lauten Produktionshalle, wo das Interface mit einem Handschuh bedient wird, muss anders aussehen als in einem Tonstudio."

Als Entwickler habe man bei industriellen Geräten auch keine Programmierumgebung wie beim Smartphone zur Verfügung, wo das System die Gestenerkennung übernimmt, die man dann für das Erstellen einer App verwenden kann. Da und dort versuchen Maschinenhersteller aber bereits, das App-Konzept selbst abzuschauen: Eine Heizungssteuerung, auf der Apps eingebettet sind, könnte auch den Ertrag der Solaranlage, den Stromverbrauch und die Wettervorhersage anzeigen. (pum, DER STANDARD, 14.03.2012)

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