Hamas - fast - am Scheideweg

Gudrun Harrer
13. März 2012, 19:12

Der jüngste Gaza-Konflikt zeigt eine Entfremdung zwischen den radikalen Gruppen

Die jüngste Runde eines Schlagabtausches zwischen Israel und radikalen Palästinensern im Gazastreifen kann als deprimierendes Déjà-vu empfunden werden: Die beiden Parteien sind in Gewalt und Gegengewalt gefangen. Der zweite Blick ergibt jedoch ein komplexeres Bild: Fast verschämt, weil damit alte Kategorien hinterfragt werden, ist medial von der "Zurückhaltung der Hamas" in diesem Konflikt die Rede. Sie ist ein Resultat einer längeren Entwicklung, in der sich der Islamische Jihad und die in den PRC (Popular Resistance Committees) versammelten Ultraradikalen - deren Anführer Zuhair al-Qaisi Israel am Freitag ermordete - immer mehr von der Hamas entfernen. Und umgekehrt.

Im lange schwelenden Konkurrenzkampf zwischen allen Gruppen im Gazastreifen gab es bisher gleichzeitig immer einen Konsens nach außen, gegen Israel. Natürlich existiert dieser auch heute noch: Gruppen wie der Islamische Jihad glauben von ihrer Leadership in Sachen Aggression ge gen Israel zu profitieren, während sich die Hamas als politische Kraft darstellen kann, die etwa dafür zuständig ist, palästinensische Häftlinge aus israelischer Gefangenschaft heimzubringen. Das ist eine Rollenverteilung, von der beide Seiten profitieren.

Aber bereits im vorigen Sommer, als die PRC von Ägypten aus Terrorakte in Israel verübten, zeigten sich deutliche Risse. Vor allem hatte die Hamas damals keinerlei Interesse daran, dass die kleinen aggressiven Splittergruppen die wiedergewonnenen guten Beziehungen zwischen Gazastreifen und Ägypten aufs Spiel setzen. Da wurde auch das Zauberlehrling-Szenario offenbar: Für die Hamas sind all diese Gruppen ein praktisches Druckmittel nach außen, eine effektive Kontrolle hat sie jedoch nicht.

Gleichzeitig hat die Hamas an politischer Statur in der Region gewonnen. Eine Folge des Arabischen Frühlings - die vor einem Jahr kaum jemand für möglich gehalten hätte - ist eine radikale Veränderung der regionalen politischen Einbettung der Hamas: und zwar zu ihren Gunsten. In Ägypten ist die Hamas-Mutterorganisation, die Muslimbruderschaft, heute nach Wahlen stärkste politische Kraft. Plötzlich denken die klügeren Hamas-Strategen nicht mehr gegen ägyptische, sondern mit ägyptischen Interessen. Vor allem jedoch ist heute ganz einfach eine früher verschlossene Tür offen, was im jüngsten Konflikt der Hamas erlaubt hat, Ägypten in eine politische Initiative zugunsten einer Waffenruhe zwischen Israel und Gaza einzubinden - die diesmal zumindest am ersten Tag besser hält als andere zuvor.

Auch der Paradigmenwechsel innerhalb der Hamas, was Syrien - und damit auch den Iran - betrifft, spielt mit. Sichere Prognosen, worauf das hinausläuft, gibt es nicht. Aber der Bruch zwischen dem bis vor kurzem in Damaskus ansässigen Hamas-Politbüro, vertreten durch Khaled Meshaal, und dem syrischen Regime ist schon einmal vollzogen.

Für die Hamas im Gazastreifen, die dadurch Gefahr läuft, vom iranischen Tropf abgeschnitten zu werden, ist die Sache nicht ganz so einfach. Der Richtungsstreit ist noch längst nicht entschieden. Aber auch um die Gaza-Hamas bemühen sich die arabischen Freunde am Golf, um ihr den Verlust zu versüßen. Und diese haben mit Israel teilweise gemeinsame strategische Ziele in der Region. Die Hamas steht noch nicht am Scheideweg, aber sie bewegt sich in diese Richtung. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, 14.3.2012)

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13 Postings
tatsache ist dass das gegenwärtige syrische regime isoliert ist

und dass die meisten arabischen staaten (mit ausnahme des isolierten syrien) bei allen lippenbekenntnissen zur palästinensischen sache wesentlich mehr probleme mit dem iran als mit israel haben.
wenn sich die hamas weiter an den iran hält tut sie sich langfristig nichts gutes.

Der Kommentar erübrigt sich

Das ägyptische Parlament ist dafür, den israelischen Botschafter auszuweisen und den Friedensvertrag mit Israel für null und nichtig zu erklären.

Irgendwelche Differenzierungen zwischen all diesen Horror-Islamisten sind nicht mehr angebracht. Wir steuern auf den nächsten großen Nahostkrieg zu und man kann nur hoffen, dass der Westen weiterhin zu Israel hält, weil sonst ist der einzige Staat im Nahen Osten, wo Menschenrechte gelten, bald Geschichte.

Harrers Analysen ...

... sind aus meiner kleinen Sicht immer sehr rosarot und naiv, wenn es um die Palästinenser geht. Genau so, wie ihre Analysen in den ersten Monaen des arabischen Frühling waren. Damals hab ich schon geahnt, dass es nicht so kommen wird, wie es sich manche junge Protestierer erwartet haben. Harrer war damals auch naiv und hatte unrecht.

ist es eigentlich politisch korrekt

von Arabern, die in Palästina leben als Palästinenser zu sprechen? Genaugenommen müßte Jeder in Palästina Lebende ein Palästinenser heißen, egal welche Religion er ausübt.

bei uns ist doch auch jeder hier Lebende ein Österreicher!

häh?

also ich lebe hier und bin kein Österreicher.

Araber ...

... ist eine Volkszugehörigkeit, die vorallem in Saudia Arabien leben. Palästinenser nannten sich führer alle, die im ehemaligen Palästina lebten.
Juden nannten sich genau so Palästinenser wie Christen. Die Araber Palästinas sahen sich auch teilweise als Syrer. Viele arabischen Bewohner sind genau so Einwanderer in Palästina wie es die Juden waren. Es gab durch all die Jahrhunderte seit der Vertreibung Israels durch die Römer eine wechselnd große Anzahl an Juden, 1900 waren sie bereits die Mehrheit in Jerusalem.
Erst nach der Staatsgründung wurde der Begriff "Palästinenser" alleine für die arabische Bevölkerung verwendet, vorallem nach 1964 (Gründung der PLO).

Die Fastseligsprechung der Hamas durch Frau Harrer

.... stimmt nicht verwunderlich. Ich vermisse Ihre Aufforderung an die Hamas die Vernichtung Israels aus ihrer Charta zu streichen. Nachdem sie aber eher per Bussi-Bussi mit der Hamas ist, wird das wohl nie geschehen. Es ist ganz einfach: wenn die Hamas kein Interesse an einem Raketenbeschuss Israels hat, dann muss sie diesen auch verhindern. Tut sie dies nicht, ist es nicht verwunderlich wenn Israel entsprechend reagiert.

Harrer fordert gar nichts, sie analysiert. Dabei hat sie durchaus recht, dass sich die Gesamtsituation für die Hamas geändert hat.
Darin jetzt aber übertriebene Hoffnungen zu setzen halte ich für übertrieben.

Es gibt Kommentare, die das Ganze etwas realistischer sehen

http://schanzer.pundicity.com/11352/ira... ar-in-gaza

Rosarote Brille

Was für eine naive Sichtweise! An den offen dargelegten Intentionen der Hamas hat sich nichts geändert. In der Hamas-Charta (und begleitenden Schriften) ist ihr Programm festgelegt: "Tötung von Juden überall, niemals Frieden mit Israel, Jihad (auch mit Gewalt), islamisches Kalifat, Bekämpfung von Ungläubigen (selbst der Rotarier) etc.
Ausserdem: ohne Erlaubnis der Hamas können radikalere Gruppen (gibt es die wirklich?) keine Raketen abschiessen, da die Hamas die totale Kontrolle im kleinen Gazastreifen hat.

noch nie davon gehört

dass sich organisationen von ihren grundsatzpapieren entfernen? aber in ihrem dumpfen hass ist eine differenzierte sichtweise wohl nicht möglich ...

Nachlesen

Sogar Sie werden es wohl schaffen, sich im Internet zu informieren. Die Charta der Hamas und alle anderen offiziellen Positionspapiere dieser Terrororganisation sind dort zu finden. Was Hass wirklich bedeutet ersehen Sie aus alle diesen Unterlagen.

Na ja, ich bin sicherlich sehr skeptisch der Hamas gegenüber eingestellt

allerdings muss man schon sagen, dass auch in isr. Medien festgestellt wurde, dass sich die Hamas im Großen und Ganzen diesmal heraus gehalten hat, selbst auf Kosten der Einbusse von Popularität auf der pal. Strasse, wo der isl. Jihad punkten konnte (habe da heute in Haaretz einen Artikel diesbezüglich gelesen).

Es gibt durchaus Anzeichen - wahrscheinlich aufgrund der Dissonanz zw. Iran und Hamas sowie der Stellung der Muslimbrüder in Ägypten - die auf einen langsamen und zögernden Umschwung der Hamas auf Realpolitik deuten könnten.
Allerdings, die Geister, die sie rief, wird die Hamas nicht so schnell los, und sie wird einen Weg finden müssen, der pal. Öffentlichkeit diesen ev. Umschwung in der Politik richtig zu verkaufen.

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