Warten auf den Onkel aus Amerika

Auf Vanuatu wurden einige Missionare verspeist. Heute ist das den Inselbewohnern peinlich. Und viele warten auf die Rückkehr von John Frum

Die Nationalhymne von Vanuatu, "Yumi, Yumi, Yumi", weckt nicht von ungefähr gewisse Assoziationen. "Yumi, Yumi, Yumi" heißt zwar nur "Wir, Wir Wir" in der Landessprache Bislama, aber Kannibalismus wurde auf Vanuatu bis spät ins 20. Jahrhundert praktiziert. 1969 wurde der letzte Kannibalismus-Fall auf der Insel Malekula dokumentiert. Aber noch in den 80er-Jahren musste um den Friedhof der Hauptstadt Port Vila eine Mauer gebaut werden, da immer wieder Leichen ausgegraben wurden.

Heute ist den Ni-Vanuatu diese Tradition ein bisschen peinlich. Die Museumsführerin des "Secret Garden" lässt mich mit den Worten "Das hier ist das Kannibalenhaus. Ich hol Sie später wieder von hier ab" zurück und verschwindet betreten. Die Missionare haben im Südpazifik ganze Arbeit geleistet und die meisten Ni-Vanuatu zum christlichen Glauben bekehrt. Vor allem, dass ihre Vorfahren auch ebendiese Missionare verspeist haben, ist den Einwohnern von Vanuatu heute ziemlich unangenehm.

Obwohl Europäer selten oft dem Speiseplan der Kannibalen standen, versuchen ihre Nachkommen das Geschehene wiedergutzumachen. So wurde für die Verwandten des Missionars John Williams, der 1839 auf der Insel Erromango Kannibalen zum Opfer fiel, 2009 eine Versöhnungszeremonie veranstaltet.

Leckerbissen mit magischer Kraft

Im Kannibalenhaus erfahre ich, dass besonders das Gesäß und das Innere der Oberschenkel und -arme als Leckerbissen galten. Diese Filetstücke wurden in Blätter gewickelt und in einem unterirdischen Ofen zubereitet. Die Kannibalen dachten, dass das Verspeisen ihres Feindes ihnen magische Kräfte und damit eine gewisse Überlegenheit verleihen würde.

Auch wenn der Kannibalismus auf Vanuatu Geschichte ist, gibt es noch immer zahlreiche obskure Kulte und Traditionen, die unter dem Wort "Kastom" zusammengefasst werden. Ich fliege auf die 25.000-Einwohner-Insel Tanna, um einen sogenannten "Cargo Cult" kennenzulernen. In der Schwefelbucht im Osten von Tanna leben die Anhänger der John-Frum-Bewegung. John Frum ist in ihrem Glauben ein Amerikaner, der eines Tages nach Tanna zurückkehren und die Einwohner mit Reichtümern (Cargo) beschenken wird.

Entstanden ist der Kult um John Frum während des Zweiten Weltkriegs, als US-amerikanische Soldaten im Südpazifik stationiert waren und die Eingeborenen erstmals mit westlichen Konsumgütern in Kontakt kamen. Am Marktplatz des John-Frum-Dorfes hängen daher auch das US-Sternenbanner und die Flagge der US Navy. Wem das alles ein wenig seltsam vorkommt, der hat noch nichts vom "Prince Philip Cult" gehört. Dessen Angehörige glauben, dass der Ehemann von Queen Elizabeth II. ein Heiliger ist und Tanna und Großbritannien einst ein Land waren.

Von Chief Issac Wan, dem Chief der John-Frum-Bewegung, höchstpersönlich erhalte ich die Erlaubnis, eine heiße Quelle zu besuchen, die in der Mystik der Einwohner eine wichtige Rolle spielt. 

Auf dem Weg dorthin versperren uns jedoch einige finster dreinblickende junge Männer den Weg, die die Erlaubnis des Chiefs anscheinend in Frage stellen. Es stellt sich heraus, dass sich Teile der John-Frum-Bewegung abgespalten und ihre eigenen Regeln aufgestellt haben. "Diese Leute sind ein bisschen irre. Jeder will Chef sein", erklärt mein Gastgeber und Guide Leith.

Tanz auf dem Vulkan

Zum Glück ist der Weg zur größten Touristenattraktion Tannas, Mount Yasur, nicht versperrt. Mount Yasur ist ein sehr aktiver und sehr gut erreichbarer Vulkan. Schon von meinem Bungalow aus ist der Vulkan ständig zu hören - ein tiefes Rumpeln und Grollen ähnlich einem herannahenden Sommergewitter. Leith ist unheimlich stolz darauf, dass sein Bungalow dem Vulkan am nächsten ist. Mir wäre ein bisschen mehr Abstand nicht ganz unrecht.

Am späten Nachmittag geht es dann mit dem Jeep fast bis zum Kraterrand. Nur die letzten zehn Minuten müssen zu Fuß zurückgelegt werden. Das Donnern wird immer lauter. Oben bläst einem ein eisiger Wind Rauch und Asche ins Gesicht. Die Asche brennt auf der Haut wie Eisstückchen im Schneesturm und der Rauch bei jedem Atemzug.

Die Sonne geht langsam hinter den grünen Bergen unter und Mount Yasur beginnt sein Feuerwerk. Vom Kraterrand sieht man direkt in die lodernde Lava. Immer wieder spuckt der Vulkan mit einem lauten Knall glühende Gesteinsbrocken in die Luft, die entweder am Rand erstarren oder wieder zurück in den Krater fallen. Einer alten Legende nach sind diese Lavabrocken übrigens zwei Schwestern, die für einen alten Mann namens Yasur in die Luft springen und tanzen.


-> Verena am Krater: Hier gibt's Bilder vom Vulkan.
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