Rundschau: Triffids, Monster und Desaster

Ansichtssache24. März 2012, 10:13
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coverfoto: blitz

Frank W. Haubold: "Die Kinder der Schattenstadt"

Kartoniert, 320 Seiten, € 13,40, Blitz 2012

Hier ein Buch, das mich ein paarmal zum Zurückblättern zwang, weil ich das Gefühl hatte etwas übersprungen zu haben. Wobei ich gleich vorausschicken darf, dass dies für mich bei weitem nicht so lästig ist wie der seeehr viel öfter auftretende Ablauf des Vorblätterns - immer dann nämlich, wenn sich ein/e AutorIn mal wieder in endlosen Beschreibungen unwesentlicher Dinge ergeht, um nur ja keine Lücken offen zu lassen. Das ist nun wirklich nicht die Vorgangsweise von Frank W. Haubold, der hier in der Rundschau bislang nur mit einigen Anthologie-Beiträgen vertreten war. Im Gesamtergebnis wirkt sein Roman "Die Kinder der Schattenstadt" zwar mitunter etwas disparat. Aber er langweilt nie.

Ein Episodenroman ist es genaugenommen, und fast könnten die Episoden sogar unterschiedlichen Genres entstammen. Es beginnt mit dem recht reißerischen Szenario einer Nazi-Massen(selbst)vernichtungswaffe, deren Einsatz am Ende des Zweiten Weltkriegs noch einmal gerade so abgebogen wird. Die ist im Auge zu behalten, sie kehrt am Ende wieder. Erst springen wir aber in der Zeit vor und schwenken zu einer Gruppe von Kindern um, die in einem DDR-Städtchen aufwachsen. Nun scheint die Geschichte eher in eine Stephen-King-Richtung zu gehen; besonders der Gedanke an "Es" liegt nahe, wenn ein Junge aus dieser Clique durch einen unterirdischen Tunnel kriecht und dabei einem übernatürlichen Wesen begegnet. Später wird dieser Junge, Fabian Rothenbach, immer wieder apokalyptische Visionen von einem "dunklen Vogel" haben, ohne dass diese Erscheinung jedoch Gut oder Böse zuzuordnen wäre.

Auch die Kindergeschichte bleibt nur eine Episode, in der Folge schreiten wir anhand von Fabians Leben durch die Zeit. Dabei vermischt Haubold ganz unterschiedliche Elemente. Mystery-Aspekte gesellen sich zu sehr authentisch wirkenden Passagen aus dem ganz normalen Leben, für die der in der DDR geborene Autor wohl eigene Erfahrungen verwenden konnte - sei es der Alltag in der Nationalen Volksarmee oder - sehr schön geschildert - ein Klassentreffen der Schattenstadt-Kinder im gewendeten Deutschland nach der Wiedervereinigung. Fabian wird schließlich eine Gefährtin vom anderen Ende der Welt zur Seite gestellt: Sirien Nakpradith, die sich in Bangkok zur Muay-Thai-Kämpferin ausbilden hat lassen, nachdem sie als Mädchen eine Begegnung mit dem Schicksal hatte. Sowohl Fabian als auch Sirien werden als Auserwählte bezeichnet - ein klares Fantasy-Motiv, das Haubold der Mischung ebenso beifügt wie später noch Science-Fiction-Elemente im letzten Abschnitt des Romans; plus einem Far-Future-Anhang, der nur in sehr vagem Zusammenhang mit der Resthandlung steht.

Nichtsdestotrotz lässt der Roman eine klare Struktur erkennen, man muss sie lediglich bei Fabians Gegenspieler suchen. "Der dicke Martens" gehörte einst derselben Clique an, ging dann jedoch eigene Wege. Die führten ihn vom Mord an seiner Großmutter (mit übernatürlicher Hilfe) über die bereits mit sehr viel höherem Gewaltaufwand durchgeführte Auslöschung seiner Mutter und ihres Lebensgefährten immer weiter, erst zu mörderischen wirtschaftspolitischen Ränken und schließlich bis in ein buchstäblich apokalyptisches Szenario hinein. Stufe für Stufe schreitet die Eskalation voran und mit ihr wechselt auch der Roman seine Gesichter.

Im Nachwort erläutert Haubold, dass der Roman eine langjährige Evolution aus diversen Überarbeitungen hinter sich hat und in seiner ursprünglichen Form bis in die 90er Jahre zurückgeht; man merkt es ihm durchaus an. Manchmal wirkt die Erzählung sehr kursorisch - der Tod einer Hauptfigur wird äußerst beiläufig erwähnt, eine dritte Person wird nachträglich als Auserwählter identifiziert, ohne jemals zu einer Fabian oder Sirien vergleichbaren Figur aufgebaut worden zu sein usw. Auch die zeitliche Einordnung fällt nicht immer leicht: Die Kindheit der ProtagonistInnen fühlt sich - für mich zumindest - weiter in der DDR-Vergangenheit zurückliegend an, als es das Alter von Fabian & Co zur Nach-Wende-Zeit zulässt. Genauso wie eine Zukunft, in der diverse SF-Technologie - allen voran ein "Energieschirm" über Europa - realisiert wurde, gewissermaßen einen Satz rückwärts macht, um noch zu Fabians Lebzeiten stattfinden zu können.

Alles in allem ist "Kinder der Schattenstadt" so ungefähr das Gegenteil dessen, was man in einem "Wie schreibe ich einen kompakten Genre-Roman"-Workshop unter die Nase gerieben bekäme. Eher schon wirkt es wie eine auf relativ wenige Seiten eingedampfte Sammlung von Geschichten, die aus einem gemeinsamen fiktiven Universum stammen und mal mehr, mal weniger zusammenhängen. Lücken inklusive. Andererseits: Ohne jetzt Frank W. Haubold und Cordwainer Smith in einen Topf werfen zu wollen oder zu können - aber was einen bei dem einen Autor fasziniert, das kann man dem anderen auch nicht vorwerfen. Und wie handwerklich-langweilig das Ergebnis sein kann, wenn jemand eben doch nach obigem Workshop-Leitfaden vorgeht, das wird das Buch auf der nächsten Seite zeigen.

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