Rundschau: Triffids, Monster und Desaster

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coverfoto: heyne

John Wyndham: "Die Triffids"

Kartoniert, 300 Seiten, € 9,30, Heyne 2012 (Original: "The Day of the Triffids", 1951)

Frühling ist's, die Triffids schlagen aus. Jetzt bitte all ihr Unglücklichen, die die jüngste Verfilmung auf Pro7 gesehen und gerade erst verdaut haben: Vergesst es. Der Roman ist viiiel besser. Dreimal ist John Wyndhams über 60 Jahre alter Klassiker bereits verfilmt worden (Was heißt "Klassiker"? Der hat seine eigene Zeile im Eröffnungssong der "Rocky Horror Show", das macht ihn mindestens zum Uberklassiker): Zum ersten Mal 1962 als Kinofilm, auf dem ... öhem ... vollen Stand der damaligen Tricktechnik und in der deutschen Version mit dem fantastisch hirnrissigen Verleihtitel "Blumen des Schreckens" zusätzlich belastet (das war natürlich das, worauf sich "And I really got hot when I saw Janette Scott fight a triffid that spits poison and kills ..." eigentlich bezog). Und dann noch zweimal als Mini-Serien der BBC, erst 1981 und dann eben in "modernisierter" Fassung 2009. Von den beiden ist die 1981er Version immer noch die bessere, obwohl - oder vielleicht auch weil - damals noch keine CGI zur Verfügung standen; so richtig überzeugend war aber auch die nicht. Vielleicht lässt sich etwas, das im Roman mal als wandelnde Mischung aus Sonnenblume, Steckrübe und Orchidee beschrieben wird, einfach nicht erschreckend genug inszenieren.

Die Handlung dürfte den meisten bekannt sein, hier nur eine Kurzfassung: Ein spektakuläres Leuchten am Himmel lässt globusweit die Menschen erblinden. Nur wer das Phänomen nicht sehen konnte oder wollte, hat sich das Augenlicht bewahrt. Wie Hauptfigur William Masen, der sich - Ironie, Ironie - in der entscheidenden Nacht in einem Londoner Krankenhaus von einer Augenoperation erholte. Während die Infrastruktur komplett zusammengebrochen ist und die wenigen Sehenden verzweifelt versuchen, den abertausenden Blinden beizustehen, ist Masen auch der erste, der vor der eigentlichen Gefahr warnt: Eben den Triffids, übermannsgroßen fleischfressenden Pflanzen, die man wegen ihres Öls auf eigenen Farmen züchtet. Biochemiker Masen hat auf einer solchen Farm gearbeitet und weiß, wie gefährlich die Triffids sind, da sie nicht nur tödliche Peitschenschläge mit einem Giftstachel austeilen können, sondern auf ihren Wurzeln auch noch mobil sind. Natürlich wird Masen aber erst ernstgenommen, als es längst zu spät ist und Millionen ausgebrochene Triffids in die Dörfer und Städte staksen, um sich an den hilflosen Blinden zu laben. Es bleibt nur noch die Flucht aufs Land und der Versuch, sich hinter Schutzwällen eine neue Zukunft aufzubauen.

Das mag jetzt bei manchen etwas zum Klingeln bringen - stumm herumschlurfende Menschenfresser und der Rückzug der Überlebenden in eine gut abgesicherte Trutzburg ... - und in der Tat gelten die Triffids als wichtige Einflussquelle für das moderne Zombie-Genre, also von George A. Romero an aufwärts. Wenn am Beginn von Danny Boyles "28 Days Later" Fahrradkurier Jim in einem Krankenhaus erwacht, ist das sogar ein direktes Zitat von Wyndhams Originalstoff. Der Ton war zu Wyndhams Zeiten allerdings noch ein deutlich anderer als bei den schwerbewaffneten, supertoughen Instant-Survivalisten, die uns das Genre heute als Vorbilder unterjubelt. Symbolisch dafür eine Passage im ersten Abschnitt des Romans, in der Masen mit einem Stein in der Hand vor einem Schaufenster steht und zögert, es einzuschmeißen. Zwar braucht er Nahrungsmittel - aber erst muss er sich dazu durchringen, die neuen Verhältnisse zu akzeptieren und die Schuldgefühle abzustreifen, dass er mit dem Steinwurf seinen kleinen Beitrag zum Untergang der Zivilisation leistet. Ähnliche Skrupel hegt zunächst auch die weibliche Hauptfigur, die Masen zur Seite gestellt wird: Josella Playton, eine junge Frau aus gutem Hause, die ein leicht skandalöses Erfolgsbuch geschrieben hat; offensichtlich eine Art "Feuchtgebiete" unter den Bedingungen der 50er Jahre. Damals war man ja noch zivilisiert.

Und diese gutstaatsbürgerliche Restwürde bewahrt man sich auch dann, wenn es ans Eingemachte geht. Also vor allem um die entsetzliche Frage, um wie viele Blinde man sich kümmern kann, wenn man selbst überlebensfähig bleiben will - und wie man unter diesen Bedingungen eine neue Zivilisation aufbaut. Zum Schmunzeln ist es dafür aus heutiger Sicht, wenn in typischem 50er-Jahre-Stil ein Soziologieprofessor auftritt und ganze zwei Tage nach der Katastrophe bereits einen Masterplan für die Gesellschaft der Zukunft aus der Hosentasche zieht. Vielweiberei inklusive, aber selbstverständlich streng seriös gemeint.

Die aktuelle deutschsprachige Ausgabe von "Die Triffids" ist eine merklich überarbeitete und vor allem ungekürzte Fassung der ursprünglichen Übersetzung. Dadurch fällt anders als z.B. in der Heyne-Ausgabe aus den frühen 80ern gleich auf der ersten Seite ein ganz zentraler Satz: "Dass ich das Ende der Welt verpasste [...], war schierer Zufall: wie Überleben es häufig ist, wenn man es genauer bedenkt." Masen bekennt im Roman seine klar biologistische Sicht der Welt, und wenn man John Wyndhams Romane insgesamt so Revue passieren lässt, wird man immer wieder auf das Motiv Biologie / Evolution / Angst vor der Ablösung durch eine neue Spezies stoßen. Fast noch bekannter als "The Day of the Triffids" ist "The Midwich Cuckoos", unter anderem von John Carpenter als "Dorf der Verdammten" verfilmt - in dem Fall ging die Bedrohung von gruseligen telepathisch begabten Kindern aus. In "The Web" waren es koloniebildende Spinnen, in "The Kraken Wakes" außerirdische Meeresbewohner - und in "The Chrysalids" wurde sogar versucht, die Evolution selbst zu stoppen.

Mal führt ein externer Faktor zur Katastrophe, öfter noch ist aber die Menschheit selbst schuld: Seien es Atomtests, die in "The Web" bei Spinnen eine kleine, aber folgenschwere Mutation auslösen, oder sei es die Nutzung der Triffids. Woher diese wirklich kommen, wird übrigens nie hundertprozentig geklärt, aber Wyndham ist ein Meister des Nahelegens. Er legt einem in Form von Masens Vermutungen nahe, dass es sich um künstliche Züchtungen handelt, die von Wirtschaftsspionen aus der Sowjetunion ausgeschmuggelt wurden. Und er legt einem nahe, dass das Leuchten am Himmel kein Meteorschauer war (und erst recht keine Sonneneruption wie in der jüngsten Verfilmung), sondern Teil einer satellitengesteuerten Biowaffe. Und er lässt bewusst offen, wessen Waffe. Die volle Wahrheit werden wir nie erfahren, ebensowenig wie Masen und seine Mitüberlebenden.

In der aktuellen Fassung sind auch einige Passagen enthalten, die man in der früheren Ausgabe wohl für unwesentlich hielt und rausgekürzt hat. Etwa ein melancholisches Lied, das die Hauptfiguren hören und auf dessen Text sie später anspielen werden. Oder der stille Doppelselbstmord eines jungen blinden Paars. Also Elemente, die vielleicht nicht die Handlung vorantreiben, die aber dazu beitragen, die Atmosphäre des Niedergangs zu verdeutlichen, in der sich die ProtagonistInnen bewegen. Das einzige, was der neuen Ausgabe im Vergleich zu der, die 1983 in der "Bibliothek der Science Fiction Literatur" erschien, fehlt, sind die Innenillustrationen. Aber vielleicht ist das ja auch gar kein Nachteil ... womit wir wieder beim Anfangsthema angelangt wären. Und ich muss wohl auch endgültig die Hoffnung begraben, von meinem Lieblingsmonster aller Zeiten irgendwann mal eine vernünftige Actionfigur zu bekommen.

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