Wasserkrise wird auch in Europa zu spüren sein

700-seitiger Bericht wird zum Auftakt des 6. Weltwasserforums in Marseille veröffentlicht

Paris - Der weltweite Bevölkerungsanstieg und der damit einhergehende Nahrungs- und Energiebedarf bedrohen ebenso wie der Klimawandel die weltweiten Trinkwasser-Ressourcen. "Der Bedarf an Wasser nimmt zur gleichen Zeit zu, wie der Klimawandel seine Verfügbarkeit bedrohen dürfte", heißt es im jüngsten Weltwasserbericht der Vereinten Nationen. Die Versorgung mit Trinkwasser ist in Gefahr, warnt die UN-Wissenschaftsorganisation UNESCO. Bevölkerungsentwicklung, Wirtschaft, Lebensstil und Verhaltensmuster seien die wichtigsten Faktoren beim Wasserverbrauch.

In einer aktuellen Analyse warnt auch die Umweltschutzorganisation WWF vor einer weiteren Zuspitzung der globalen Wasserkrise. So sei es allein seit der Jahrtausendwende weltweit zu über 50 Konflikten mit Gewalteinwirkung aufgrund der Nutzung von Wasser gekommen. Die Tatsache, dass neun Staaten - nämlich Brasilien, Russland, China, Kanada, Indonesien, Indien, Kolumbien, die Demokratische Republik Kongo und die USA - mehr als 60 Prozent der weltweit verfügbaren Süßwasservorkommen haben, könne bei einer Verschärfung der Wasserkrise wie ein "Brandbeschleuniger" wirken, wird WWF-Wasserexperte Martin Geiger in einer Aussendung zitiert.

3,5 Millionen Tote jährlich

Die von der UNO veröffentlichten Zahlen sind erschreckend: Rund 3,5 Millionen Menschen sterben jedes Jahr wegen schlechter Wasserversorgung. Etwa 800 Millionen Menschen waren im Jahr 2010 ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser. Rund 2,5 Milliarden Menschen mussten auf einfachste sanitäre Einrichtungen verzichten. Immerhin hätten aber bereits 89 Prozent der Weltbevölkerung heute Zugang zu sauberem Trinkwasser.

Die regionalen Unterschiede sind enorm: Im südlichen Afrika haben noch immer mehr als 40 Prozent der Bevölkerung kein Trinkwasser. In den ärmsten Ländern der Welt leben 97 Prozent der Einwohner ohne Kanalisation, 14 Prozent trinken das Wasser aus Flüssen oder Seen, die auch von Tieren genutzt werden. Laut UN-Wasserbericht 2012 mussten 64 Prozent der Weltbevölkerung ihr "Geschäft" unter freiem Himmel verrichten, 638 Millionen Menschen allein in Indien.

Wasserkrise wird auch Europa treffen

Von einer globalen Wasserkrise könne laut WWF auch Europa nicht gänzlich ausgenommen werden. "Auch wenn in Westeuropa die Situation derzeit weitgehend entspannt ist, kann das nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns bereits mitten in einer globalen Wasserkrise befinden", so Geiger. "Bis 2070 wird die Wasserknappheit auch in Mittel- und Südeuropa zu spüren sein", heißt es dementsprechend auch im UN-Weltwasserbericht.

Zugenommen hat laut UNO die Bedeutung des Grundwassers: Es stellt weltweit heute fast die Hälfte des gesamten Trinkwassers. Im 20. Jahrhundert habe es eine regelrechte "stille Revolution" gegeben beim zunehmenden Anzapfen dieser Ressourcen, betonen die Autoren des Berichts. Sie fordern daher dringend eine genauere Erfassung der Reserven - und deren nachhaltigen Nutzung. "Weil Wasser preiswert und weit verbreitet ist, wird sein Gebrauch oft nicht direkt gemessen, sondern eher geschätzt." Zudem würden 80 Prozent des Brauchwassers weltweit nicht aufbereitet.

In Asien hätten auch geänderte Lebensgewohnheiten beim Konsum - etwa dem Umstieg vom Fahrrad aufs Auto - Einfluss auf den Wasserverbrauch: "In den Schwellenländern könnte der Wasserbedarf um 50 Prozent über die Werte von 2011 steigen." In Asien, aber auch Schwarzafrika, könnten mehr als 40 Prozent der Länder im Jahr 2040 unter ernsthafter Trinkwasser-Knappheit leiden.

"Situation nicht hinnehmbar"

Der rund 700-seitige Bericht mit dem Titel "Managing water under uncertainty and risk" (Wasser-Management angesichts von Unsicherheit und Risiko) wird zum Auftakt des 6. Weltwasserforums in Marseille veröffentlicht. Die Publikation erscheint im Drei-Jahres-Rhythmus. Bereits vor einer Woche hatten die Vereinten Nationen einen Bericht präsentiert, wonach heute vor allem dank des Aufschwungs in Ost- und Südasien neun von zehn Menschen weltweit Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die Menschheit habe damit eines ihrer selbst gesteckten Millenniumsziele erreicht.

Beim weltweit größten Expertentreffen in Marseille mit mehr als 20.000 Teilnehmern wird eine Woche lang über den Zugang zu sauberem Wasser, Wasserrechte und den Einsatz moderner Technologien beraten. Bei seiner Eröffnungsrede am Montag wies der französische Regierungschef Francois Fillon darauf hin, dass Milliarden Menschen kein sauberes Wasser hätten, die Zahl der Toten durch verunreinigtes Wasser in die Millionen gehe: "Diese Situation ist nicht hinnehmbar."

Zu der Konferenz sind Vorsitzende internationaler Organisationen und Vertreter aus mehr als 100 Staaten angereist. Initiator ist der Weltwasserrat, dem Wissenschaftler, Organisationen und internationale Unternehmen angehören. Der WWF kritisierte das Weltwasserforum in der Vergangenheit wegen mangelnder Verbindlichkeit für die Politik. Die NGO Attac organisiert ab Mittwoch eine Gegenveranstaltung. Sie kritisiert das offizielle Treffen als "große Lobby-Veranstaltung der Wasser- und Energiewirtschaft", wie Dorothea Härlin vom europäischen
Attac-Wassernetzwerk Aquattac am Montag erklärte. (APA/red, 12.3.2012)

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