"Das Prüfungssystem muss weg"

Interview |
  • Rolf Schulmeister will den Unterricht blocken. Die Studierenden seien durch die Themenkonkurrenz überfordert.
    foto: standard/newald

    Rolf Schulmeister will den Unterricht blocken. Die Studierenden seien durch die Themenkonkurrenz überfordert.

Der durchschnittliche Bachelorstudent hat eine 23-Stunden-Uni-Woche, erhob Rolf Schulmeister - Lernaufwand und Erfolg hätten wenig Zusammenhang

Ein Semester lang ließ Pädagoge Rolf Schulmeister Studenten ihren Alltag notieren. Was er in dieser "Zeitlast-Studie" herausfand, überraschte Lehrende wie Studierende gleichermaßen: In das vermeintlich stressige Bachelor-Studium investierten die Studenten durchschnittlich nur 23 Stunden pro Woche, wobei zwischen Studienerfolg und erbrachter Lerndauer der Studenten kaum eine Korrelation bestand.

UniStandard: Zur Zeit Ihrer Studie, waren in Deutschland heftige Studentenproteste gegen Bologna im Gange. Die Studenten fühlten sich vom Bachelorsystem überfordert.

Schulmeister: Wir sind damals mit den Studenten mitmarschiert. Für uns war klar, dass wenn man fast das gesamte Diplomstudium in ein sechssemestriges Bachelorstudium presst, es zu hohen Abbruchquoten kommen würde. Das ist dann auch eingetreten: 2000 hatten wir einen Durchschnitt von 21 Prozent Studienabbrechern, jetzt liegen wir wieder bei 27.

UniStandard: Die Studie zeigte auf, dass dies nicht an der Zeitbelastung der Studenten liegt. Nur 23 Stunden pro Woche verbrachten sie im Schnitt mit ihrem Studium.

Schulmeister: Am Anfang hatten wir an sechs Universitäten Stichproben untersucht, da wurde noch gezweifelt. Mittlerweile haben sich die Ergebnisse an 25 Unis wiederholt.

UniStandard: Erstaunlich auch, dass es beim Zeitaufwand fürs Studium kaum Unterschiede zwischen Studierenden der Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften gab.

Schulmeister: Ein Unterschied ist, dass die Ingenieure zu den Vorlesungen oft gar nicht hingehen. Aufgrund der "Aufgabenkultur" haben die Naturwissenschafter während der Vorlesungszeit dennoch einen hohen Workload, aber nach den Prüfungen passiert da nichts mehr. Sozialwissenschafter hingegen schreiben auch nachher noch an Arbeiten, daher gleicht sich das aus.

UniStandard: Die Studenten, die am besten abgeschnitten haben, wandten oft am wenigsten Zeit für ihr Studium auf. Viellerner schnitten häufig schlecht ab. Was zeichnet den erfolgreichen Lerner aus?

Schulmeister: Sie nehmen die Prüfung nicht als Bedrohung wahr und haben eine höhere Zuversicht. Die Problemlerner hingegen haben grundsätzlich Angst vor Prüfungen, meist schon Monate davor. Viele neigen zur Ablenkung: Wenn sie lernen wollen, holen sie sich erst mal einen Kaffee oder schauen auf Facebook. Diese Studenten kommen in eine Lehrorganisation, wo sie acht bis zehn Veranstaltungen pro Woche haben. Bei einer solchen Themenkonkurrenz weiß der Student gar nicht, für welche Veranstaltung er arbeiten soll. Vielleicht pickt er sich eine raus und schiebt die anderen weiter.

UniStandard: Um alle Lerntypen besser zu integrieren, fordern Sie daher eine Umstellung der Lehrpläne: Das ganze Semester soll thematisch geblockt werden. Ein entsprechendes Pilotprojekt findet zurzeit an der FH St. Pölten statt.

Schulmeister: Wir nehmen die Module jeweils nacheinander durch. Der Student kann sich vier Wochen voll auf ein Thema konzentrieren. Für das Selbststudium wird täglich eine Aufgabe gegeben, auf die sofort eine Rückmeldung erfolgt. Man bildet so Schritt für Schritt eine neue Handlungskompetenzerwartung. Das hilft auch gegen Bulimie-Lernen, denn wenn jeden Tag mehrmals die gleichen Inhalte gelernt werden, geht das ins Langzeitgedächtnis über. Der Rhythmus ist stets Informationsinput, Anwendung und Rückmeldung. Dieser Dreischritt fehlt in einer normalen Vorlesung. Die Lernzeit der Studenten hat sich in unseren Pilotprojekten drastisch erhöht, teilweise auf mehr als zehn Stunden pro Woche. Auch die Professoren waren viel zufriedener mit den Studenten.

UniStandard: Haben Sie weitere Reformwünsche für Bologna?

Schulmeister: Das Prüfungssystem muss weg. Wir müssten ein Selbststudium einrichten, das mit Punkten belohnt wird. Alle so erbrachten Teilleistungen sollten zusammen als Prüfung zählen. Auf diese Weise reduzieren wir die Angst zu versagen, da man die Leistung über die Zeit erbringt. Und Angst und Motivation bedingen sich: Wenn die Angst sinkt, steigt die Motivation. (Fabian Kretschmer, UNISTANDARD, März 2012)

ROLF SCHULMEISTER (68) leitet das Zentrum für Hochschul- und Weiterbildung an der Universität Hamburg. Der studierte Germanist forscht seit 2009 im Rahmen der "Zeitlast-Studie" zum Arbeitsaufwand von Bachelorstudenten.

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