Eine Bachelorarbeit am Schneidetisch

  • Ob der Filmakademie-Student Patrick Vollrath mit seiner Bachelorarbeit beginnen kann, hängt davon ob, wie er 40.000 Euro einwerben kann - denn so viel kostet die Produktion seines Abschlussfilms.
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    Ob der Filmakademie-Student Patrick Vollrath mit seiner Bachelorarbeit beginnen kann, hängt davon ob, wie er 40.000 Euro einwerben kann - denn so viel kostet die Produktion seines Abschlussfilms.

Statt in der Bibliothek sitzt Patrick Vollrath mit seinen Studienkollegen vor der Leinwand - Nach vier Jahren Studium an der Wiener Filmakademie dreht er gerade seinen Abschlussfilm

Wien - Zum Vergleich: eine Bachelorarbeit sollte normalerweise nicht mehr als maximal 50 Seiten umfassen; Patrick Vollrath musste, bevor mit seiner eigentlichen Arbeit überhaupt beginnen konnte, schon eine 100-seitige Präsentationsmappe erstellen, mit der er nun diverse österreichische Filmförderstellen abklappert.

Der 26-Jährige ist Regie-Student an der Wiener Filmakademie und sein Bachelorfilm ein Mammutprojekt: 40.000 Euro wird es verschlingen, wobei das komplette Filmteam ehrenamtlich arbeitet und sogar die Kameras gesponsert werden. Während bei anderen Abschlussarbeiten ein Unsicherheitsfaktor in der Zu-, oder Absage eines gewünschten Betreuers besteht, hängt bei Vollrath die Bachelorarbeit vor allem davon ab, wie er den fünfstelligen Eurobetrag einwerben wird.

Doch würde der Deutsche vor Herausforderungen zurückschrecken, hätte er es an der Filmakademie wohl nicht mal bis zur Inskription geschafft. In insgesamt vier Bewerbungsdurchgängen müssen sich angehende Filmstudierende gegen zahlreiche Konkurrenten durchsetzen, ehe sie einen Studienplatz bekommen. Im ersten Durchgang reichen zwischen 100 und 200 Filminteressierte ein Portfolio für die Studiengänge Regie, Kamera, Produktion oder Drehbuch ein. Dabei entscheiden weniger Motivationsschreiben oder Lebenslauf, sondern die extra für die Bewerbung produzierten Kurzfilme.Alle, denen hier von der Jury künstlerisches Talent attestiert wird, müssen innerhalb einer Woche drei weitere Bewerbungsrunden bestehen. 2008 bekam Vollrath einen von fünf Regie-Studienplätzen. 17 Plätze wurden an der Filmakademie in diesem Jahr insgesamt vergeben.

Noten sind unwichtig ...

"Die Noten im Studium sind bei uns komplett unwichtig. Bei Produktionsfirmen interessiert es niemanden, ob du ein Diplom hast", meint der angehende Filmemacher. Für den beruflichen Werdegang seien einzig die während des Studiums entstandenen Filme relevant, quasi die Visitenkarte für Regieaspiranten.

Selbst auf die verwendete Technik käme es nicht primär an: "Wenn der Film emotional berührend ist, ist es fast egal, ob er mit dem Handy oder auf Film gedreht worden ist", sagt Vollrath.

Sein Abschlussfilm trägt den Titel Hinter Gottes Füßen und ist die Adaption einer Kurzgeschichte des bosnischen Autors Sasa Stanisic, in welcher dieser seine Kriegserinnerungen verarbeitet. Die Geschichte hat ihn auf Anhieb fasziniert, "beim Lesen hatte ich sofort Bilder im Kopf." Auch dem für seine hohen Ansprüche und seinen Perfektionismus bekannten Regie-Professor Michael Haneke schien es bei der Lektüre von Vollraths Skript ähnlich ergangen sein, las er es doch in einem Stück durch.

... nur die Filme zählen

Insgesamt wird der Regiestudent seiner Bachelorarbeit ganze zwei Jahre widmen: Letzten Sommer hat Vollrath die Kurzgeschichte entdeckt, nun wird mit der dritten Drehbuchfassung um Fördergelder angefragt. Wenn diese genehmigt werden, wird er im Juli dieses Jahres mit den Dreharbeiten beginnen und anschließend bis November am Schneidetisch arbeiten. Wenn Hinter Gottes Füßen das erste Mal während Kurzfilmfestivals auf einer Kinoleinwand flimmert, schreiben wir bereits Sommer 2013.

Nach dem Abschluss kommen fast alle Regie-Absolventen beruflich in der Branche unter, meint Vollrath, große Filmemacher wie Götz Spielmann, Ulrich Seidl oder Jessica Hausner - alle ehemalige Studenten der Filmakademie - werden jedoch nur die wenigsten. Der Markt ist klein, die Konkurrenz enorm. Vollrath sagt: "Man muss immer an sich glauben und hoffen, dass man etwas bieten kann, was kein anderer kann." (Fabian Kretschmer, UNISTANDARD, März 2012)

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