Ohne Angst vor der eigenen Blöße

  • Ein Schauspieler, der sich mit großem Einsatz in seine Rolle wirft: Michael Fassbender in Steve McQueens "Shame".
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    Ein Schauspieler, der sich mit großem Einsatz in seine Rolle wirft: Michael Fassbender in Steve McQueens "Shame".

In Steve McQueens Filmdrama "Shame" spielt er einen Mann, der seine Lebensleere mit Sex betäubt: Michael Fassbender ist derzeit einer der gefragtesten Stars im Filmgeschäft

Porträt eines ruhelosen Darstellers.

Wien - Von einer Rolle mit explizitem Sex wird einem aufstrebenden Schauspieler wohl jeder Agent abraten. Schließlich gilt nackte Haut im Kino nur dann als Gewinn, wenn der größere Teil des Körpers verhüllt ist. Michael Fassbender hat sich davon nicht abschrecken lassen und wohl wieder einmal die richtige Wahl getroffen: In Steve McQueens Filmdrama Shame spielt der derzeit gefragteste Newcomer einen New Yorker Geschäftsmann, der nichts anbrennen lässt. Wie ein Raubtier auf Beutezug bewegt er sich durch die Stadt, immer auf der Suche nach dem nächsten sexuellen Kick.

Obwohl man darüber streiten kann, ob Shame als Porträt eines Sexsüchtigen dem Klischee des beziehungsgestörten Großstädters Substanzielles hinzuzufügen hat, gebietet Fassbenders Leistung Respekt. So souverän er sich durch die nächtlichen Kampfzonen auch bewegt, so sehr bewahrt er in seiner Nacktheit am Ende etwas Kreatürliches. Mit seiner schmalen Statur und den - ist er einmal allein - nachlässig, ja verschlampt wirkenden Bewegungen bedient der 34-Jährige nur bedingt sein Image als Frauenschwarm. Über die Rolle spricht er in Interviews durchaus mit Humor: "Ich sagte meinen Partnerinnen im Film: 'Legen wir los, dann ist's bald wieder vorbei' - es klingt schrecklich, wie einer dieser schlechten Aufreißsprüche."

Mit dem britischen Regisseur und bildenden Künstler Steve McQueen verbindet Fassbender eine besondere Beziehung, war es doch McQueens Filmdebüt, das dem Sohn eines Deutschen und einer Irin zum Durchbruch verholfen hat. Hunger stellt die Ereignisse im nordirischen Maze-Gefängnis nach, in dem IRA-Kämpfer 1981 in Hungerstreik traten. Fassbender spielte Bobby Sands, einen der Häftlinge, der schließlich starb - um ihn glaubwürdig zu verkörpern, nahm er mithilfe einer strengen Diät so viel ab, bis sich die Knochen unter seiner Haut bedrohlich abzeichneten.

Zeigt Fassbender in der Zusammenarbeit mit McQueen körperlich-performativen Einsatz, so hat er in den letzten Monaten seine Bandbreite auch in ganz anderen Parts bewiesen. In David Cronenbergs A Dangerous Method spielt er als C. G. Jung die konträre Rolle zu Shame: einen Mann, der Gefühle, Triebe und Begehren erforscht, aber diese sich selbst kaum zugestehen will. Die in sich gekehrte, brütende Präsenz dieses Mannes strahlt eine tiefe Traurigkeit aus, während sie in der Charlotte-Brontë-Adaption Jane Eyre geradezu dämonische Qualität annimmt: Fassbender spielt Rochester wie einen Vampir, in dessen bohrendem Blick man schon die Geheimnisse erahnen kann, welche die Handlung erst viel später lüften wird. Einen ähnlich ambivalenten Verführer gab er schon in Andrea Arnolds Fish Tank.

Flexibler "Basterd"

Mit Sicherheit erklärt auch Fassbenders Herkunft seine Flexibilität: Er wurde in Heidelberg geboren, seine Kindheit verbrachte er in Killarney, einer Kleinstadt im Süden Irlands. Lange Zeit sprach er auch Deutsch - einen Eindruck davon kann man sich in Quentin Tarantinos NS-Husarenstück Inglourious Basterds machen, in dem er einen schönen Monolog über seine Herkunft aus den Alpen hat. Neben Hunger war es dieser Film, der ihm in Krisenzeiten attraktive Angebote bescherte. Davor, sagt Fassbender ironisch, war er "ein 30-jähriger Unbekannter männlichen Geschlechts".

Dies hat sich mittlerweile auf dramatische Weise geändert. Fassbender taucht plötzlich überall auf - auch in Steven Soderberghs Haywire, wo er sich von der Heldin im Hotelzimmer verprügeln lässt -, einzig eine Oscar-Nominierung blieb ihm dieses Jahr noch verwehrt. Demnächst wird er in Ridley Scotts mit Spannung erwartetem Science-Fiction-Film Prometheus zu sehen sein, der lose mit der Alien-Saga in Verbindung steht.

Auch in McQueens nächstem Projekt, dem Sklavendrama Twelve Years a Slave, wird er wieder mitwirken, dieses Mal nicht in der Hauptrolle. Eines ist jedenfalls sicher: Michael Fassbender ist weiter auf Kurs.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 10./11.3.2012)

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