Pariser Mode mit vielen Wickeln und immer neuen Namen

Bei den Pariser Modeschauen für kommenden Herbst und Winter waren wenige Kollektionen zu sehen, die auf ganzer Linie überzeugten - Zu den Ausnahmen zählten Haider Ackermann und Balenciaga

Wer wird der neue Designer bei Dior? Die Rätselfrage war das beliebteste Gesellschaftsspiel während der Pariser Designerschauen für Herbst/Winter 2012/13. Bleibt die "Notlösung" Bill Gaytten, John Gallianos ehemalige "rechte Hand", der nach dem Rausschmiss seines Chefs seine zweite Kollektion zeigte?

Als Inspiration wählt er Diors New Look von 1947; trotzdem sehen die schönen, taillenbetonten Jacken zu den wadenlang-schwingenden, weiten Röcken wie die kommerziellere Zweitlinie des Hauses aus. Oder kommt doch Raf Simons nach dem Bruch mit Jil Sander? Ganz neu ist der erst 27-jährige Maxime Simoëns im Gespräch, das "Wunderkind" der Pariser Couture, der auch Alltagsmode für das verstaubte Traditionslabel Léonard entwirft. 

Marc Jacobs mit Tirolerhüten und Tulpenröcken

Nur von Marc Jacobs spricht niemand mehr. Seine Gagenforderungen sollen zu hoch gewesen sein. Für Louis Vuitton setzte er dafür mit Tirolerhüten und Tulpenröcken auf einen modernisierten Paul-Poiret-Look. Auch bei Yves Saint Laurent vollzog sich ein Wechsel. Nach sieben Jahren verabschiedet sich Stefano Pilati mit einer breitschultrigen Ganz-in-Schwarz-Kollektion, die wieder einmal wenig mit Yves' großem Erbe zu tun hat.

Ihm folgt überraschend Hedi Slimane nach, Saint Laurents eigene Wahl für seine Männerkollektion - der aber noch nie Mode für Frauen entworfen hat! Vielleicht ist das alles gar nicht mehr so wichtig. Denn die Musik spielt mittlerweile an anderen Plätzen.Balenciagas Nicolas Ghesquière und Haider Ackermann, ein Kolumbianer mit französischem Pass, sind in dieser Saison die einzigen, die eine Vier-Sterne-Kollektion zeigen. Sie sind wie Himmel und Erde, wie die Zukunft der Mode und das Wissen um deren Vergangenheit. Lädt Ghesquière ins 27. Stockwerk von Citroëns Crystal Tower mit einem Rundumblick über das nebelumflorte Paris, so zelebriert Ackermann seine Entwürfe im golden überladenen Festsaal des geschichtsträchtigen Rathauses. 

Ackermann mit dramatischen Draperien

Wirken Ghesquières kunstvolle Materialcollagen mit ihren klaren Linien immer futuristisch und kompromisslos modern, so sind Ackermanns dramatische Draperien und raffinierten Schnitte auf der Basis maskuliner Klassik einfach atemberaubend. Für Balenciaga illuminiert Ghesquière stumpfe Grautöne mit sphärischem Blau, Ackermann hingegen schwelgt in Safran und Curry zu Campari-Rot und gebranntem Orange.

Er vermittelt enggegürteten Motorradjacken aus kernigem Leder durch wellenartig wogende Schoßtaillen über lianenschlanken, wadenlangen Rockfutteralen eine überraschende Feminität. Ghesquière jedoch verblüfft durch Sportlichkeit mithilfe abgeräumter Space-Age-Blousons, sogar zu steif abstehenden Glockenröcken und weichen, stoffreichen Hosen. Charlotte Gainsbourg, Nicolas' Muse, ist wieder einmal begeistert. Hingerissen ist aber auch Tilda Swinton aus altem schottischen Adelsgeschlecht, welche die erste war, die Haider Ackermanns Mode über den roten Teppich trug.

Dries Van Noten hält mit

So legen diesmal die beiden die Messlatte so hoch, dass nur wenige ihrer Kollegen mithalten können. Dries Van Noten schafft es, indem er seinem Mustermix abschwört und stattdessen auf wadenlange, weite Röcke und knappe Gürteljacken Farbflächen mit Barockrahmen druckt, zerschnitten und wie kubistische Bilder wieder zusammengesetzt. Schön sind großzügige Mäntel, die partiell die Arabesken chinesischer Kaisergewänder zeigen. Bei Balmain erstarren breitschultrige Achtzigerjahre-Blousons unter strassgespickten Perlenstickereien, die der neue Designer Olivier Rousteing um kitschige Gobelinrosenbouquets gruppiert.

Sogar Karl Lagerfeld kann diesmal nicht mithalten, wenn er versucht, für Chanel die mineralisch schimmernde, überlebensgroße Kristalllandschaft seines Défilés mithilfe von Lurexglitzer und Pailletten auf Cocos Tweed zu übertraten. Nur die neue Silhouette gefällt allgemein: ein enggegürteter Anorak über einem kniekurzen Glockenrock zu knöchellangen Schlauchhosen verbindet Feminität mit Sportlichkeit. Doch im Umgang mit noppigen Wellstoffen ist diesmal Peter Copping um eine Nasenlänge voraus. Für Nina Ricci zeigt er Kostüme mit geräumigen, hüftlangen Jacken zu hüftschmalen Röcken mit aufspringendem Faltenrock in Unterknielänge. In Altrosa und Mauve zu Grau, Schwarz und der Trendfarbe Ochsenblut sehen sie auf pariserische Art hinreißend altmodisch und modern zugleich aus.

Alber Elbaz schafft Spagat

Diesen Spagat, die Vergangenheit mit der Zukunft in Einklang zu bringen, schafft spielend auch Alber Elbaz, der bei Lanvin, im Gegensatz zu seinen anfangs erwähnten Kollegen, sein Zehn-Jahr-Jubiläum mit einem Tanzfest feiert. Schlichte Tageskleider in strahlendem Mimosengelb, Fuchsia oder Saphirblau sind bei ihm aus Neopren und verblüffen durch raffinierte Schulterbetonungen und Schößcheneffekte im Stil der Hollywood-Forties.

Sie sind in dieser Saison omnipräsent und flirten am Abend auf schwarzen Satinkleidern mit weißen Rüschenkaskaden. Ellbogenlange Handschuhe und Fuchsboas komplettieren. Und beim Finale singt Alber seinem Publikum ein Ständchen: Doris Days "Que sera, sera!" (Peter Bäldle, DER STANDARD, 10.3.2012)

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