Die Frau als reines Ausbeutungsobjekt

Gastkommentar

"Germany's next Topmodel" & Co. manifestieren in der Jugend ein Frauenbild, das vor der zweiten Welle des Feminismus angesiedelt ist

Natürlich muss es die Freiheit für Frauen (wie auch für Männer) geben, eine Karriere auf ihrem Aussehen oder ihrer Sexualität aufzubauen. Das steht nicht zur Debatte. In Sendungen wie "GNTM" (Germany's Next Topmodel) werden aber seit Jahren im großen Stil junge Frauen und Mädchen durchgereicht. Und bei allem Gegenhalten der Macher, sind diese am Ende doch vor allem zweierlei: Projektionsflächen für die jungen Zuschauer und Sexsymbole. Letzteres macht dann auch den Unterschied zu anderen Fernsehsendungen wie der "Super Nanny" aus, in der Menschen genauso bloßgestellt werden.

Dass der Trend zum Unterschichtenfernsehen (im Sinne von Paul Nolte) in den Privaten auch diese Bereiche erreicht hat, ist logisch: Sex funktioniert in den Medien halt immer.

Junge Menschen glauben, was sie im Fernsehen sehen

Brisant wird das Ganze dann, wenn man auf jüngste Studien blickt. Lange vermutet, jetzt bewiesen: Junge Menschen, vor allem aus den bildungsfernen Schichten, glauben unhinterfragt das, was sie im Fernsehen sehen. Für Heidi Klums Sendung und ähnliche Programme heißt das vor allem: Viele Jugendliche wollen entweder so werden wie die Topmodels, oder übernehmen unhinterfragt das präsentierte Frauenbild - beides keine Perspektiven, die man ernsthaft einer Heranwachsenden wünschen möchte.

Und so ist mal wieder die Industrialisierung das, was das Problem erst zu einem echten macht. In den Neunzigerjahren, als es noch echte Topmodels gab, lagen Mailand, Paris und L.A. genauso weit weg, wie sie für die meisten deutschen Jugendlichen in Castrop-Rauxel & Co. tatsächlich auch sind. Heute vermitteln Model-Sendungen und Mode-Magazine den Eindruck, jeder könnte es schaffen (was das für das Selbstbild von Menschen, die nicht dem Schönheitsideal dieser Sendung entsprechen, bedeutet, mal außen vor).

Frauenbild wie in den Sechzigerjahren

Noch problematischer wird es beim präsentierten Frauenbild. In fast jeder Episode rekeln sich die jungen Teilnehmerinnen irgendwo halb nackt, genau wie in der ersten Folge der neuen Staffel. Damit präsentiert die Sendung die Frau als reines Anschauungsobjekt. Eigene Meinung oder gar Würde muss bei Pro7 an der Haustür abgegeben werden. Wer sich querstellt oder Bedenken hat, fliegt raus: Denn so sei "halt das Model-Business".

Still und heimlich - und vielleicht gar nicht mal beabsichtigt, sondern nur billigend in Kauf genommen - wird so ein Bild vermittelt, das frappierend an die Zeiten des Wirtschaftswunders erinnert. Eine Zeit, in der Frauen vor allem eines mussten, dem Mann nützlich sein.

Die Ausbeutung durch die damals komplett männlich dominierte Gesellschaft, gegen die Feministinnen wie Kate Millett kämpften, wird bei "GNTM" wieder stillschweigend eingeführt - auch wenn sich die Lebensumstände natürlich gravierend verändert haben.

Das Abendland geht nicht unter

Natürlich geht wegen "Germany's Next Topmodel" nicht das Abendland unter und auch der jahrzehntelange Kampf der Feministinnen wird nicht zunichte gemacht. Denn, nur um das klarzustellen: Ich habe nichts gegen schön anzusehende Frauen. Wenn aber Frauen und Mädchen von Staffel zu Staffel präsentiert werden (und danach im Nichts verschwinden) wie in den Schaufenstern des Amsterdamer Rotlichtviertels, dann kann man zum Wohl des Landes nur hoffen, das in der späteren Entwicklung der Jugendlichen möglichst viele diesen faulen Zauber durchschauen. Denn Pro7 wird seinen Fernsehpuff nicht einstellen, solange es genügend Menschen gibt, die einschalten. (Thore Barfuss, derStandard.at, 12.3.2012)

Autor

Thore Barfuss, The European, arbeitet als Journalist bei Cicero und The European.

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